"Nabucco" am Theater Pforzheim

"Nabucco" am Theater Pforzheim

Chor, Extrachor und Kinderchor

© Foto: Sabine Haymann
Musiktheaterkritik

Gefühliges Gemeinschaftserlebnis

von Eckehard Uhlig

Giuseppe Verdi: Nabucco

Premiere: 18.09.2015
Theater Pforzheim
Homepage: http://www.theater-pforzheim.de

Regie: Thomas Münstermann, Guido Markowitz, Alexander May, Caroline Stolz
Musikalische Leitung: Markus Huber

Wohin geht die Reise mit Thomas Münstermann? Jedenfalls versteht es der frisch gebackene Intendant am Pforzheimer Stadttheater, die Eröffnung seiner ersten Spielzeit in der badenwürttembergischen Schmuck- und Goldstadt als „bürgerbeteiligtes“ Ereignis zu inszenieren. In Gemeinschaftsregie mit seinen Spartendirektoren Guido Markowitz (Ballett), Alexander May (Schauspiel) und Caroline Stolz (Oper) bringt er Giuseppe Verdis „Nabucco“ zur Aufführung, ein Musikdrama, das seit seiner Uraufführung 1842 an der Mailänder Scala nicht nur in Italien Furore machte – vor allem wegen des Gefangenenchors „an den Ufern des Euphrat“, wo die Juden als Sklaven Babylons zur Arbeit gezwungen werden.

In Pforzheim machen nicht nur die „zuständigen“ Theaterensembles, sondern Sangeslustige aus dem ganzen Haus, ja sogar engagierte Chor- und Einzelsänger aus der Region beim „Gefangenenchor“-Event mit, bilden einen gewaltigen „Bürgerchor“. Der strömt, nachdem der „normale“ Durchgang mit Chor, Extrachor und Kinderchor pianissimo verdämmert und der jubelnde Publikumsapplaus abgeflaut ist, auf die Bühne. An der Scala hatten rasende Zuhörer erstmals 1986 bei Riccardo Mutis Einstand ein spontanes „bis!“ – wie die italienischen Opernfreunde Wiederholungen nennen – erzwungen, was Theatergeschichte geschrieben hat. Zusammen mit seiner Chorleiterin Salome Tendies hat Münstermann dagegen alles genau durchgeplant. Zuerst sprechen Schauspieler an der Rampe in allerhand Sprachen den Text des Chorliedes (“Va, pensiero, sull'ali dorate“ / Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln), so dass es zu einer babylonischen Sprachverwirrung kommt. Dann geht das Licht im Zuschauerraum an, die nunmehr 180 Choristen verteilen sich über die seitlich zu den Rängen aufsteigenden Gänge. Untermalt vom kaum noch hörbaren Orchester-Humbaba intonieren die Sängermassen den in Italien zur heimlichen Nationalhymne avancierten Wunschkonzert-Hit. Ein ausladend-getragener, bombastischer Raumklang entfaltet sich, wird zum anrührend-gefühligen Gemeinschaftserlebnis.

Dabei ist die Gesamtinszenierung von durchwachsener Qualität. Generalmusikdirektor Markus Huber sorgt zwar am Pult seiner Badischen Philharmonie für Italianità ohne rohes Geschmetter. Doch schon in der Ouvertüre zeigen sich die Grenzen des Orchesters: ein Spannungsbogen fehlt, die Musik zerfällt in einzelne Teile. Und das Finale des ersten Aktes gerät zum schrill lärmenden Tableau. Bühnenbildner Dirk Steffen Göpfert präsentiert anfangs eine mit schwarzen Wandelementen ausgekleidete Tempelhalle, an deren Rückwand Zacharias, der Hohepriester der Juden, statuarisch posiert, während die um ihn gruppierten, mit übergroßen Gesetzesbüchern hantierenden jüdischen Jungfrauen, Soldaten und Leviten in zunächst historisierenden Kostümen (Ruth Groß) ihren Leidens-Chor anstimmen. Nach seinem Sieg über Israel zieht Babyloniens König Nabucco hoch zu Ross, in Pforzheim auf einem komischen, mit Tierskelett-Teilen dekorierten Stahlrohrgestell, in den zusammenbrechenden Judentempel ein. Alle folgenden Szenen sind ziemlich eintönig von fahrbaren Lager-Hochregalen oder Baugerüsten umstellt, die mit Secondhand-Klamotten aus DRK-Sammlungen für Flüchtlinge behängt sind. Damit kleiden sich die versklavten Juden.

Glanzlichter setzen neue Vokalsolisten des Ensembles, da hat Pforzheim gut eingekauft. Ivan Krutikov singt als Nabucco mit leuchtend-klangschönem Bariton. Je länger der Abend voranschreitet, desto besser findet er in seine Rolle. Dem Wahnsinn verfallen erklärt er sich zum Gott, eine Hybris, die ein durchschlagender Rotlichtblitz bestraft. Der gleichzeitige Orchesterblitz bleibt allerdings fahl. Des Herrschers Wahnsinns-Outfit mit Zottelhaar und Haarhörnchen gleicht einem wild gewordenen Waldschrat. An die Spitze einer durch Intrigen vergifteten Dreiecks-Liebesgeschichte setzt sich die machtgeile Abigail, Bastard-Tochter Nabuccos. Anna-Maria Kalesidis bewältigt die als Killerpartie verschriene Rolle mit Bravour. Ihr Mezzosopran kommt besonders gut in den Kantilenen ihrer Auftritte zur Geltung. Ihre Belcanto-Szene, das melancholische Erinnerungslied an bessere Zeiten („Anch'io dischiuso un giorno“ / Auch ich öffnete einst mein Herz) ist große Oper. In höchster Erregung ausgeformte Koloraturen meistert die Solistin mit Geschick und ist eine Sänger-Darstellerin, die rasen, toben und Rache schreien kann. Als legale Nabucco-Tochter Fenena, die wie Abigail den jüdischen Feldherrn Ismael liebt und ihm zuliebe zum jüdischen Glauben übertritt, agiert die Sopranistin Danielle Rohr zart und bescheiden. Kwonsoo Jeon gibt Ismael mit allzu forciertem Tenor. Aleksandar Stefanoski als Zacharias wirkt mit Bühnenpräsenz als tröstende Autorität der Juden und singt mit sonorem Bass, der allerdings in ganz tiefen Lagen seine Mühe hat.

Die augenscheinliche Anstrengung, mit der das Pforzheimer Theater die Produktion stemmt, verdient Respekt. Manche Regisseure machen um „Nabucco“ einen großen Bogen – wegen der verwickelten Handlung und des zwielichtigen Happyends, wegen des enormen Personenaufwands und nicht zuletzt, weil sie der „Gefangenenchor“-Schlager nervt. Aber Verdis Opern-Genieblitz findet immer wieder begeisterte Theatermacher, auch in Pforzheim.