Das Trojanische Pferd nach Dresdner Lesart: Szene aus Lydia Steiers Inszenierung von Berlioz’ „Les Troyens“ im Bühnenbild von Stefan Heyne an der Semperoper.

Das Trojanische Pferd nach Dresdner Lesart: Szene aus Lydia Steiers Inszenierung von Berlioz’ „Les Troyens“ im Bühnenbild von Stefan Heyne an der Semperoper.

© Foto: Forster
Musiktheaterkritik

Die Operetten-Trojaner

von Detlef Brandenburg

Hector Berlioz: Les Troyens

Premiere: 03.10.2017
Semperoper, Dresden
Homepage: https://www.semperoper.de/

Regie: Lydia Steier
Musikalische Leitung: John Fiore
Autor der Vorlage: Vergil

Hector Berlioz’ Grand opéra „Les Troyens“ ist ein Werk, auf das man sich nur einlassen sollte, wenn man auch etwas dazu zu sagen hat. Denn man braucht hier nicht nur Handwerk, Intelligenz und Ideen, sondern vor allem eine Haltung. Und genau die fehlt Lydia Steiers Inszenierung zum Start der Saison an der Semperoper Dresden in hohem Maße.

Das ist schade. Denn Lydia Steier kann eine Menge, ihr fällt viel ein und ihre Einfälle sind zumindest teilweise auch klug. Aber das Hauptproblem dieser Oper, nämlich ihren unverhohlen gewalttätigen Nationalismus, unterspielt ihre Inszenierung auf fast schon fahrlässige Weise. Berlioz hat sich in Anlehnung an Vergils „Aeneis“ ein Libretto zusammengebaut, das im Gründungsmythos des Römischen Reiches ziemlich unverblümt den Nationalismus des Second Empire unter Napoleon III. feiert. Heute würde die Parallele dazu lauten: „America first!“ Zwar arbeitet Berlioz vor allem am Schicksal der von Aeneas verlassenen karthagischen Königin Didon weit schonungsloser als andere nationalistische Künstler auch die humanen Kollateralschäden heraus, die dieser Nationalismus billigend in Kauf nimmt. Aber die werden überwölbt und ideologisch legitimiert durch eine Verherrlichung der Nation, die in den bedeutungsschwanger mahnenden „Italie!“-Rufen in Berlioz’ Partitur allenthalben widerhallt.

Lydia Steier versetzt die Handlung aus schwer nachvollziehbaren Gründen in ein Operetten-Fin-du-siècle des vorvorigen Jahrhunderts, in dem das Offenbachsche „Pariser Leben“ direkt vor einem Architektur-Prospekt der Semperoper spielt. Die Bühne wimmelt vor Volk und Anekdoten; Steiers Regie, das Bühnenbild von Stefan Heyne und die Kostüme von Gianluca Falaschi haben für alles und jeden ein Bildchen und ein Geschichtchen parat. Darunter auch treffende: Als Trojanisches Pferd firmiert hier das vor der Semperoper postierte Reiterstandbild; und das könnte durchaus Sinn machen, denn genau solche Verehrung von Denkmal-Helden liefert ja oft die Legitimation für nationalistische Suprematie-Ansprüche und kriegerische Aggressionen. Dummerweise allerdings taugt der in de Statue verewigte König Johann kaum als Sinnbild solchen Unwesens, denn der führte in Sachsen ein höchst segensreiches und aufgeklärtes Regiment.

