Liebe als Aufruhr gegen die Gesellschaft: Nadine Lehner als Schostakowitschs Lady Macbeth und Chris Lysack als Sergej

Liebe als Aufruhr gegen die Gesellschaft: Nadine Lehner als Schostakowitschs Lady Macbeth und Chris Lysack als Sergej

© Foto: Jörg Landsberg
Musiktheaterkritik

Die Pussy-Terroristin

von Detlef Brandenburg

Dmitri Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk

Premiere: 10.09.2017
Theater Bremen
Homepage: http://www.theaterbremen.de

Regie: Armin Petras
Musikalische Leitung: Yoel Gamzou
Autor der Vorlage: Nikolai Leskow

Trotz der vier Jahre währenden Welterfolge, die Dmitri Schostakowitsch mit seiner „Lady Macbeth von Mzensk“ nach der Doppel-Uraufführung im Jahr 1932 in Leningrad und Moskau feiern konnte, hatte ihr Schöpfer wenig Freude an diesem seinem letzten Werk für die Opernbühne. Denn im Jahr 1936 kam jene berüchtigte Aufführung, die Stalin in seiner Loge, durch Stahlplatten vor Attentaten und Zuschauerblicken abgeschirmt, mit seiner Anwesenheit beehrte. Und es folgte jener nicht minder berüchtigte Artikel in der Prawda, der die innovative, hybride Ästhetik der „Lady“ als „Chaos statt Musik“ geißelte und von den sowjetischen Bühnen verbannte. Kein Wunder. Der radikale Naturalismus der Musik, ihre kühne Polystilistik, die unverstellt direkte Thematisierung weiblicher Sexualität, die Gesellschaftskritik, die in der Charakterisierung der Heldin als Terroristin wider eine repressive Gesellschaft steckt – so etwas stößt den Machthabern damals wie heute sauer auf. Und genau an diesem „damals wie heute“ entzündet sich die Inszenierung, die der Stuttgarter Schauspielchef Armin Petras jetzt als Gast am unermüdlich experimentierfreudigen Theater Bremen herausgebracht hat.

Im Bühnenbild von Susanne Schuboth und den Kostümen von Karoline Bierner holt Petras die Handlung näher an die Gegenwart heran. Die mit folkloristischem Kitsch vollgestopfte Stube, in der Katerina bei ihrem depressivem Monolog zu Beginn sitzt wie eine modisch ausstaffierte, sexy geschminkte Puppe, darüber der Videoscreen mit seinen Weitblicken in eine mit Industrie-Installationen gespickte Schneelandschaft, das flackernde Feuer in einem unwirtlichen Hof rechts, der großzügig geschnittene Oligarchen-Schick, in dem Konzernchef Boris die Bühne betritt – all das signalisiert russisch-neokapitalistischen Protz und provinzielle Rückständigkeit. Draußen ist es eisig, drinnen ist es miefig. Der kleinste Anlass genügt, und die Firnis aus käuflicher Noblesse reißt. Das ist keine Welt für eine Frau, die Erfüllung und Selbstbestimmung sucht. In der Radikalisierung dieser Frau spiegelt sich die radikale Repressivität der Gesellschaft, in der sie lebt.

Eine ihrer Schwestern im Geiste hat Petras in der unmittelbaren russischen Gegenwart gefunden. Mehrfach erscheinen auf dem Videoscreen Texte von Nadia Tolokonnikowa, der Pussy Riot-Aktivistin, die mit ihren Kunst-Aktionen den russischen Präsidenten Putin und die orthodoxe Kirche provozierte und dafür ins Lager gesteckt wurde. In der Tat erinnert das Bühnenambiente an russische Lager-Städte nördlich des Polarkreises. Katerina freilich fehlt zur ästhetischen Sublimation der Zugang, sie lebt ihren Frust in direkter Aggressivität aus. Die von der Schauspielerin Hanna Plaß ausdrucksstark verkörperte Köchin Aksinja aber könnte sich als Mitglied so eines Punk-Kunst-Kollektivs bewerben, sie findet für ihren Protest gegen die brutale Männerwelt phantasievolle Aktionen, und Katerina fühlt sich stark zu dieser Aktivistin hingezogen.

Mindestens ebenso spannend wie dieser thematische Ansatz ist aber auch Petras’ hybride Dramaturgie, mit der er  landläufige Opernkonventionen – und teilweise auch das Werk selbst, in das er und der Dirigent gezielt irritierend eingreifen – dekonstruiert. Videos überblenden das Bühnenbild, die Erzählung des Librettos wird durch die Verlagerung der Schauplätze und Motive radikalisiert, parallel zur Handlung laufen stumme Aktionen, zwei Kinder konterkarieren mit ihren galanten Tänzen die Brutalität des Geschehens, ein Kameramann begleitet etliche Aktionen, und auf dem Hauptscreen zeigt die Videokünstlerin Rebecca Riedel eine regelrechte Verfilmung von Teilen der Handlung, die die Konflikte und Aktionen buchstäblich hautnah heranholt. Wie Petras dadurch die Dramaturgie der Oper auflädt mit ästhetischen Strukturen ganz anderer Genres, das ist von großem artifiziellem Reiz – und übrigens typisch für die „Bremer Dramaturgie“ unter dem Intendanten Michael Börgerding, die die Grenzen zwischen den Sparten und Disziplinen aufsprengen und aus den so ermöglichten Interferenzen innovative künstlerische Impuls gewinnen will.

