Musiktheaterkritik

Neues aus der Factory

von Joachim Lange

Igor Strawinsky: The Rake’s Progress

Premiere: 10.12.2010
Berliner Staatsoper im Schillertheater
Homepage: http://www.staatsoper-berlin.de

Regie: Krzysztof Warlikowski
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher

In einem kleine Vorspiel erklären Florian Hoffmann und Anna Prohaska hinter einem Stand-Mikrophon, dass es ihnen eine Ehre ist, das Leben des Schriftstellers Tom Rakewell auf der Bühne darzustellen und begrüßen ihn dann auch noch in TV-Show-Manier mit Scheinwerferspott im Publikum. So ganz geht dieser Einstieg am Ende nicht auf. Denn die Bühnenfigur Rake verliert auch bei Warlikowski ihren Verstand und das Leben. Es sieht jedenfalls so aus. Er kann also gar nicht aus seinen Teufelspakt-Erfahrungen schriftstellerischen Nektar saugen und sich dann dafür feiern lassen. Tom liegt, ganz wie es sich für Strawinskys 1951 uraufgeführte Oper gehört, tot an der Rampe, bevor dann alle, wie bei Mozarts „Don Giovanni“, in einem verblüffend ahistorischen lieto fine dem Publikum die Moral des Dargestellten ausdrücklich nachreichen.

Ohnehin glaubt man, kaum je so viel Mozart durch diesen Strawinsky gehört zu haben wie an diesem Abend im Schillertheater bei der Staatskapelle unter ihrem Pult-Gast Ingo Metzmacher. Das hat Nicolaus Harnoncourt in Wien zwar auch schon gemacht, doch hat er mehr an den Mozart der Höllenfahrt angeknüpft. Metzmacher legt mit seiner präzise und dezent drängenden Rhythmik vor allem das kammermusikalisch Reflektierende frei, ja meidet geradezu eine Zuspitzung in die Groteske oder den pointierten Witz. Diese melancholisch mäandernde, delikat aufgedröselte Grundstimmung im Graben passt verblüffend gut zum Grundton von Warlikowskis Zugang. Ma?gorzata Szcz??niak hat dafür eine variable Einheitsbühne gebaut. Es ist ein offener Raum für einen Kultwohnwagen und rote Sofas. Und mit einer beweglichen Galerie für ein paar Zuschauerreihen vor einer grässlichen Ornamenttapete im Hintergrund.

Hier sitzen die kleinbürgerlichen Gaffer und Nachahmer. Wenn Tom schon seinen Verstand verloren hat und von seiner Ex-Braut Anne noch einmal besucht wird, dann sitzen diese beiden, die ein normales Leben hätten haben können, beieinander und verschlingen ihre geschmeidigen, lyrisch leichten Stimmen in einem betörenden Liebesduett, während oben auf der Galerie der Wahnsinn regiert. Diese Pointe sitzt. Ansonsten sieht Warlikowski die „Karriere eines Wüstlings“ als das Abgleiten eines jungen Mannes in die exzessiv zelebrierte Popkultur a la Andy Warhol. Sein Nick Shadow trägt eine blonde Warhol-Perücke, hat immer Koks bei sich und macht Tom kurzerhand zu seinem Lover. Es ist kein Käfig voller Narren, aber eine Factory voller Freaks und abgedrehter Typen, die die Grenzenlosigkeit bei Sex und Drogen mit Freiheit gleichsetzen. Hier treibt es nicht nur jeder mit jedem und kokst, was die Nase aushält, hier wird das Ganze auch noch im Dauervideo zur Konzeptkunst erklärt. Da ist die bärtige Türken-Baba, die Tom für einen ziemlichen kurzen Kick heiratet, denn auch kein Monster, sondern liegt nur knapp über dem hier angesagten Level. Der Counter Nicolas Ziélinski macht aus der abnormen Jahrmarktsattraktion „nur“ einen zickig, eleganten Transvestiten. Seltsamerweise gibt es dann bei der Erfindung der Maschine, die aus Stein Brot machen kann, nicht das erwartete Factory-Kunst-Happening. Stattdessen wird einem schwarzen Mann mit Dornenkrone das Herz aus der Brust gerissen und durch einen Fleischwolf gedreht. Das soll vielleicht religionskitschkritisch sein, wirkt aber nur gewollt extravagant. Auch der Einzug der Pop-Ikonen (vom Bunny über Spiderman bis zum finsteren Leuchtschwertschwinger) bei der Versteigerung von Babas Besitz kommt etwas müde daher.

Die Szene, in der der teuflische Nick mit Tom um dessen Seele Karten spielt, ist gänzlich auf die Protagonisten verwiesen. Optisch zum Las-Vegas-Senior im viel zu engen, schwarzen Pailletten-Anzug degeneriert, hat Gidon Saks als Nick Shadow hier immerhin stimmlich seinen stärksten Moment. Schade, dass Warlikowski unterwegs die Puste ausgegangen ist und seine Geschichte vom traurigen Ausflug in die Schein-Welt der Kunst unentschieden bleibt. Metzmacher blieb da konsequenter.