Harry Partch: Delusion of the Fury

Harry Partch: Delusion of the Fury

© Foto: Wonge Bergmann
Musiktheaterkritik

Kostbare Ausgrabung

von Andreas Falentin

Harry Partch: Delusion of the Fury

Premiere: 23.08.2013
Ruhrtriennale, Bochum
Homepage: http://www.ruhrtriennale.de

Regie: Heiner Goebbels
Musikalische Leitung: Arnold Marinissen

Der Klang ist originell und einzigartig; ständig in Bewegung, aber nie in Eile; hell, aber angenehm; vielgestaltig, aber nie zu laut. Er kommt von den skurril-monströsen Holzskulpturen auf der Bühne mit ulkigen Namen wie Chromelodeon, Marimba Eroica oder Spoils of War, die im Einlasslicht aussehen wie interessanter aber wertloser Trödel aus den 70ern. Der amerikanische Komponist Harry Partch hat sie über dreißig Jahre entwickelt – als Gefäß für sein eigenes Tonsystem, einen Versuch, die Obertonreihe in die Symmetrie zu rechnen, was in Partchs Arithmetik zu 43 Mikrotonschritten pro Tonleiter führte. Das kann keine normale Geige oder Gitarre und Blasinstrumente schon gar nicht, diese harfen-, harmonium- und psalterartigen Gerätschaften, diese Ansammlungen von Kalebassen, Glasgefäßen und Riesenklangstäben aber sehr wohl.

Der Percussionist Thomas Meixner hat sie nachgebaut, das Ensemble Musikfabrik die Fertigkeit erlernt, sie zu bedienen und Heiner Goebbels „seine“ zweite Ruhrtriennale mit Partchs 1969 uraufgeführtem „Delusion of the Fury“ eröffnet. Die Anstrengung hat sich gelohnt. Die hörenswerte Musik verfügt über ein unglaubliches Spektrum heller Klangfarben, fremd und doch so nah, angesiedelt im tiefen Graben zwischen E und U. Störrische, widerständige Rhythmen und Motive wechseln sich mit Eingängigem ab, Klangpartikeln, die ohne weiteres aus einem Beatles-Song oder einem 70er-Jahre-Schlager stammen könnten. Das Ganze ist im ersten Teil asiatisch, – mit mehr als einem Hauch von Zen – im zweiten Teil afrikanisch grundiert, den Geschichten folgend, die sich mit dem Umgang mit dem Tod und dem Bekenntnis zum Leben in der Gemeinschaft befassen und von einem japanischen No-Stück und einem äthiopischen Märchen inspiriert sind. Heiner Goebbels deutet Spielhandlungen nur choreographisch an und koordiniert die Bewegungsabläufe der Musiker bewunderungswürdig. Florence von Gerkan kostümiert die Musiker heutig originell, die Spielprotagonisten prätentiös historisierend, ohne Wildheit, ohne Ironie. Klaus Grünberg lässt einen Bach malerisch zwischen den Instrumenten durchlaufen, dessen Wasser die Farbe wechseln kann, und gießt einen Lichtzauber über die Szene aus, an dem die Grubenlampen der Musiker und vier schwenkbare Riesenstehleuchten einen großen Anteil haben. Fast unmerklich blasen sich Riesenobjekte auf – abgewandt liegende Frauenkörper – und machen aus der Instrumentenidylle ein symmetrisches aber unordentliches Bergdorf. Als im Hintergrund ein gewaltiger aufblasbarer Mond erscheint, schnurren sie wieder zusammen. Alles – Inszenierung, Bewegung, Bühne, Kostüm, Licht – bleibt gleichsam innerhalb des Klanges, verstärkt ihn, huldigt ihm, setzt ihm kaum etwas entgegen.

Es ist wunderbar, den Bühnenkünstlern der Musikfabrik zuzusehen, ihrer Präsenz, ihrer Musikalität, ihren gemeinsamen Schwingungen, ihrer Lockerheit, mit der sie diese fabelhaft funktionierende Rauminstallation mit Leben füllen, mit viel Gesang und wenig Text. „Delusion of the Fury“ kommt frischer, fröhlicher, vor allem ungezügelter daher als Goebbels‘ letzte Arbeiten für das Musiktheater.

Harry Partch war vor allem ein Rebell, mehr als ein vergessenes Klangwunder, einer, der anders war aus Prinzip, der nicht aufgenommen werden wollte, in was auch immer. Wer „Delusion oft the Fury“ nachspielt, könnte seine Geschichten daraufhin befragen: die vom Mörder und vom Rache suchenden Geist, der nach der Begegnung mit dem Mörder plötzlich Vergebung sucht; die vom tauben Landstreicher und dem blinden Richter, die zusammen mit einer Ziegenhirtin eine fröhliche Orgie von Missverständnissen anrichten zum Lobpreis der Justiz als solcher. Man könnte nach dramatischer Reibung suchen, nach produktiver Fremdheit, nach kleinen und größeren theatralischen Explosionen und diese formidable, unerhörte Musik würde das vermutlich mühelos aushalten. Man könnte Theater spielen. Wer allerdings schwerelose, geschmackssichere Eleganz schätzt, wem das zur Verfügung Stellen von positiver Energie Wesen und Kern von Theater ist, der erlebt zur Eröffnung der Ruhrtriennale einen großen Theaterabend.