Kora Pavelic und Jirí Rajnis in Bodo Busses szenischer Collage "Ich bin der Welt abhanden gekommen" am Landestheater Coburg.

Kora Pavelic und Jirí Rajnis in Bodo Busses szenischer Collage "Ich bin der Welt abhanden gekommen" am Landestheater Coburg.

© Foto: Andrea Kremper
Musiktheaterkritik

Eine persische Trauercollage

von Martin Bürkl

Gustav Mahler/Claude Vivier: Ich bin der Welt abhanden gekommen

Premiere: 28.03.2015 (Uraufführung)
Landestheater Coburg
Homepage: http://www.landestheater-coburg.de/

Regie: Bodo Busse
Musikalische Leitung: Lorenzo Da Rio

Der Intendant des Coburger Landestheaters wirft mit seiner „szenischen Collage“ drei Themenfelder innerfamiliärer Trauer in eins und nimmt mit einem wunderbar sakral anmutenden Bühnenbild fast den Karfreitag vorweg. Zusammenfinden sollen hier Gustav Mahler in seinen Liedbearbeitungen Friedrich Rückerts, Claude Vivier mit zwei spirituellen und weit im Abstrakten bleibenden Stücken und ein für diesen Abend geschriebener Monolog der iranischen Schauspielerin und Sprecherin Mahsa Harati. Bei Bodo Busse dreht sich alles um den Schmerz, die eigenen Kinder verloren zu haben, zum Beispiel im Krieg: So beginnt der Abend mit der eindringlich klagenden Stimme Haratis, deren Persisch sich vor Verzweiflung überschlägt.

Gemeinsames Bindeglied zwischen den Autoren ist die Faszination, die Persien und dessen Mythologie auf sie ausübt: Vivier hat den heutigen Iran bereist, Rückert hat persisch gelernt und Koranteile übersetzt. Weitere Gemeinsamkeit ist die Betrachtung von zerstörten Familienbanden: Rückert musste den Tod zweier Nachkommen erleben und hat ab 1834 allein 428 Kindertotenlieder geschrieben, Mahlers Tochter Anna starb drei Jahre nach den um 1901 entstandenen Vertonungen an Scharlach, und Vivier hat als Waise seine Eltern nie kennengelernt. Bei ihm weist die Sehnsucht also in die entgegengesetzte Richtung. Diese Schnittmengen reichen allerdings nicht ganz aus, denn zwingend erschließt sich die Collage nicht. Ihr fehlt die Dringlichkeit.

Christof Cremers Bühne jedoch ist sehr stark. Sie wirkt zugleich wie ein Museum und ein Gotteshaus, doch ohne konkrete Assoziationen zuzulassen, ähnelt sie mehr einer Gedenkstätte als einer Kirche. Der Bühnenraum wird in voller Tiefe genutzt. Hinten an der Brandmauer steht ein riesiges Rechteck, das den Eindruck von einbetonierten Stoffen erweckt – reliefartig zeichnen sich die Strukturen von Kinderkleidern, Morgenmänteln und Nachtgewändern ab. Davor spielen die beiden Stimmen des Coburger Ensembles an einer langen, wie improvisierten Tafel aus unterschiedlichen Holztischen; sie sind sich fremd geworden angesichts des Todes der eigenen Kinder. Sie vollführen sinnlose Handlungen: lassen Nägel und Körner in Emailleschüsseln fallen, trauern wortlos, raufen sich die Haare. Manchmal verfallen sie auch in kindliches Verhalten. Ganz so, als ob sie die Verlorenen wiederholen möchten, spielen sie im Bett mit einem Segelschiffchen, am Boden mit einem Brummkreisel und kommunizieren über eine Fingerpuppe. Kora Pavelic (Mezzosopran) und Jirí Rajnis (Bariton) haben perfekte Stimmen für Mahlers hochtraurige Lieder – der Gestus bedeckt, gedämpft. Kein Strahlen wie in der Oper, kein operettenhaftes Glitzern. Beide werden nur unmerklich verstärkt und betten sich in den ebenfalls zurückhaltenden, runden Klang des hauseigenen Philharmonischen Orchesters unter Lorenzo Da Rio, das dem von Mahler gewünschten „Kammermusikton“ sehr nahe kommt. So weit, so hervorragend.

Bei Claude Vivier hört sich das leider anders an. Petra Hoffmann singt die 1980 und 1981 entstandenen Kompositionen „Lonely Child“ und „Bouchara“ des unter mysteriösen Umständen in Paris ermordeten kanadischen Komponisten. Die Sopranistin ist in der Neuen Musik zu Hause, und der selten gespielte Vivier findet sich auf ihrer Website sogar im „Repertoire“. Doch das Orchester fühlt sich merklich unwohl mit dieser der Spektralmusik nahen Klangsprache, die der Komponist schlicht „les Couleures“ nennt. Sollen wir wirklich dermaßen gegeneinander spielen, mit solch graduellen, mikrotonalen Dissonanzen? Vivier braucht alles andere als Strawinskische Brachialität, dafür aber eine zurückgenommene Bestimmtheit bei der Schichtung von Klängen, die die gewohnten Obertonreihen Lügen strafen. Hoffmann allerdings bleibt souverän und mit ihrer distanzierten Bitterkeit in der Stimme der Star des Abends. Viviers Musik ist totales, bewegendes Gefühl und zugleich eiskalte Statik – Einfühlung wäre bei dieser besonders auch von balinesischer Musik beeinflussten Klangwelt der falsche Ansatz.

So bleibt das Gesamtbild des Abends leider konsequent uneinheitlich. Die Bühne mit selbst in den Möbeln noch versteckten betonartigen Einbauten und das schräg einfallende fahle Licht passen perfekt zu Vivier. Doch dieser teilabstrakten Setzung lassen sich die Lieder von Mahler und Rückert nicht wirklich unterordnen: der Komponist wollte eine „Identität von Ton und Wort“ und hat sie erreicht. Dass die beiden Sänger auch noch überdeutlich die ohnehin schon doppelt transportierte Trauer ausagieren, lässt dem Publikum keinerlei Interpretationsspielraum mehr – um so mehr Probleme hat es dafür mit dem persischen Text. Als reines Oratorium und mit einem etwas besser geprobten Orchester wäre der Abend eine Offenbarung. Nicht nur in Sachen Vivier, dessen letztes Manuskript mit „Glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele?“ endet.