Szene aus Christoph Klimkes „America First“ am Deutschen Theater in Göttingen.

Szene aus Christoph Klimkes „America First“ am Deutschen Theater in Göttingen.

© Foto: Deutsches Theater Göttingen
Musiktheaterkritik

Ein Woyzeck im Zeitalter der Fake News

von Philip Dingeldey

Christoph Klimke: America First

Premiere: 02.12.2017 (Uraufführung)
Deutsches Theater Göttingen
Homepage: https://www.dt-goettingen.de/stueck/america-first/

Regie: Erich Sidler
Musikalische Leitung: Michael Frei

Bis heute wird viel spekuliert über den Tod von Marilyn Monroe im Augst 1962 durch eine Überdosis an Beruhigungspillen: War es Suizid, ließen die Kennedys oder die Mafia sie töten, weil sie durch die Affäre mit John F. und Bob Kennedy zu viel über die Abgründe der Politik wusste, oder hat sie ihr Psychiater Ralph Greenson falsch therapiert? Solche Spekulationen sind natürlich kein Wunder, denn erstens sind Beweismittel verschwunden und zweitens ist Monroe doch eine der größten Ikonen des 20. Jahrhundert. Sie war nicht nur ein Mode- und Sexsymbol, sondern auch durch ihre psychischen Probleme überaus labil und menschlich, gebrochen und ehrgeizig zugleich. Diese Kombination macht sie aber nicht nur faszinierend, sondern jeder kann in ihren Charakter hineindenken, was er möchte. Christoph Klimke macht daher in seinem Musical America First aus Marilyn Monroe, die mit bürgerlichen Namen Norma Jeane Mortenson hieß, eine bipolare, gebrochene Gestalt – und damit zum Ebenbild einer Zeit der Spaltung. Das Stück basiert auf Monroes Tagebuch.

In der Uraufführung im Deutschen Theater Göttingen lassen Klimke und Regisseur Erich Sidler eine gealterte Monroe entscheidende Szenen ihres Lebens Revue passieren. Diese Erinnerungen sind von einem Widerspruch geprägt, der größer nicht sein könnte, einem Widerspruch zwischen ständiger Demütigung und musikalischen Erfolgen. Das gesamte Musical ist ein Ablauf relativ isolierter Szenen, in denen jeweils ein Protagonist Monroe erniedrigt oder unterdrückt, seien es nun ihre Mutter und ihre Schauspielkollegen, die Kennedy-Brüder, ein paar Freier, die sie am Straßenstrich aufgabeln oder Doktor Greenson. Die einen sehen sie nur als Sexualobjekt, die anderen wollen sie als Star vermarkten, die nächsten wiederum wollen verhindern, dass sie ihr Wissen um politische Geheimnisse preisgibt und drohen ihr offen. Damit macht Klimke ausgerechnet eine anerkannte Berühmtheit zum Woyzeck des 20. Jahrhunderts.

Jede Szene wird abgeschlossen durch Monroes fröhliche und populäre Songs, wie I wanna be loved by you. Musik und Schauspiel lassen somit eine breite Kluft zwischen sich entstehen, die durch ironische bis bizarre Tanzperformances noch unterstrichen werden, etwa wenn Volker Muthmann in der Rolle Greensons als Tenor ein Liebeslied zum Besten gibt und mit einem weiblich-sexy Hüftschwung tanzt. Und Monroe lässt sich stets, gleich welcher Demütigung und Depression, von der Musik mitreißen. Sie kann nicht anders, als vor den Kameras zu posieren oder über den Laufsteg Kontakt zum Publikum aufzunehmen. Doch in Anbetracht des schizophrenen Aufbaus des Stücks ist es nur folgerichtig, dass zwei Monroes ins Rennen geschickt werden: nämlich Angelika Fornell als späte, gebildete, drogensüchtige Marilyn und Gaia Vogel als junge, stark sexualisierte, fast schon stereotype Version (oder vielleicht auch Projektion). In mehreren Szenen interagieren beide miteinander, konsequenter Weise in zwei hintereinander liegenden Schlafzimmern, die ein reduziertes Bühnenbild abgeben. Die Erinnerungen und der Akt des Erinnerns treten in Dialog und ergänzen einander. Erfolgsstreben und Frustration prallen zusammen. Das Erinnern bringt aber noch eine weitere Facette mit sich: Die Szenen - von ihrem Aufstieg als Playmate bis zu ihrem Tod - sind fragmentarisch, selektiv und nicht immer chronologisch. Gerade dadurch entsteht eine weitere spannende Zusammensetzung, in der sich die Zeiten vermischen.

