Der Unschuldige und die Drag-Queen: Alexander York und Samantha Gaul in Lorenzo Fioronis Inszenierung „Simplicius Simplicissimus".

Der Unschuldige und die Drag-Queen: Alexander York und Samantha Gaul in Lorenzo Fioronis Inszenierung „Simplicius Simplicissimus".

© Foto: A. T. Schaefer
Musiktheaterkritik

Trauma-Patienten

von Klaus Kalchschmid

Karl Amadeus Hartmann: Simplicius Simplicissimus

Premiere: 02.06.2017
Theater Augsburg
Homepage: http://www.theater-augsburg.de

Regie: Lorenzo Fioroni
Musikalische Leitung: Domonkos Héja
Autor der Vorlage: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

Nein, an die einladend weiß, aber steril gedeckten Tische unter einer gefährlich eingebrochenen Decke (Bühne: Piero Vinciguerra) und auf die ebenso weißen Stühle darf sich keiner setzen. Doch noch bevor der letzte Zuschauer in der Brechtbühne seinen Platz um die Spielfläche herum gefunden hat, schlurfen die ausschließlich männlichen Insassen einer Kriegstrauma-Klinik mühsam einzeln herein und bekommen etwas von adretten Krankenpflegerinnen serviert; jeder sichtbar gefangen in seiner eigenen Welt und mit einem Tick behaftet. Beklemmung stellt sich ein, noch bevor ein einziger Ton erklungen ist vom solistisch besetzten Orchester, das zunächst verstaubt und leblos wie die Reste einer vom Bombenhagel überraschten Salonmusikkapelle (später prägnant geführt von GMD Domonkos Héja) auf einem steil ansteigenden Podium an einer der vier Seiten der ebenerdigen Spielstätte sitzt. Zugrunde liegt also die reduzierte, erst 1976 in München an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführte Fassung von Karl Amadeus Hartmanns Kammeroper „Simplicius Simplicissimus“ aus dem Jahr 1934 nach dem gleichnamigen Roman von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen (1668/69). Aus 800 Seiten hat Hartmann zusammen mit Hermann Scherchen und Wolfgang Petzet ein 80-minütiges Werk für das Musiktheater gemacht, das gerade in dieser Fassung den Charakter einer Collage annimmt und die gewollten Brüche im Musikalischen wie Szenischen betont.

Die Trauma-Patienten spielen nun also in einer Therapie nach, was sie einst Schreckliches erlebt haben. So wird das Geschehen aus dem Dreißigjährigen Krieg mit seinen Millionen Toten durch Schlacht und Krankeit und den Konflikt zwischen der Unterschicht und dem reichen Adel ohne eine Änderung im Text ganz nah in die Gegenwart gerückt. Der „Bauer“ ist einer der am schwersten Geschädigten, er wird von Georg Festl mit einer unter die Haut gehenden Unmittelbarkeit gesungen und gespielt. Bald aber rückt „der Simpli“, der Einfältige, das Kind, der zarte Junge in einem Mädchenkörper in den Vordergrund. Die blutjunge Samantha Gaul – auch schon Sophie Scholl in Udo Zimmermanns „Die weiße Rose“ am gleichen Ort – spielt die Titelpartie mit wundersamem Staunen in den Augen und unschuldigen Bewegungen, singt sie dabei auch noch mit einem so zauberhaft reinen Sopran, dass man stets um das Schicksal des Jungen bangt und zugleich tief im Innersten weiß, dass er alle Unbill unbeschadet überstehen wird. Was für eine schöne Szene, wenn er/sie aus Weingläsern eine Tanne aufschichtet, die alsbald in sich zusammenfällt. Fatal nehmen sich die Erziehungsversuche des „Einsiedel“ aus. Denn in der großartigen Inszenierung von Lorenzo Fioroni (hier geht es zu seiner Augsburger „Carmen“-Inszenierung) und bei Charaktertenor Mathias Schulz ist der ein durchaus zwielichtiger Charakter, der am Ende den Simplicius zum Komplizen bei seinem Suizid mittels Giftspritze aus dem Sanitätskoffer machen will. Wenn der „Einsiedel“ das beflissen aufgesagte, aber durch Hörensagen nicht ganz richtig gelernte Vaterunser des Simplicius korrigiert, ahnt man, dass dies nicht unbedingt etwas Gutes bedeuten muss.

In der dritten Szene („Bankett beim Gouverneur“) findet sich der Kleine im grellen Monströsitäten-Kabinett einer feierwütigen Oberschicht wieder – wunderbar gespielt und gesungen vom Chor des Augsburger Theaters. Es gleicht einem mittelalterlichen Totentanz, könnte aber auch von George Grosz gemalt oder einer schrägen Halloween-Party entflohen sein (Kostüme: Katharina Gault). Also tritt hier der großgewachsene, muskulöse Alexander York, der den Hauptmann singt, als Dragqueen auf. Und er macht dies furios und mit großer Selbstbewusstheit, obwohl er erst „Eleve im Ensemble“ ist, wie das Programmheft vermerkt. Eine riesige Puppe wird zum mißhandelten Fetisch, der schließlich aufgehängt und zerfetzt wird. Am Ende aber streckt Bombenhagel alle nieder – und wieder ist Simplicius Simplicissimus, der Einfachste aller Einfachen, allein: „Gepriesen sei der Richter der Wahrheit“ singt er schlicht, während die Toten leise in Vokalisen summen.