Markus Liske (Graf Albert), Eric Schubert (Gaston), Noa Danon (Marietta), Thomas Florio (Fritz) und Manfred Wulfert (Victorin)

Markus Liske (Graf Albert), Eric Schubert (Gaston), Noa Danon (Marietta), Thomas Florio (Fritz) und Manfred Wulfert (Victorin)

© Foto: Nilz Bo?hme
Musiktheaterkritik

Der Traum, der aus dem Rahmen fällt

von Joachim Lange

Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt

Premiere: 23.01.2016
Theater Magdeburg
Homepage: http://www.theater-magdeburg.de

Regie: Jakob Peters-Messer
Musikalische Leitung: Kimbo Ishii
Autor der Vorlage: Paul Schott

Karen Stone, die Intendantin der Oper in Magdeburg, hat sich an das Werk eines 23-Jährigen gewagt. Der Komponist heißt Erich Wolfgang Korngold. Und seine 1920 gleichzeitig in Hamburg und Köln uraufgeführte „Tote Stadt“ wurde und blieb der größte Erfolg seines Lebens. Den übertraf er auch nicht als Oscar-gekrönter Impulsgeber des Hollywoodsounds im US-Exil. Einen vom Rassenwahn der Nazis Verfemten, der es als Opern-Jungspund in Sachen Überwältigungsmusik spielend mit Richard Strauss oder Puccini aufnehmen konnte, ins Repertoire zurückzuholen, das ist per se ein Verdienst. In diesem Falle ist es auch fürs Publikum ein Leichtes, diesem Unterfangen zu folgen, da es nach den Jahren erzwungenen Vergessens auf diese großartig soghafte, unbekümmert amalgamierende und doch ihren eigenen Ton findende Musik dank der Spielplanpräsenz von Puccini- und Strauss-Opern allemal vorbereitet ist. In Sachen Korngold gibt es eine seit einigen Jahren Fahrt aufnehmende Wiederentdeckungsreise mit Déjà-vu Rückenwind. 

GMD Kimbo Ishii setzt am Pult der Magdeburgischen Philharmonie denn auch vor allem auf diesen Effekt und zelebriert den großen Ton. Er bietet sozusagen einen Über-Strauss zum Angewöhnen. Was er durchaus manchen kann, denn die Sänger und da insbesondere der trauernde Paul von Wolfgang Schwaninger hält dem Orchester mit Kraft, Routine und mit seiner lyrisch kernigen Stimme, bei der sich Tamino- und Bacchus-Erfahrung verbinden, souverän stand. Auch Noa Danon spielt als Marietta ihre ganze darstellerische und stimmliche Attraktivität aus, um zumindest die scheiternden Versuchung Pauls glaubhaft zu machen, an ihrer Seite ins Leben zurück zu kehren. Da auch die Haushälterin Brigitta mit Undine Dreißig und Pauls Freund Frank mit Roland Fenes ebenso hervorragend besetzt sind, wie die Schauspielertruppe, von der vor allem Thomas Florio als Pierrot Fritz seine Chance nutzt, sich mit dem unverwüstlichen „Mein Sehnen, mein Wähnen“ in die Herzen des Publikums zu singen, sich der Rest des Ensembles und der Chor nahtlos einfügen, ist dieser Entdeckerabend ein musikalischer Hochgenuss. Durchaus mit Suchtgefahr. Besonders beim Hit der Oper „Mein Glück, das mir verblieb“, das Paul noch einmal allein am Ende wiederholt.  

Die Regie von Jacob Peters-Messer setzt darauf, die Geschichte weniger in die psychologisierend symbolistische Traumdeutung entschweben zu lassen, als vielmehr in Richtung eines handfesten Scheiterns von Trauerarbeit zu erden. Pauls Versuche seiner fast schon krankhaften, gar ins Ersatzreligiöse überhöhten Trauer um seine geliebte Marie ausgerechnet in der sterbenden Stadt Brügge zu entkommen und ins Leben zurückzukehren, enden in der Katastrophe. Nicht wie bei Korngold in einem sozusagen therapeutisch geträumten, sondern in einem ganz realen Mord. Diesmal bleibt die heitere, dem Leben und der Liebe zugewandte Marietta, die beharrlich gegen Maries Übermacht angekämpft hat, tatsächlich tot am Boden liegen. Paul hat sie mit den aufbewahrten Haaren der Toten erdrosselt.

Hinter dem großen Rahmen oder Portal, das wie ein Fenster zur Wirklichkeit oder zur todessüchtigen Stadt mal mit Vorhängen, mal mit Jalousien verhängt ist, wird nach dem Mord ein Personal sichtbar, das einen Delinquenten, der nichts dafür kann, in seine Obhut nehmen könnte. Doch das Sinken des Vorhangs nach dem letzten „Mein Glück, das mir verblieb“ lässt die Frage, was (Alp-)Traum, was Wirklichkeit ist doch wieder offen. Die Außenwelt war zu Paul nur als Schauspielertruppe oder als Prozession vorgedrungen. Aber auch da blieb alles unwirklich, und die Regie hielt sich vornehm zurück. Die Damen und Herren von der Schauspieltruppe in Strapsen und die Priester mit rotgeschminkten Lippen und einem Knaben zum Begrabschen genügen. Die Melange aus Psychologie und Atmosphäre, die Peters-Messer und sein Team (Bühne: Guido Petzold, Kostüme: Sven Bidseil) finden, passt alles in allem maßgeschneidert zu dieser Musik.  Am Ende – durchatmen und ungetrübter Beifall.