Musiktheaterkritik

Kein Himmel auf Erden

von Annette Poppenhäger

Karol Szymanowski: König Roger

Premiere: 15.01.2011
Staatstheater Mainz
Homepage: http://www.staatstheater-mainz.com

Regie: Joan Anton Rechi
Musikalische Leitung: Andreas Hotz

Der Himmel hängt voller Götter, Götzen und Heiligen aus Gips. Ein heiter-dicker Buddha gleich neben einem ägyptischen Herrschergott, ein geflügelter Löwe, ein mächtiger Stierkopf, die vertraute Mutter Gottes und Jesus neben klassisch-antiken Venusdarstellungen. Ab und an werden sie herabgelassen und stehen, sitzen, liegen dann stumm rum. Zum Schluss ist die Bühne wie leergefegt und gibt den Blick frei auf die Brandmauer. Wir sollen wohl ohne tröstliche Heilsfiguren auskommen, zumindest in Mainz, wo im einfachen wie stimmungsvollen Bühnenbild von Alfons Flores die selten gespielte Oper „König Roger (Der Hirte)“ des polnischen Komponisten Karol Szymanowski in packenden eineinhalb Stunden zu sehen ist.

Ein geheimnisvoller Hirte verführt im mittelalterlichen Reich von König Roger (Vorlage liefert der historische Normannenkönig Roger auf Sizilien) mit seinen Reden von Freiheit und einem schönen, jungen Gott zunächst das Volk und dann auch die Königin Roxane. Selbst Roger fühlt sich zu dem Hirten hingezogen und entsagt erst im bewegenden Finale dem neuen Kult. 1926 in Warschau uraufgeführt besticht die Oper, die viel von einem Mysterienspiel, einem Seelendrama hat, durch ihre Tonsprache. Anklänge an Strauss und Schreker, Skrjabin und Strawinsky lassen sich heraushören und doch komponierte Szymanowski in seinem unverwechselbaren Stil. Dirigent Andreas Hotz bringt das alles eindringlich zu Gehör, ein glänzendes Sängerensemble mit Ryszard Minkiewicz als Hirte (der diese Partie schon in der legendären Rattle-Aufnahme gesungen hat), Susanne Geb als Roxane und Heikki Kilpeläinen als König, ein bestens einstudierter Chor sowie der Knabenchor des Mainzer Doms, stehen ihm zur Verfügung.

Vorbild für den Stoff und die Figur des Hirten lieferten auch Euripides „Bakchen“ und die Geschichte um Dionysos, den Gott des Rausches und der Ekstase. Regisseur Joan Anton Rechi setzt die religiöse Verzückung der Menge sehr schicklich in Szene – der Chor entkleidet sich und steht in Unterwäsche da. Das erinnert zwar nur entfernt an rauschhafte Raserei, dient aber klar der Konzentration auf Story und Musik. Ohren auf – in Mainz, wo alle Götter im Himmel bleiben.