Allerdings offenbart Petras dabei auch einen gefährlichen Mangel an Formkraft. Denn sein hybrides (Dis-)Kontinuum trudelt immer wieder in einen Overkill der Mittel und einen teils ermüdenden Aktionismus, dem das thematische Zentrum abhanden kommt. Daran liegt es auch, dass die Pussy-Riot-Parallele eher dramaturgische Behauptung bleibt, statt dramatische Evidenz zu gewinnen. Petras arbeitet sie an der Hauptfigur zu wenig aus. Und der Doppelselbstmord am Ende, wenn Katerina und ihre Rivalin Sonjekta von der Höhe der Bühnenarchitektur in die Tiefe hopsen, bleibt ernüchternd banal.

Diese Premiere war auch das Debüt Yoel Gamzous, des neuen Musikdirektors am Theater Bremen. Der 1988 in Tel Aviv geborene Wonderboy, der schon mit 14 Jahren Abitur machte, mit 15 nach New York emigrierte, mit 19 sein International Mahler Orchestra gründete und wenige Jahre später bereits die bekanntesten Orchester Welt dirigierte, hat vor allem durch seine Auseinandersetzung mit Gustav Mahler auf sich aufmerksam gemacht. Erfahrungen mit der Oper machte er als stellvertretender GMD am Staatstheater Kassel. Und dass er Sinn für theatrale Experimente in der Oper hat, zeigt allein die Art, in der er gemeinsam mit Petras diese Bühnenversion der „Lady“ ermöglicht hat. Rein musikalisch allerdings wirkte seine Interpretation etwas vordergründig-effektverliebt. Die zarten Passagen nimmt er überzart, da klingt Schostakowitsch manchmal wie Debussy. Und die drastischen Passagen nimmt er geradezu brutal – und deckt dann selbst eine so urgewaltige Stimme wie die von Patrick Zielke als Boris glatt zu. Überhaupt, die Sänger. In den vielen orchestralen Zwischenspielen läuft das Orchester zu Hochform auf, und Gamzou brilliert durch die stringente Gestaltung sinfonischer Prozesse. Im Zusammenspiel mit den Sängern aber hat man manchmal den Eindruck, dass das Orchester neben ihnen herläuft, statt sie zu stützen. Und manchmal macht es ihnen durch Lautstärke das Leben schwer.

Dabei ist das Ensemble, wie fast immer in Bremen in den letzten Jahren, großartig. Nadine Lehners sängerische und darstellerische Gestaltung der Lady Katerina ist ein Erlebnis, das wohl niemand so bald vergessen wird. Diese Partie ist für die Sopranistin, die sozusagen mit einem Bein noch immer im lyrischen Fach steht, eine Grenzpartie. Sie singt die Katerina nicht mit der satten Wucht einer „Hochdramatischen“, sondern mit einer hellen, kraftvoll leuchtenden Stimme, die freilich in der fast tenoral stabilen Tiefe ein festgefügtes Fundament hat. Das energetisch Vibrierende ihres Fortes passt perfekt zu Petras’ Interpretation der Figur als eine Art Terroristin aus psychischer Not und Zerrüttung. Lehner beglaubigt das großartig und behauptet sich faszinierend im Zentrum all der Wimmebilder, die Petras da ins Bühnenbild zirkelt. Allerdings wird in der Höhe auch eine Gefährdung der Stimme hörbar, die zeigt, wie sehr sie hier an der Grenze singt.

Und noch eine Figur prägt sich in besonderer Weise ein: der bereits erwähnte Patrick Zielke als Boris, der mit seinem wuchtigen, dunklen, mit Sinn für dramatischen Effekte und auch für die Charge geführten Bass den breitspurigen Provinzoligarchen umwerfend auf die Bretter legt. Und der manchmal auch durch eine wohltuend differenzierte Rücknahme seiner Mittel einnimmt. Chris Lysack ist ein präsenter, wenn auch im Timbre etwas poröser Sergej, dessen triebhafte Zielstrebigkeit Petras übrigens durch ein einprägsames Requisit ironisch unterstreicht: Er hat den Presslufthammer stets zur Hand. Alexey Sayapin gibt in der nicht eben dankbaren Partie des Sinowi mit hellem, manchmal engem Tenor das asthmatische Papasöhnchen. Luis Olivares Sandoval als „Schäbiger“ und Christoph Heinrich als Pope wissen die dankbaren Aufgaben, die Schostakowitsch ihnen schenkt, einnehmend zu nutzen. Und Ulrike Mayer gibt der Sonjetka viel Charakter und Mezzokontur mit ins Bühnenleben, in dem sie übrigens von Beginn an präsent ist und – anders als Katerina – aus den Usancen dieser Gesellschaft sehr pragmatisch ihren Vorteil zu ziehen vermag.

Dieses ganze großartige Ensemble mit dem von Alice Meregaglia ausgezeichnet präparierten Chor wurde am Ende vom Premierenpublikum enthusiastisch gefeiert.