"Oliver Twist" als Kindermusical

"Oliver Twist" als Kindermusical

© Foto: Sabina Sabovic
Musiktheaterkritik

Charles Dickens für Kinderchor

von Ute Grundmann

Mary Donnelly / George L.O. Strid: Oliver Twist

Premiere: 13.05.2017 (Deutsche Erstaufführung)
Theater&Philharmonie Thüringen, Gera
Homepage: http://www.tpthueringen.de

Regie: Ronny Ristock
Musikalische Leitung: Holger Krause
Autor der Vorlage: Charles Dickens

Waisenkinder knien am Boden, ein Seil in den Händen. Andere sitzen mit gesenkten Köpfen an Tischen, warten auf die kärgliche Mahlzeit. Nur bei ihren Aufpassern stehen Trauben auf dem Tisch. Und bald wird Oliver Twist wegen seiner hungrigen Bitte um einen Nachschlag aus dem Waisenhaus geworfen. So dicht beginnt in Gera eine besondere Version von Charles Dickens berühmtem Roman: Als Musical für einen Kinderchor.

Den verlangten „Nachschlag“ gibt es dann musikalisch: „Was soll man mit dem bloß machen?“ singen bohrend und böse Kinder und Aufpasser gemeinsam. Im Jahr 2000 brachten Mary Donnelly und George L. O. Strid, die Text und Melodien gemeinsam entwarfen, ihren „Oliver Twist“ heraus. In der kleinen „Bühne am Park“ des Theaters Gera hat Ronny Ristok jetzt die deutsche Erstaufführung inszeniert, mit dem Kinderchor von Theater&Philharmonie Thüringen. Das Bühnenbild auf der ebenerdigen Spielfläche ist so schlicht wie effektvoll: Ein großes Buch mit einem Schriftzug, in dem aus dem zuversichtlichen „God saved us“ ein flehentliches „God save us“ geworden ist. Das Buch läßt sich aufklappen, zeigt Straße, Dachkammer und auf zwei weiße Seiten werden die Videosequenzen der Außenszenen (wenn Oliver wieder mal auf der Flucht ist) projiziert. Die Videos stammen auch von Ristok, der außerdem für Bühne, Kostüme und die deutsche Bearbeitung zuständig ist. Angefertigt wurde das Bühnenbild von Jugendlichen in der Kunstschule Gera e.V.

Eine Produktion mit viel jugendlicher Beteiligung also, die geradlinig an der berühmten Geschichte entlang in kurzen Szenen erzählt. Oliver (Julie Tittel) gruselt sich in der Sargtischlerei, wo er arbeiten und schlafen soll – das Klavier tupft dunkle Töne wie Drohungen dazu. In Fagins Bande zeigt ihm das „Schlitzohr“ (Rashmi Torres), wie man Brötchen kauft und das Geld dafür gleich wieder klaut. Und da sie schon mal da sind, blättern zwei Bobbys das Bühnenbild für die nächste Szene um, die jungen Akteure räumen selbst die Bühne um.

Gesprochen wird in deutsch, gesungen in englisch: „Just leave everything to me“, schmettert das Schlitzohr, Nancy (Patricia Felsch) singt ein schönes „Close your eyes“ und Fagin (Joana Czekalla) klingt zufrieden „It’s a beggar’s life for me“. Solche Soli gehen immer in eine Chorszene über, gerne auch mal mit Tanzschritten, stets mit großer Showgeste endend. Die Musik hat einen spielerischen Grundton mit vielen Varianten, mal schmissig, mal tänzelnd, dann dunkel und tastend, wenn Gefahr droht. Die Besetzung ist klein, aber effektvoll: Ricarda Hartung (Flöte, Piccoloflöte), Uwe Knaust (Klarinette, Bassklarinette) und Chordirektor Holger Krause am Klavier, der das Stück mit dem Kinderchor einstudiert hat. Manche der jungen Sängerinnen und Sänger bewegen sich noch ein bißchen scheu auf der Bühne, andere haben sicht- und hörbar Spaß und Talent am Singen und Spielen vor Publikum. Nach 90 Minuten kommt dann allerdings die Schlußszene mit Happy End so kurz und lapidar daher, dass die Zuschauer schon applaudieren, bevor das abschließende Musikstück erklungen ist.