Der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz

© Foto: Thomas Dashuber
Musiktheaterkritik

„Oh du mein Österreich“

von Roland H. Dippel

Johanna Doderer: Liliom

Premiere: 04.11.2016 (Uraufführung)
Staatstheater am Gärtnerplatz, München
Homepage: https://www.gaertnerplatztheater.de

Regie: Josef E. Köpplinger
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Autor der Vorlage: Ferenc Molnár

Nach ihren Opern „Der leuchtende Fluss“ (Erfurt 2011) und „Fatima“ (Wien 2015) war die Erwartung für das jüngste Werk von Johanna Doderer (geb. 1969) groß. Immerhin hatte Ferenc Molnár zur Vertonung seiner Vorstadtlegende „Liliom“ Giacomo Puccini eine deutliche Absage erteilt und ist die Musical-Adaption „Carousel“ von Richard Rodgers ein Klassiker bis heute. Eigentlich hätte die Uraufführung dieses Auftragswerks – als zweite folgt „Frau Schindler“ von Thomas Moore im März 2017 – bereits im rundum renovierten Theaterbau am Gärtnerplatz stattfinden sollen. Aufgrund baulicher Verzögerungen ist die Reithalle mit ihrer offenen Spielfläche, hinter der das Orchester sitzt, noch immer Spielort.

Der Herausforderung dieses „Mysteriums des Lebens“ (Aurél Kárpáti) an das Musiktheater steckt in der Verschachtelung von Komödie, Mysterienspiel, Proletarierdrama und dem Unausgesprochenen dazwischen. Sogar in der himmlischen Amtsstube fällt es dem Karussellausrufer Liliom schwer, seiner Liebe zu Julie Worte zu geben. Das Ringelspiel, Symbol des Lebenskreislaufes, ist der formprägende Rahmen für die überwiegend tonale Partitur Johanna Doderers.

Mit einigen Straffungen richtete Intendant und Regisseur Josef E. Köpplinger die Übersetzung Alfred Polgars, der das Kolorit vom Budapester Stadtwäldchen an den Wiener Prater zog, ein und übernahm geradlinig alle wichtigen Figuren und Situationen. Den Spielraum dafür konzentrierte Rainer Sinell mit wenigen Elementen: Unter der Karussellkrone ein Bahngleis, eine ärmliche Behausung, die himmlische Kanzlei. Das hat fast zu große Weite für eine Musik, die in geschlossenen, nummernartigen Abschnitten fortschreitet. Bis zum Schluss, wenn der Kinderchor „2066 Seelensterne“ zählt, ist ariose Dreier-Taktigkeit das vorherrschende Kompositionsprinzip.

Der Chor (einstudiert von Felix Meybier) steht in Schwarz dabei und kommentiert den missglückenden Raubüberfall Lilioms auf den Industriellen Linzmann. Die leicht halligen Microports nehmen da nicht nur Juan Carlos Falcon die Möglichkeit der vokalen Akzentuierung, machen das Klangbild noch weicher. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz lässt sich in mittelgroßer Besetzung sehr gerne darauf ein, süffig und stellenweise manieriert trifft es den Stil genau.

Für den Dirigenten Michael Brandstätter mag die instrumentale Farbvielfalt eine Riesenfreude bedeuten. Es ist ein abendfüllendes Paraphrasieren von Wohlklängen, stellenweise mit spektralen und nur ganz wenigen gehärteten Momenten. Johanna Doderer kann üppig instrumentieren, ansatzweise mit Klangfiguren altösterreichischer Musikalität. Michael Brandstätter und mit ihm Andreas Partilla, der - eigens dafür beauftragt - den Solisten auf der Bühne Sicherheit gibt, tauchen ein in diese Fülle, auf der die Stimmen dahingleiten. Und es bedeutet für das gesamte Ensemble wahrscheinlich eine Riesenanstrengung, Molnárs Sprachgenauigkeit, dessen Pausen, das beredte Schweigen zwischen Gefühl und Tat im gefühlten Gleichmaß der Tempi zu fassen. Das glückt sehr knapp gegen die Versuchungsanreize an die Hörenden, sich im cineastischen Pointilismus der Partitur zu verlieren. In diesem Sinne ist die Oper eine melodramatische Alternative zu Molnár mit vielleicht einer Spur zu weitflächigem Kolorit. Schausteller-Freaks – zwei männliche Punks in Mädchenkleidern, ein Ephebe mit Brustfell-Toupet – beobachten alles, dazu fahren auf breiten Pinselstrichen der Streicher Leierkasten-Akkordeon und Orchesterklavier in das ästhetisierte Genrebild. Das soll wohl genau wie Lilioms Strizzi-Dolle und Halbstarkenjacke hartes Proletarier-Flair ins Zeitlose ziehen. Sprechend für diese Haltung ist der falsche Fuchs in Pink, mit dem Alfred Mayerhofer die Ringelspiel-Besitzerin Frau Muskat ausstaffiert.

