Für das Finale sorgt der Tod: Szene aus Josef E. Köpplingers Inszenierung der „Lustigen Witwe“, mit der das Gärtnerplatztheater sein saniertes Stammhaus wieder in Besitz nahm.

Für das Finale sorgt der Tod: Szene aus Josef E. Köpplingers Inszenierung der „Lustigen Witwe“, mit der das Gärtnerplatztheater sein saniertes Stammhaus wieder in Besitz nahm.

© Foto: Marie-Laure Briane
Musiktheaterkritik

Freund Hein richtet’s

von Klaus Kalchschmid

Franz Lehár: Die lustige Witwe

Premiere: 19.10.2017
Staatstheater am Gärtnerplatz, München
Homepage: https://www.gaertnerplatztheater.de

Regie: Josef E. Köpplinger
Musikalische Leitung: Anthony Bramall

Am Ende schießt der Tod – den gesamten Abend über präsent in Gestalt eines geheimnisvoll attraktiven, glatzköpfigen Mannes ganz in Schwarz – in die Luft und wir erfahren, dass mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers der erste Weltkrieg ausgebrochen sei. Also fällt das Finale aus und alle gehen ab. Freund Hein (der Choreograph des Abends, Adam Cooper) aber trägt nun große schwarze Flügel und küsst Hanna Glawari im Bühnennebel. Blackout und Vorhang!

Dieser Tod, der eine schwarze Rose trug oder mittanzte, sich unsichtbar einmischte in intime Dialoge oder einfach nur beobachtete, war vielleicht das Beste am ganzen Abend. Und er hat ihn am Ende selbst zu Grabe getragen. Leider gehörte er da von Anfang an auch hin. Warum bloß lässt jeder Gärtnerplatz-Chef die „Lustige Witwe“ neu inszenieren, um dann doch auf unterschiedlichste Art vor allem szenisch daran zu scheitern: 2001 Regisseur Franz Winter unter Klaus Schultz beim Versuch zu reduzieren und zu verweigern mit Hildegard Behrens als Glawari, 2007 Jan-Richard Kehl unter Ulrich Peters in einer schräg-schmutzigen Aktualisierung. Und nun Intendant Josef E. Köpplinger selbst als Regisseur, der so prägnant, stilsicher und sexy Musical inszenieren kann, aber hier brav und wenig inspiriert Regie führte.

Dabei war sie groß gewesen, die Freude auf den Wiedereinzug ins Haus am Gärtnerplatz nach fünf Jahren Generalsanierung, nach spannender Wanderschaft und Spiel in der Reithalle oder einem riesigen Theaterzelt, im Cuvilliés- und Prinzregententheater oder im Circus Krone. In einer opulenten Gala bewies das Haus – zahlreiche Solisten, Chor und Orchester – was es quer durch die musiktheatralischen Genres alles leisten kann. Glühbirnen waren da am Portal wie für eine Show montiert und sie rahmten jetzt auch die Bühne für die „Lustige Witwe“. Wo es für die Gala nur einen fast leeren Raum und meist Abendgarderobe gab, sah die Ausstattung der Eröffnungspremiere – also Bühne (Rainer Sinell) und Kostüme (Alfred Mayerhofer) – so aus, als käme sie komplett aus dem Fundus. Denn ihre Ästhetik war schon vor einem halben Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß; nur dass sich heute die Seine vor dem Eiffelturm dank moderner Videotechnik ziemlich realistisch bewegt und im Mondlicht schön schimmern darf. Aber sonst: Ob künstliche Herbstbäume, ein Pavillon mit lebendigen Atlanten in Gestalt nackter junger Männer mit Lendenschurz oder das Messing-Gerippe einer doppelten Showtreppe auf der Drehbühne: nichts, was wirklich optische Aufmerksamkeit erregt hätte.

Kein fader Witz, der ausgelassen wurde, nicht ein Gag, der gestrichen war –, im Gegenteil: Sigrid Hauser, die zwischen den Musiknummern bei der Gala so fein Bonmots und Geschichten aus der Theaterwelt zum Besten gegeben hatte, musste – übel zum Mannsbild verunstaltet - als Hosenrolle den Diener Njegus geben und die Hauptlast des schalen Humors tragen. Und wenn schon männliche Grisetten tanzen, dann mögen sie doch bitte nicht – abgesehen von schwarzen Conchita-Wurst-Bärten - einfach so perfekt gestylt sein und genauso tanzen wie ihre weiblichen Pendants. Wo ist da die Pointe?  

Wie gut, dass es die wie immer zündenen Musiknummern gab, ob „Lippen Schweigen“ oder das Vilja-Lied, „Ich bin eine anständ’ge Frau“ oder „Dann geh‘ ich in’s Maxim“, und gute bis hervorragende Sängerinnen und Sänger von den Nebenrollen bis zu den Hauptpartien: Daniel Prohaska und Camille Schnoor gaben mit Temperament und musikalisch prägnant das sich hassliebende Paar Danilo und Hanna Glawari, die plötzlich reiche Witwe. Der wunderbar höhensichere und nicht minder charmante Lucian Krasznec war Camille de Rosillon und Jasmina Sakr seine aufgekratzte, ihn stets auf Abstand haltende und doch in ihn verknallte, aber verheiratete Valencienne. Auch aus dem Orchester tönte es unter dem neuen Chefdirigenten Anthony Bramall leuchtend und mit Verve.

Weitere Termine: 21./22./24./25. Oktober, 3./5./10.18. November