Dass die Trojaner in der Dresdner Kulisse Pegida-blaue Fähnchen schwenken und die Karthager in Didons Arbeiter- und Bauernstaat rote – geschenkt. Aber wie ist eigentlich Cassandre zu ihrem kleinen Sohn gekommen? Wieso sehen die in Troja mordbrennenden Griechen mit ihren roten, goldbetressten Jacken aus wie die Don-Kosaken auf Mittelmeer-Urlaub? Aus welchen Tiefen des Fundus stammen bloß diese Mörderhammer-Schießprügel, mit denen die wackeren Mannen des Aeneas unter Unfallgefahr hantieren? Zur Musik der Chasse royal et orage zu Beginn des 4. Aktes (die eigentlich für eine ganz andere Pantomime vorgesehen ist) fallen dann Narbals wilde Horden in Gestalt Krummsäbel-schwingender Muselmannen in Karthago ein. Und wenn die von den Trojanern waidgerecht über Kimme und Korn gelegt werden – dann fragt man sich nur noch, wo wohl die Dramaturgie war, als dieser Regieeinfall geboren wurde. Falls all das eine parodistische Distanzierung vom Nationalismus des Werkes bewirken sollte, wäre diese gründlich misslungen. Das operettige Klein-Klein, das im Übrigen von Akt zu Akt immer mehr einer Allerwelts-Opern-Gefühlsgesten-Konvention weicht, macht einerseits auch die von Berlioz so eindrücklich aufgemachte Leidesbilanz klein und bleibt andererseits viel zu kraftlos, um sich gegen die Größe der ungebrochen pathetischen Musik durchzusetzen.

Leider war an diesem Abend aber auch die musikalische Leistung nicht durchweg geeignet, den Zuhörer über die Regieeinfälle hinwegzutragen. John Fiore, der an sich sich sehr Berlioz-kundige Dirigent der Produktion, hält den Laden im Großen und Ganzen gut zusammen, was ja bei den hier aufgebrachten Klangbataillonen schon mal viel zählt. Aber in Berlioz’ Musik gibt es nun mal auch viel Kleines und Feines, und da fehlt es an Feinschliff und rhythmischer Präzision. Das zeigte sich auch an etlichen Instrumentalwursteleien, die man von der Dresdner „Wunderharfe“ (Richard Wagner) so eher nicht erwartet hätte. Wobei man andererseits auch ein paar ausgesprochen schöne Hornsoli erwähnen darf, und sicher auch den selbst im machtvollen Forte klangschönen, darstellerisch in Steiers wuseligem Can-Can-Geschiebe enorm agilen Chor. Insgesamt aber war der Trip von Troja nach Karthago unter John Fiore eher eine Pauschalreise.

Unter den Sängern ragt nach stilistischen Maßstäben Jennifer Holloway deutlich aus einem durchschnittlich guten Ensemble heraus, weil sie ihre Cassandre dunkel strahlend leuchten lässt und selbst in Ausbrüchen tiefster Verzweiflung klar in Fokus und Linienführung bleibt. Dass den meisten Applaus dennoch Christa Mayer als Didon bekam, liegt nicht an der Urteilskraft des Publikums, sondern an Berlioz: Dem suizidalen Finalmonolog der karthagischen Königin kann man sich, zumal so gut gesungen wie hier, kaum entziehen. Mit ihrem etwas ausladenden, zwar differenziert geführten, aber vor allem durch das Dauertremolo zum expressiven Wabern neigenden Sopran ist Christa Mayer aber doch nicht ganz so nahe bei Berlioz wie Jennifer Holloway. Auch Bryan Register singt einen über Strecken präsenten, mit mancher Finesse aber überforderten Enée. Dass sein Charisma im Durchschnitts-Erscheinungsbild seiner Operettensoldaten-Entourage versackt, ist vermutlich zu 50 Prozent inszenierungsbedingt. Das übrige Ensemble fällt in die Kategorie „ordentlich“, wobei man auch hier erstens betonen muss, dass dazu bei diesem Werk viel Können nötig ist, und zweitens, dass Christoph Pohls dunkel-seriöser, herzbewegend ausdrucksvoller Chorèbe deutlich oberhalb dieses Levels singt.

Von Lydia Steier habe ich schon großartige Inszenierungen gesehen. Stefen Heyne vermag seine Regisseure mit herausfordernden Bühnenbildern zu beschenken. Und Gianluca Falaschi ist von den deutschen Opernkritikern gerade zum zweiten Mal zum Bühnenbildner des Jahres gekürt worden. Man hätte erwarten dürfen, dass sich hier, erstmals übrigens, ein Dreamteam gefunden hat. Aber leider stand (wohl auch nach etlichen Umbesetzungskalamitäten, von denen Beteiligte erzählten) ein Unstern über der Produktion. Der Theatergott kann manchmal sehr launisch sein.