Andrew Finden (Maik) und Karl Huml (Tschick)

Andrew Finden (Maik) und Karl Huml (Tschick)

© Foto: Klaus Lefebvre
Musiktheaterkritik

On the Road

von Ulrike Kolter

Ludger Vollmer: Tschick

Premiere: 18.03.2017 (Uraufführung)
Theater Hagen
Homepage: http://www.theaterhagen.de

Regie: Roman Hovenbitzer
Musikalische Leitung: Florian Ludwig
Autor der Vorlage: Wolfgang Herrndorf

Der Erfolgsroman „Tschick“ von 2010 ist ja nicht neu im Theater: In der Bühnenfassung von Robert Koall gehörte Wolfgang Herrndorfs Bestseller bereits eine Spielzeit nach seiner Uraufführung 2010 in Dresden zu den meistgespielten Stücken im Schauspiel deutscher Theater. Nun zieht das Musiktheater nach und das Theater Hagen zeigt die Uraufführung der Road Opera „Tschick“ von Ludger Vollmer.

Vollmer, 1961 in Ost-Berlin geboren, gehört bekanntlich zu den erfolgreichsten und produktivsten zeitgenössischen Komponisten – vor allem, was das Genre Jugendoper angeht. Seit seiner mehrfach preisgekrönten Vertonung von Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ bringt der Tonsetzer, Arrangeur, Pädagoge, Musiker und Vater von fünf Kindern im Akkord berühmte Stoffe auf die Bühne. In Hagen kennt man ihn zudem durch die Oper „Lola rennt“ nach Tom Tykwer; in dieser Spielzeit ist Vollmer außerdem „Komponist für Hagen“ und stellt sich hier neben der Uraufführung von „Tschick“ mit zwei Instrumentalwerken und einem Familienkonzert vor.

Die Road Opera „Tschick“ nennt er so, weil ständig Bewegung herrscht. Ganze 29 Szenen packen Vollmer und seine Librettistin Tiina Hartmann in zweieinhalb Stunden inklusive Pause. Da wird, ganz titelkonform, viel angerissen, eine Episode jagt die nächste Begegnung. Regisseur Roman Hovenbitzer hat das zur Uraufführung in Hagen humorvoll und rasant in Szene gesetzt. Man darf und sollte hier allerdings die Kenntnis des Romans voraussetzen, denn vor allem die ersten Kapitel aus dem Schulleben der zwei Außenseiter Maik und Tschick werden nur in einer kurzen Szene verhandelt, als Tschick vom Lehrer in der Klasse als Spätaussiedler eingeführt wird. „Wieder Hacke, wa?“ brüllt der Chor dem meist betrunkenen „Russen“ entgegen. Auch Maiks große Schul-Liebe Tatjana spielt hier nur eine nebengeordnete Rolle. Es folgen einige Episoden vor der Villa der Klingenbergs – Maiks Vater Immobilienhändler (Rainer Zaun), die Mutter (Marilyn Bennett) alkoholkrank und betrogene Hausfrau – ehe die Spritztour der Jungs gen Walachei beginnt.

Jan Bammes, der Bühne und Kostüme verantwortet, hat den alten Lada, den Tschick für die Reise geklaut hat, als abstrakt-schwarzen Kasten mit Lampen gebaut, den die zwei Ausreißer beliebig über die Bühne schieben können und der – das ist der Clou – für längere Autofahrten frontal ins Publikum gedreht wird, während dahinter Videoprojektionen von skizzierten Hochhäusern, Landschaften oder einfach nur farbigen Klecksen vorbeiziehen (Video/Projektionen: Krista Burger). Das ist nicht nur ziemlich unterhaltsam anzusehen, sondern vermeidet durch die bunten Grafiken auch eine zu real-kitschige Bebilderung. Zudem kommentiert eine Laufschrift über der Bühne mit prägnanten Schlagworten die Szenen („Scheiße, die Bullen!“ oder „CRASH“ beim Unfall).

Der australische Bass Karl Huml gibt den Tschick ganz romantreu mit der richtigen Mischung aus Coolness und Empathie, sein Kumpel Maik ist mit dem Bariton Andrew Finden (ebenfalls gebürtiger Australier) ein unsicherer, zappeliger Teenager, dem ständig die Brille von der Nase rutscht. Als dann noch Isa (vollends überzeugend in fokussierter Stimmführung wie energetischer Rollendarstellung: Kristine Larissa Funkhauser) zu den beiden stößt und Maik neben aller Abenteuerlust erste Gefühle zu ihr entdeckt, lässt Regisseur Hovenbitzer auch ganz poetische Bilder zu, Momente des Innehaltens. Da wird ein Badesee im Gebirge mittels bühnenbreitem Schattenspiel händisch eingefügt auf die Gaze gezaubert, baden tun die drei dann in quaderförmigen, wassergefüllten Würfeln, die an Sasha Waltz „Dido and Aeneas“ erinnern lassen.

Auch gibt es grandios komödiantische Szenen wie jene bei der durchgeknallten Familie Friedemann, wo Tschick und Maik zum Essen eingeladen werden und ein Quiz um den Nachtisch unter den Geschwistern entbrennt. Und es taucht immer wieder der vom Regisseur klug integrierte Chor auf, mit gezeichneten Masken zur anonymen Masse geformt, gibt mal Schülerschar und mal grunzende Schweineherde, die nach dem letzten Autobahn-Unfall von Tschick und Maik aus einem umgekippten LKW entfleucht.

Ludger Vollmers Komposition ist vor allem energetisch, dröhnt mit viel Perkussion und Blech über die Weiten der Autobahn, findet aber auch lyrische Momente, etwa wenn der Richter nach finalem Urteilsspruch arienhaft sein Mitleid mit beiden Jungs ausbreitet. Es gibt gesprochene Dialoge, gerappte Passagen mit zwei Breackdancern, Mozart-Anklänge, viel jazzige Elemente und reichlich atonal-Krachendes, was Florian Ludwig als musikalischer Leiter einigermaßen erfolgreich zusammenhält (zumal auch Schlagwerk am Bühnenrand postiert ist).

Dem künstlerischen Team ist also eine fulminante, humorvolle Uraufführung gelungen, unterhaltsam, überbordend, und bereit, nachgespielt zu werden. Ob die Oper „Tschick” allerdings am Erfolg der Schauspielversion kratzen kann, bleibt abzuwarten.