Ariosi auf langem Atem und häufig Wiederholungen ganzer Sätze macht Johanna Doderer in ihrer Partitur ebenfalls zum Werkprinzip. Aus dem feinmaschigen Netz der Dialoge Molnárs wird ein breiter Fluss, der in mäßiger Bewegtheit vorwärtsströmt. Momente, die wirklich stark sind, verschwinden in diesem Gleichmaß, etwa wenn Frau Muskat Julie an Lilioms Bahre erfolglos zur Versöhnung stimmen will, dann Julie dem Drechsler (Holger Ohlmann) einen Korb verpasst und damit ihr ärmliches Weiterleben besiegelt.

Josef E. Köpplinger setzte in seiner Inszenierung ganz auf die darstellerische Kraft des Ensembles, forcierte spielerischen Druck gar nicht erst gegen die Fülle der Musik. Vor allem die beiden Hauptfiguren profitieren davon: Camille Schnoor als Julie, deren Part zumeist aus pointierten Repliken besteht – melodische Bögen haben fast immer nur die Anderen. Sie modelliert mit zart-robuster Positur ein harsches Geschöpf, das dem Geschlechtsgefährten Liliom an Widerspruchslust und Vernunftverweigerung in nichts nachsteht. Und was für einem Liliom, den der Sparten-Allrounder Daniel Prohaska so geschmeidig-aggressiv und so glatt-wohltönend aufstellt! Der wird bis zum letzten Erdenbesuch bei seiner herangewachsenen Tochter Luise schwerlich fassbar und es ist ein gut überlegter Kunstgriff, ihn konträr zur erwarteten groben Kraft mit einem eher lyrischen Tenor zu besetzen.

Oder ist das kompositorisches Prinzip? Es scheint am gesamten Premierenabend, als schlinge die Musik einen medialen Rahmen um diese Vorstadtlegende, als feiere Johanna Doderer in großer Aufmachung ein aufgeschäumtes „Oh du mein Österreich“ mit nur wenig Figurengriffigkeit. In dieser Gruppierung setzt sich Angelika Kirchschlager als Ringelspiel-Diva trefflich in Szene. Das weiß man dann erst richtig zu schätzen, wenn erwartungsgemäß  zum Auftritt des kriminellen Ficsur (Matija Mei?) Atonales aus dem Orchesterhintergrund nach vorne wogt.

Im Vormärz Nestroys gab es das Genre des dramatischen Lebensbildes und dem scheint die in der Oper stark aufgewertete Figur von Julies Freundin Marie entsprungen. Cornelia Zink, die erst an der Komischen Oper in HK Grubers „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ein beklemmend-eindrucksvolles Mädel-Bild entäußerte, macht hier mit Wenig ganz Viel: Bis zum pseudomondänen Abgang spielt sie auch mit starker Stimme ein Volkstheater von herzig-realistischer Deutlichkeit.

Nach zwei Stunden voller kräftiger Bilder bleibt kaum noch Aufmerksamkeit für die Schlussszene, dem Kreativteam dieser Uraufführung ist da nicht mehr allzu viel eingefallen. Als Luise schafft es Katarina Fridland mit ihren letzten Fragen trotzdem, etwas von der emotionalen Bewegung aus Molnárs Stück hochzuwühlen. Starker, nicht allzu langandauernder Applaus.