"Utopia" abstrakt - projiziert zu "Sound of the City"

"Utopia" abstrakt - projiziert zu "Sound of the City"

Musiktheaterkritik

Utopie im Team

von Andreas Falentin

Kommando Himmelfahrt: Sound of the City - der Staat Utopia

Premiere: 15.11.2016 (Uraufführung)
Oper Wuppertal
Homepage: http://www.wuppertaler-buehnen.de/wuppertaler-buehnen/

Regie: Thomas Fiedler / Kommando Himmelfahrt
Musikalische Leitung: Johannes Pell
Autor der Vorlage: Thomas Moruse

Für die ersten Phase seines auf drei Jahre angelegten Stadtprojektes „Sound of the City“ hat Opernchef Berthold Schneider die sich seit Jahren mit Utopien aller Art musiktheatralisch befassende Gruppe Kommando Himmelfahrt eingeladen, die Stadt – oder zumindest Teile von ihr – in ein Utopielabor zu verwandeln.

Schon der Ort macht Freude. Man spielt im alten, baufälligen Schauspielhaus, im Foyer, wo viele wilde Experimente der Intendanten Christian von Treskow und Johannes Weigand stattfanden. Der Abend beginnt mit einer Spielvereinbarung. Der Regisseur Thomas Fiedler erklärt die Bewerbung der Stadt Wuppertal für die Aufnahme in den „Bund der utopischen Städte“. Bis Mai wird man zahlreiche Tonaufnahmen machen und diese dann mit einem Ballon in den Himmel schicken, auf dass sie „Utopia“ erreichen mögen. Was doppeldeutig gemeint ist. Natürlich geht es um jene von Thomas Morus 1517 in seiner gleichnamigen Schrift beschriebene imaginierte Insel. Und genauso geht es um heutige Utopien – vom klassischen ‚alle haben genug zu essen‘ und ‚wir sind gut‘ bis hin zu differenzierten Wunschmodellen oder allgemeinen Begriffsfeldern wie Schönheit oder Gemeinschaftlichkeit. Die von Kommando Himmelfahrt gewählte Form hierfür ist eine kurzweilige Mischform aus Konzert, Happening und Symposium. Der Wuppertaler Bürgermeister, der Präsident des Wuppertal-Instituts, das sich mit nachhaltiger Stadtentwicklung befasst und der Geschäftsführer von Utopiastadt, einem unkonventionellen und kreativen Wuppertaler Stadtentwicklungsprojekt, treten vors Mikrophon und umreißen knapp und verständlich ihr persönliches Utopieverständnis und ihre Lust, Utopien nachzustreben. Der Schauspieler Thomas Braus liest mit sehniger, klangmächtiger Stimme Thomas Morus. Die Baritonistin Lucia Lucas, der Sänger Jan Roettger, die Sängerin Anna Luca – mit einer faszinierenden, an Kate Bush erinnernden Stimme – und das umwerfend virtuose und verschrobene Instrumental- und Performance-Ensemble Partita Radicale, dem auch der jüngst verstorbene, renommierte Komponist Thomas Beimel angehörte, präsentieren eigene Arrangements und Weiterentwicklungen von Jan Dvoraks von „Utopia“ inspirierten Kompositionen. Der hörbar engagierte Chor und das von Johannes Pell enthusiastisch geleitete Sinfonieorchester interagieren mit ihnen und wechseln sich mit ihnen ab.

Entstanden ist so ein monothematischer Abend mit größtmöglicher Vielfalt, der nahezu ausschließlich begeisterte Gesichter produzierte, bei Zuschauern wie bei Mitwirkenden. Hier präsentiert sich tatsächlich eine Stadt, initiiert von einem Theater, das leidenschaftlich dokumentiert, dass es auf die Menschen in der Stadt zugehen, mit ihnen zusammen seine und ihre Kunst leben will. Einziges Manko: „Der Staat Utopia“ bleibt eine einmalige Veranstaltung. Und hätte doch vielmehr Öffentlichkeit, viel mehr Aufmerksamkeit, vor allem: viel mehr Publikum verdient. Und vielleicht auch nötig. Am Freitag folgt immerhin noch eine Veranstaltung im Mirker Bahnhof, der Heimat von Utopiastadt zum Thema „Ernährung/Arbeit/Landwirtschaft“  - mit u.a. Sängern des Opernensembles, einem „Geräuschtüftler“ und zwei Thermomix-Präsentatoren. Im Orchesterprobenraum des Opernhauses widmen sich der Chor der jüdischen Gemeinde, das Elektro-Pop-Duo M x M und ein Arzt vom Kinderwunschzentrum am Samstag mit Mitgliedern des Sinfonieorchesters und vielen andern den Themen Beziehung, Familie und Fortpflanzung. Und am Sonntag gibt es ein Filmfrühstück im Cafe Ada, auch das übrigens ein Spielort der Intendanz von Treskow. Und im Mai geht es dann weiter!