Szene aus "Die Jugend Abrahams": Links Sprecher (Peter Prautsch), Mitte Abraham (János Ocsovai), Statisterie

Szene aus "Die Jugend Abrahams": Links Sprecher (Peter Prautsch), Mitte Abraham (János Ocsovai), Statisterie

© Foto: Sabina Sabovic
Musiktheaterkritik

Triumph des Geistes

von Roland H. Dippel

Josef Tal / Michail Gnesin: Saul in Ein Dor/ / Die Jugend Abrahams

Premiere: 10.11.2017
Theater und Philharmonie Thüringen / Bühnen der Stadt Gera
Homepage: http://www.tpthueringen.de

Regie: Michael Dissmeier
Musikalische Leitung: Laurent Wagner

Die mit wissenschaftlicher Beratung vom Lehrstuhl für Geschichte der jüdischen Musik der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar gestaltete Neuproduktion der „Hebräischen Kammeropern“ wurde von März 2017 in den Herbst verschoben und kam so einen Tag nach Jährung der Reichskristallnacht heraus.

Dieser Kraftakt für die Solisten und das Produktionsteam hat sich gelohnt. Der Abend greift weit hinaus über eine gedenkende, bekennende Leistung und macht mit zwei Werken bekannt, die einen erweiternden Blick auf das tonale Musiktheater-Schaffen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewirken könnten. Michail Gnesins Kammeroper ist sicher eines der ersten dramatischen Vokalwerke, das im Kontext einer zionistisch geprägten Geisteshaltung und als Reaktion auf den antisemitischen Kurs in der frühen Sowjetrepublik entstand. Die Oper Josef Tals, er war wie Gnesin Sohn eines Rabbiners, stellt einen frühen Versuch dar, diese Gattung der europäischen Kultur für den jungen Staat Israel zu adaptieren. Beide Werke haben biblische Sujets und sind insofern „oratorisch“, weil die Handlung neben der dramatischen Ebene eine religiöse und vor allem explizit metaphorische enthält.

Josef Tals halbstündige, 1955 in Israel uraufgeführte „opera concertante“ „Saul in Ein Dor“ für das Kammerorchester in Ramat Gan handelt vom Besuch König Sauls bei der Weissagerin, die dem von Gott Verlassenen das baldige Ende ankündigt. Diesem Stoff nach der Bibel (1. Samuel 28, 3-25) folgt die Uraufführung des nur als Klavierauszug ohne Interpretations- und Tempoangaben erhaltenen Opus Gnesins: „Die Jugend Abrahams“ dramatisiert eine Episode aus der legendenartigen „Aggada“. Geschildert wird Abrahams geistiges und spirituelles Erwachen in der Isolation einer Höhle, in der ihn sein Vater Terach vor dem Kindermord durch König Nimrod bewahren kann. Deshalb muss Abraham seine Jugend allein verbringen, ohne die prägenden Erfahrungen natürlicher Zyklen und die Kommunikation mit anderen Wesen.

Michail Gnessin war Schüler von Rimski-Korsakoff und Lehrer von Chatchaturian. Um 1919 begann er mit der Komposition dieser von ihm noch weitaus umfangreicher geplanten Oper, deren erhaltenen Teil er als „Prolog“ oder ersten Akt bezeichnete. In der erhaltenen Version gibt es einen riesigen Monolog Abrahams, eine Szene mit seinem Vater, ein langes Zwischenspiel und das kurze Finale, in dem der erstmals in seinem Leben aus der Höhle getretene Abraham den Lauf der Gestirne und die gestaltende Macht Gottes begreift.

Erstaunlicherweise ähneln sich die beiden Werke, deren motivische Gestaltung sich in nahöstlichen Rhythmus-Aneignungen und mit Intonationen aus der Synagogenmusik entwickeln, in der musikalischen Faktur. Yuka Beppu breitet den Klavierpart Gnessins ohne Angst vor melomanischen Steigerungen vollgriffig und üppig aus. Hinter dem Kompositionsentwurf lässt sie den vom Komponisten letztlich nicht realisierten, aber gewollten Instrumentalrausch erahnen. Bei Josef Tal wirkt die Motivik mit etwa 15 Musikern und umfangreich eingesetzten Orchesterklavier in der dramatischen Faktur kurzphasiger und prägnanter, was Laurent Wagner am Pult aber keineswegs trocken nimmt. Ganz im Gegenteil: Diese Musik würde auch in einem großen Haus wirken.

