Szene aus Dietrich Hilsdorfs Essener "Hercules"-Inszenierung.

Szene aus Dietrich Hilsdorfs Essener "Hercules"-Inszenierung.

Musiktheaterkritik

Heldentod in der Erotikschlacht

von Stefan Keim

Georg Friedrich Händel: Hercules

Premiere: 04.12.2010
Theater und Philharmonie Essen
Homepage: http://www.aalto-musiktheater.de

Regie: Dietrich W. Hilsdorf
Musikalische Leitung: Jos van Veldhoven

Hercules ist ein Held wie aus einem Sandalenfilm entsprungen. Der Sänger Almas Svilpa hat den Brustkorb eines Bodybuilders und die Kraft eines Bulldozers. Mühelos hebt er seine Mitspieler durch die Luft, auf dem Kopf trägt er die Mähne eines Löwen, den er besiegt hat. Doch im Heldenleben steckt auch Tragik. Hercules kommt über seine Siegerposen nicht hinaus und lebt in seiner eigenen Welt. Er kriegt nicht mit, dass Gattin Dejanira zutiefst eifersüchtig ist. Er hat nämlich eine fremde Frau mitgebracht, Iole, die Tochter eines besiegten Königs. Dejanira wittert eine Rivalin, will Hercules zurück erobern und schickt ihm ein magisches Gewand, das die Liebe wieder beleben soll. Aber dessen Wirkung ist tödlich. Hercules verblutet unter schrecklichen Schmerzen und wird im Tod zum Gott erhoben. Während Dejanira dem Wahnsinn verfällt und Iole den Sohn des Hercules heiratet. Eine ebenso tragische wie irrwitzige Geschichte, wie gemacht für den Regisseur Dietrich Hilsdorf. Er hat schon oft mit psychologischer Genauigkeit und Riesenlust an Theatereffekten solche mythischen Stoffe aus dem Geist der Gegenwart neu erzählt. Und sich längst – in Bonn und Essen – als Experte im szenischen Umgang mit Händels Oratorien erwiesen.

Michaela Selinger singt Dejanira mit einem riesigen Facettenreichtum und setzt die musikalischen Impulse auch körperlich um. Ein brodelnder, erotischer Dampfkessel, stets kurz vor dem Überkochen. Wie sie ihre Konkurrentin Iole verführt und umgarnt, sie auf ihre Seite zieht, inszeniert Hilsdorf atemraubend. Christina Clark findet als Iole Töne unschuldiger, sopransüßer Reinheit, doch auch sie hat es faustdick hinter den Ohren. Zudem ist Dietrich Hilsdorf ein Meister der Chorinszenierung, die vielen Auf- und Abtritte wirken völlig natürlich. „Jealousy“ – Eifersucht – donnert der Chor gleich zu Beginn vom dritten Rang herunter. In einem abgewrackten Palast, der mit einer Höhlenmalerei an der Wand an eine Ausgrabungsstätte erinnert, entwickelt sich ein packendes musikalisches Erotikdrama. Die mit einigen alten Instrumenten verstärkten Essener Philharmoniker begleiten das alles mit klarem, spannungsgeladenem Barockklang. Dirigent Jos van Veldhoven bleibt stets aufmerksam auf der Höhe des Geschehens.