Doch Klimke nennt sein Musical nicht umsonst America First, denn im Fokus steht dabei etwas anderes als ein rein biographisches Werk, nämlich das moderne Amerika, das in einer Dialektik von Freiheit und Repression gefangen ist. Diese Dialektik wird auf Monroe, die sich durch ihre Rolle als Ikone trefflich anbietet, projiziert. Sie ist von Emanzipationsstreben getrieben; sie wählt das Showbusiness, um von allen geliebt zu werden, aber auch um frei zu sein. Doch dies kann sie nur um den Preis der Selbstinszenierung und -verleugnung. Früher als andere Stars machte sie sich zur Marke, zum Konsumprodukt und damit zum Objekt eines Männertraums. Durch die Interessen der anderen Protagonisten, die in der einen oder anderen Art alle ihre Antagonisten sind, wird ihr Freiheitsbestreben somit unterminiert, da sie sich, um frei zu sein, in die Mühlen des kapitalistischen Systems begeben muss, instrumentalisiert wird und alles im Dienste der USA tun soll. Man könnte sagen, Norma entfremdet sich von ihrem Kunstwerk Marilyn. Dabei mischt sich die Gier ihrer Mitmenschen mit den nationalistischen Phrasen der heutigen Zeit. So betonen die Kennedys nicht nur den Selbstzweck der Macht, sondern auch, dass Amerika immer an erster Stelle zu stehen habe, als repressiver Hegemon, ob nun ökonomisch oder politisch. Und nur, wenn Monroe dem dient, kann sie existieren. Die moderne Freiheit wird zur Farce, der Kampf um Anerkennung zur Depression.

Am grandiosesten wird dies deutlich, wenn Marilyn Monroe auf Jackie Kennedy, die Ehefrau des Präsidenten, trifft. Moritz Schulze spielt Jackie als affektierten und arroganten Transvestiten, der elegant sein will, aber, wenn Monroe nicht hinguckt, massenweise Marshmallows isst. Abgesehen davon, dass Schulze eine beeindruckende Bassstimme hat, was wiederum beim Gesang einen intensiven Gegensatz zu seinem sonst femininen Spiel erzeugt, stellt er die amerikanische Scheinheiligkeit insgesamt als Spiel mit den Geschlechtern, als verfremdete Verkleidung dar – und zwar in einer witzigen Darstellung, die aus einem der Sketche der TV-Serie Little Britain stammen könnte. Gleichzeitig machen vor allem die Dialoge mit den Politikern klar, dass Lügen als alternative Fakten und Fake News, der Nationalismus und Chauvinismus des weißen Amerikas und der populistischen Vermarktung der Politik nicht erst seit der Präsidentschaft Donald Trumps auf der Tagesordnung der USA stehen.

Vielmehr legt vor allem der zweite Akt nahe, dass der gegenwärtige Rechtsruck des Landes die Vervollkommnung eines korrumpierten Systems ist. Denn gerade im zweiten Akt werden die Erinnerungen kombiniert mit Neuschöpfungen, die weit über die Tagebücher hinausgehen. Beispielsweise trifft Monroe posthum auf Richard Nixon oder gerät in ein Treffen mit anderen einflussreichen Frauen der vergangenen Jahrzehnte, von der Whistle-Blowerin Chelsea Manning bis zur Präsidententochter Ivanka Trump. Hier schreit das Musical auf einer Metaebene zwischen Fakt und Fiktion nur so vor Systemkritik und episch-absurder Verfremdung. Einmal tanzt Monroe auch mit maskierten Präsidenten. Das Politgeschäft wird inszeniert als Maskerade, als Show, in der sich eine Kontinuität der Lügen und der Repression von Kennedy bis Trump zeigt.

Auch wenn der zweite Akt von Sidler zu sehr in die Länge gezogen wird, denn die Stoßrichtung des Musicals ist dem begeisterten Publikum schon klar geworden, so gelingt der Adaption von Klimkes Stück etwas Großes: Show, Unterhaltung und Humor vermischen sich mit beißender Kritik, Schizophrenie und Resignation. Monroe wird zum Pars pro toto für das nach Freiheit strebende Subjekt, das den gesellschaftlichen Mechanismen und Zwängen nicht entfliehen kann. Dadurch wird America First zu einer Sozialsatire auf die zeitgenössischen Vereinigten Staaten. Sidler belebt so etwas wieder, was man an vielen Bühnen des Musiktheaters lange vermisst hat: ein Brecht´sches Moment, das mit der klassischen Dramaturgie, mit vielen Konventionen bricht, und das Publikum, indem es ihm ein Lachen entlockt, das sonst im Halse stecken bliebe, unterhaltsam und mit verfremdet-launigen Songs zur bittersüßen Reflektion bringt.