Szene mit Sophie Berner und Robert Johansson

Szene mit Sophie Berner und Robert Johansson

© Foto: Jutta Missbach
Musiktheaterkritik

Manche mögen's heißer

von Dieter Stoll

Jule Styne: Sugar – Manche mögen’s heiß

Premiere: 29.10.2016
Staatstheater Nürnberg
Homepage: https://www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Thomas Enzinger
Musikalische Leitung: Volker Hiemeyer
Autor der Vorlage: Peter Stone

Für einen kurzen Moment mag der leidlich sachkundige Musical-Freund bei der Nürnberger Premiere die Orientierung verloren haben. Gleich im ersten Bild, nach dem Abhaken der zur Identifizierung nur bedingt geeigneten Ouvertüre, öffnet sich der Vorhang vor riesigen Glitzer-Buchstaben, die das  Wort CHICAGO bilden.  Süffisanter Hinweis auf die direkte Konkurrenz von John Kander? Nein, so subtil wird an diesem Abend nicht gewitzelt, es ist bloß eine Ortsangabe – von hier aus startete schon der Film „Manche mögen`s heiß“ von Billy Wilder, den sich „Funny Girl“-Komponist Jule Styne 1972, also dreizehn Jahre nach dem absolut genialen Kino-Knüller, als Vorlage seiner ausdrücklich auf zwei Genre-Beinen stehenden „Musical-Komödie“ mit dem Titel „Sugar“ nahm. Regisseur Thomas Enzinger, weithin geschätzter Entertainment-Spezialist zwischen Wien und Dortmund,  verlängert damit den Nürnberger Spielplan-Schwerpunkt „Broadway“, für den er bereits „My Fair Lady“ und „Kiss me, Kate“ beisteuerte. Doch diesmal ist es kein Selbstläufer.

Sweet Sues Damenkapelle der Society Syncopators besteht nun hauptsächlich aus Tanz-Girls, Gamaschen-Colombo ist nicht der Pate für die Freunde der italienischen Oper, sondern Vortänzer eines Stepdance-Sextetts, das wie ein abgehängter Waggon vom „Starlight“-Express über die Bühne rattert, auf den „kleinen Napoleon“ und sein Hörgerät müssen wir ganz verzichten – aber ansonsten viel Wiedersehen mit nur gelegentlicher Freude. Die beiden Pleite-Musiker flüchten also in Damen-Verkleidung vor den Gangstern und die naive Blondine kuschelt sich vorzugsweise an echte Saxophonspieler oder hochstaplerische Shell-Erben, während Bassist Jerry alias Daphne von Playboy-Oldie Sir Osgood an die bislang unkonventionellste Anlegestelle seines großen Hafens der Ehe gesteuert wird. Die Braut ist ein Mann? „Nobody´s perfect!“ Die unverschämten Drehbuch-Dialoge fliegen wie Rettungsringe in die trudelnden Bühnen-Turbulenzen.

Wer das Kino-Original nicht kennt, ist eindeutig im Vorteil bei dieser Nürnberger Opernhaus-Inszenierung von Jule Stynes Musical. Ganz junge Zuschauer, die in Marilyn Monroe bloß die Animation von Nostalgie sehen oder ziemlich alte, die dazumal in Spaßverderber-Pflichterfüllung Abstand hielten zu den drohenden Abgründen von liberaler Unmoral, werden nichts vermissen. In der Musical-Fassung, vor 44 Jahren unter auch heute noch erkennbaren Mühen bühnenkompatibel gemacht und erst nach 1989 übers Metropol-Theater der DDR (ich erinnere mich an einen  angestrengten Versuch von „Weltniveau“ an der Friedrichstraße) zögerlich in einigen deutschen  Stadttheatern angekommen, ist das Spiel mit der Frivolität immer auch gleich eine Rutschpartie zum Herren-Witz. Regisseur Thomas Enzinger, dem als Operetten-Routinier kein Kalauer fremd ist, hat nichts dagegen. Seine Inszenierung in der Bühnen-Totalen zwischen bunt bemalten Kulissenwänden (Ausstattung: Toto), die von intimen Szenen gar nichts hält, sogar die wunderbar wahnwitzige Knutsch-Therapie zwischen Sugar und Shell junior verblödelt und die Songs wie bremsende Show-Blöcke  behandelt, hantiert mit bekannten Versatzstücken. Glühbirnchen rahmen das Portal,  Straußenfedern und Beine fliegen hoch, Tanz-Artisten springen in alle Lücken. Sie haben reichlich zu tun.

In der Monroe-Rolle der Sugar Kane sucht die begabte Mikroport-Diva Sophie Berner vor allem Abstand zum Vorbild. Gertenschlank und burschikos ist sie fast ein Gegenentwurf, das musikalische Evergreen-Filmzitat „I Wanna Be Loved by You“, von Marilyn geschmachtet, schmettert sie wie eine Hymne. Andreas Köhler und Oliver Severin, Joe und Jerry alias Josephine und Daphne, demonstrieren singend und tanzend ihr Können, aber Charleys Tante ist ihnen denn doch deutlich näher als Jack Lemmon und Tony Curtis. Da überraschen die Auftritte von Sir Osgood  Fielding mehr, denn der Nürnberger Opern-Senior Richard Kindley (einer der wenigen Hausgewächse im  weitgehend gecasteten Ensemble) springt kopfüber singend wie springend in die Partie und mobilisiert beiläufig die angesparten Tenor-Reserven seines emeritierten Repertoires, als ob er Alfreds Grüße aus der „Fledermaus“ platzieren möchte. Na also, doch noch ein Freund der italienischen Oper.

Volker Hiemeyer, in Nürnberg für die Lockerungsübungen der Staatsphilharmonie zuständig, feuert das Orchester an und entlockt dem Graben neben knalligen Effekten erfreulich viele Ahnungen swingender Entspanntheit. An Stynes Inspirationsdefizit, diesem ständigen Eindruck, dass sich da ein Großer des Musicals an einem noch weitaus Größeren des Films schlichtweg verhoben hat, können sie nichts ändern.

Die Inszenierung lässt Steps klappern und Pistolen ballern, Statisterie wirbeln und Pointen fleißig aufsagen, stellt am Bug von Sir Osgoods Yacht gar das „Titanic“-Duo nach (und spielt für Begriffsstutzige ein Häppchen vom Soundtrack dazu ein), aber „Some Like It Hot“ schrumpft dabei immer mehr vom Gag-Giganten auf beliebiges Lustspiel-Format. Nobody`s perfect, klar! Aber: Manche mögen`s heißer!