Gesungen wird in der hebräischen Originalsprache. Bezüge und Analogien meißelt Michael Dissmeier in seiner schlichten, konzentrierten Personenregie heraus. Bei Tal führt ein Erzähler durch das Geschehen: Peter Prautsch spricht als einziger Deutsch.

Offenbar sind Saul und Abraham – János Ocsovai mit Kippa – eine Person. Zuerst wird ihm durch die Weissagerin von Ein Dor, die ihn in einem fast symbolistisch roten, lust- und todestrunkenen Boudoir empfängt, bewusst, dass ihn der Untergang erwartet. Die Höhle Abrahams ist ein metallener Gitterwürfel, aus dem es Abraham herausdrängt. Auf seinem Tisch steht eine Fotografie Theodor Herzls, dem sein Vater (intensiv: Alejandro Lárraga Schleske) ähnelt: Durch das Dunkel ins Licht! Die Oper endet auf einem Politpodium im neugegründeten Staat Israel, ein Gremium empfängt den erschöpften und doch freudigen Abraham auf.

Der Bogen Dissmeiers wird plausibel: „Saul-Abraham“ entzieht sich dem Untergang und erfährt im zweiten Teil den mentalen Durchbruch auch zu seiner inneren hebräischen Identität. Diesen Aufbruch in das gelobte Land zeigt die Inszenierung ohne drastische Überpointierung: Keine Anklage, keine Brutalität. Aber eine sehr plastische Darstellung des Weges aus der Isolation des potenziellen Opfers zur Erkenntnis einer spirituellen Existenz und die Aufnahme in die vermisste Gemeinschaft. Der Beginn entgeht der emotionalen Belastung durch die Inszenierung, weil der Erzähler einen fast ironischen Einstieg findet. Trotz der weit gespannten inneren Dimension beider Opern bewahrt die Inszenierung fassliche Leichtigkeit. Diese Balance ist meisterhaft, weil sie Betrachter nicht unter emotionalen Druck setzt, sondern durch ein sensibles Ausloten des dramatischen Kontextes gewinnt.

Vor allem der Tenor János Ocsovai leistet Außerordentliches. Man merkt Ocsovai an, dass der ganz natürliche Fluss seiner sinngenauen Phrasenbildung aus einer profunden Aneignung und Diskussion der Unklarheiten des Notentextes entstanden sind. Vokalen und gestischen Überdruck gibt es bei ihm nicht. Und er hat dafür die richtigen Partner: Ayala Zimbler-Hertz macht aus der Frau von Ein Dor keine Dämonin, sondern lehrt Saul durch schöne Einfachheit die umso größere Furcht.

Dieser Abend zieht in einem Sprung über eine nur pflichtgemäße Betroffenheit hinweg und stellt im Brückenschlag über die Werkgrenzen einen Weg der Verheißung vor, der kräftig bewegt. Da wirken alle Parameter zusammen: Hilke Förster lichtet die Spielräume gegen Ende immer mehr auf, macht einen Fluter-Scheinwerfer zur Sonne. Jedes Element wird zum Zeichen, die wenigen Sakralfiguren stehen so für Abrahams spirituelle Suche. Das ist alles deutlich und mit Sinn in distanzierende Ferne gerückt. Als Bürger des neuen zionistischen Staates treten Mitglieder der jüdischen Landesgemeinde Thüringens auf. Weit über die Programmatik der an diesem Projekt kooperierenden ACHAVA-Festspiele hinaus merkt man das Wollen zum Dialog. Und trotzdem fühlt man sich nicht zur Interaktion gedrängt. Auch durch diese substanzreiche Distinktion ist der Abend einmalig.   

 

Der Mitschnitt der Premiere wird vom Deutschlandfunk am 6. Januar 2018, 19:05, gesendet.