Ensembleszene

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© Foto: Barbara Aumüller
Musiktheaterkritik

Akkurat und fad

von Ekaterina Kel

Hector Berlioz: Les Troyens

Premiere: 19.02.2017
Oper Frankfurt
Homepage: http://www.oper-frankfurt.de

Regie: Eva-Maria Höckmayr
Musikalische Leitung: John Nelson

Aeneas ist auch nur ein Flüchtling. Er flieht aus dem von Krieg zerstörten Troja, das an der Westküste der heutigen Türkei liegt. Lange irrt er auf dem Mittelmeer, sein Ziel ist auch noch Italien. Diese Kernhandlung von Hector Berlioz’ „Les Troyens“ hat die Frankfurter Dramaturgie so gut es ging in den Vordergrund gerückt. Keine große Herausforderung, schließlich hat der Komponist selbst bereits die nötigen Narrative in seine Fassung des altrömischen Aeneis-Epos von Vergil eingearbeitet.

Regisseurin Eva-Maria Höckmayr hat gemäß dieser Deutung die nötigen Elemente akkurat aus Berlioz’ Libretto und Komposition herausarbeitet. Da ist das trojanische Pferd, da ist die überstürzte Flucht auf Geheiß der Familie und der Götter, um einen Neuanfang in Italien zu wagen, da sind die ängstlich dreinblickenden Trojaner. Sie landen bei der Wohlstandskönigin Dido und bitten um Asyl in ihrem in Pastelltönen lockenden Königreich Karthago. Dido, die wiederum anfangs mit ihrem Hosenanzug an eine weibliche Schlüsselfigur in der Flüchtlingspolitik unserer Zeit erinnert, und inbrünstig von der erstklassigen Mezzosopranistin Claudia Mahnke verkörpert wird, heißt die Flüchtlinge nach dem Leitsatz der menschlichen Empathie willkommen.

Und obwohl also alles mit einer mentalen Verbeugung vor der Vorlage ausgeführt ist – perfektionistisch, klassisch, geordnet – täuscht an diesem Sonntagabend bei der Premiere der über vier Stunden langen Oper nichts darüber hinweg, was in ihrem Kern verhandelt wird. Sie zentriert sich, klassischer hätte Berlioz es nicht stricken können, um die tragische Liebesgeschichte, die sich zwischen dem etwas verwirrten Aeneas und der liebesdurstigen Dido entfaltet, und die unweigerlich in der Abreise des einen und im Selbstmord der anderen münden muss.

Warme Farben mit hohen Säulen, übergroße Chöre (Berlioz’ Vorlage sieht über 300 Choristen vor), lange Gewänder, üppige weiße Blumensträuße vor holzverkleideten Wänden. Jens Kilians Bühnenbild schreit nach gediegenem Geschmack. Seine unterschiedlichen Räume, geschaffen durch gutgeölte Drehvorrichtungen der massiven Bühnenelemente, funktionieren einwandfrei und erschaffen unanfechtbar schöne, deshalb aber auch wenig spannende Theaterwelten.

Vor dieser ehrwürdigen Fassade kann sich der fein schwingende Mezzosopran der Prophetin Cassandra, dem Tanja Ariane Baumgartner genau die richtige Menge an Aufsässigkeit verleiht, so richtig schön entfalten. Ihr Gesangspartner Gordon Bintner bettet als Chorèbe ihre Sorge in einen respektablen Bassbariton. Und dann kommt da dieser Typ herein: Ein ausgewachsener Mann in einem Knabenkostüm, viel zu kleine Jacke, die sich über den runden Bauch des gastierenden Tenors Bryan Register wirklich unvorteilhaft spannt, Shorts und eine peinlich kurze knallige Krawatte. So jemand soll das Geschlecht der Trojaner retten? Ein neues Imperium in Italien gründen? Abwarten, der Mann ist eben noch nicht „reif“, sein Ruhm wartet noch auf ihn, seine langjährige Reise fängt gerade erst an. Kein Wunder, dass Registers Aeneas dabei in der Höhe nicht gerade vorteilhafte und oft etwas eindimensionale Töne herausquetscht.

Kein Wunder ist auch, dass Berlioz sein epochales Opernwerk in zwei Handlungsstränge teilte, die er übrigens selbst niemals nacheinander in einer Aufführung erleben konnte. Denn nachdem die Geflüchteten in Karthago wärmstens empfangen wurden und zwischen Aeneas und Dido eine kurzweilige Liebe entflammt, erhört der noch immer in seiner Lederjacke herumlaufende Aeneas den Pflichtruf: Italien! Plötzlich wächst seine Jacke zum stattlichen Jackett mit angemessener Länge und er kann sich endlich auf den Weg machen, um seine Pflicht gegenüber dem Schicksal zu erfüllen. Höckmayr überlässt bei diesen Bildern Saskia Rettigs Kostümen die Hoheit über die Narrative, die in psychologisierenden Analogien aus Stoff leider niemals die Tiefe der Tragik erreichen können, die in Vergils, beziehungsweise Berlioz’ Figuren angelegt ist.

Mit John Nelson konnte die Oper Frankfurt einen ausgewiesenen Berlioz-Kenner für die musikalische Leitung gewinnen. Als „französischen Ring“ bezeichnet der Amerikaner Berlioz’ Komposition mit Anspielung auf das Werk seines deutschen Zeitgenossen Wagner. Berlioz’ ohne Zweifel perfekt illustrierende Musik und Nelsons feinsäuberliche Schulbuch-Interpretation haben allerdings einen Hang zum episodenhaften Erzählen. Je Episode stehen eine Stimmung und eine Story im Zentrum. Höckmayrs Regie zementiert diesen Eindruck zusätzlich. Erzählt wird also in opernkonservativen, statischen Bildern und wenig überraschenden Gesten. Zwar geht man dank der verführerischen Erzählmusik Berlioz’ emotional bereitwillig mit, doch die Inszenierung erzeugt zusätzlich zur sowieso schon buttrigen Oper eine Geschmeidigkeit, an der nichts mehr kratzt, nichts stört, nichts provoziert.

Aber das Frankfurter Premierenpublikum ist anspruchsvoll. In den zwei Pausen lassen sich in den Gängen des Theaters Fetzen feiner hermeneutischer Analysen heraushören. Darum gab es für das Regieteam, das lang genug ihren Applaus auszögerte, eine ordentliche Portion Buh-Rufe. Trotz der Üppigkeit der Bühne und des Orchesters blieb nämlich eins ein wenig auf der Strecke: die Originalität.