Gott, welch Dunkel hier! Szene aus Klaus Weises szenischer Installation „Der entfesselte Fidelio“, produziert vom Theater Bonn und gezeigt in einem aufgelassenen Verwaltungsgebäude der Stadt.

Gott, welch Dunkel hier! Szene aus Klaus Weises szenischer Installation „Der entfesselte Fidelio“, produziert vom Theater Bonn und gezeigt in einem aufgelassenen Verwaltungsgebäude der Stadt.

© Foto: Thilo Beu
Musiktheaterkritik

Kunst im Bau

von Andreas Falentin

Klaus Weise: Der entfesselte Fidelio oder das Blut der Freiheit

Premiere: 18.09.2011 (Uraufführung)
Theater Bonn im Landesbehördenhaus
Homepage: http://www.theater-bonn.de/

Regie: Klaus Weise
Autor der Vorlage: Ludwig van Beethoven

Was bleibt von Ludwig van Beethovens einziger Oper, wenn man die Musik (fast) komplett weglässt – und den Text? Die Ausstatterin Dorothea Wimmer hat zehn Räume im ehemaligen Bonner Polizeipräsidium akribisch zur Begehung eingerichtet. „Der entfesselte Fidelio oder das Blut der Freiheit“ nennt Klaus Weise, noch Generalintendant in Beethovens Geburtsstadt, seine begehbare Installation, in der die Oper stets präsent ist – als Inspirationsquelle und Assoziationsraum.

Der Extrachor der Bonner Oper intoniert Beethovens Gefangenenchor in Polizeiuniformen und führt das Publikum in die finstere, feuchte Tiefgarage. „Gott, welch Dunkel hier!“ Aus dem Zellentrakt dringen Gefangenenschicksale ans Ohr, in gleich aussehenden Büros monologisieren gleich aussehende junge Menschen ins Telefon und wechseln auf akustische Signale hin den Arbeitsplatz. Auf Bildschirmen salbadert Berlusconi und frieren die Flüchtlinge auf Lampedusa. Identisch gekleidete, langbeinige junge Frauen signalisieren traurig Verfügbarkeit. In der berückend scheußlich hergerichteten Hausmeisterwohnung spitzt sich die Skizze eines Ehedramas zu. „Hart ist des Kerkermeisters Los!“ „Fidelio“ kommt hier kratzend vom Plattenteller und im Fernsehen läuft lautlos „Watership down“, Zeichentrick-Utopie mit Kaninchen.

Viel zu sehen gibt es und zu viel zu hören. Nietzsches „Mistral-Lied“ wird ebenso bemüht wie die Apokalypse und etliche andere Quellen, die etwas gewollt ausdruckslos – und nicht selten durcheinander – exekutiert werden. Es sind die Bilder, die sich einprägen: fremdartige, durch die Gänge geisternde Figuren; die Statue einer hinduistischen Gottheit, die im Treppenhaus herumsteht wie ein vergessenes Asservat; eine wie von einer Riesenhand geknickte Sicherheitstür; die ruhigen, weißen Pferde im Hof, die roten Farbspritzer an den ungewöhnlichsten Stellen; die weiße Kantinenlounge, in deren Sitzen man zu verschwinden droht und schließlich das „Landesbehördenhaus“ selbst, (nur?) an diesem Abend Baustoff gewordener Irrweg eines sich krank verwaltenden gesellschaftlichen Systems.

Zum Schluss werden mit zittriger Stimme Volkslieder intoniert wie eine ferne Erinnerung. Es teilt sich mit: Der Weg ist nicht gut. Wir müssen einen besseren finden. Wir haben ja schließlich auch durch diesen Abend gefunden. Das ist gar nicht neu, aber so sinnlich, eindringlich und grob wie in diesem Monstrum aus Waschbeton, Glas und Linoleum hat uns das noch keiner vor den Latz geknallt – außer Beethoven in „Fidelio“ vielleicht.