Musiktheaterkritik

Von den Affen des Geldes

von Wolf-Dieter Peter

Kurt Weill: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Premiere: 29.01.2011
Theater Augsburg
Homepage: http://theater1.augsburg.de

Regie: Tatjana Gürbaca
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Autor der Vorlage: Bertolt Brecht

Es wurde eine Premiere ohne Regisseurin: Tatjana Gürbaca war mit ihrem Ausstatter Stefan Heyne nach der Generalprobe abgereist und ließ beider Namen per Einstweiliger Verfügung aus allen Theaterpapieren streichen. Anlass war ein tagelanges und ernsthaft um Einigung bemühtes Ringen aller Produktionsbeteiligten, insbesondere Intendantin und Dramaturgin Juliane Votteler um die zweieinhalb Minuten der Schlussszene. Zuvor hatte sich die gemäß dem anarchischen Stadtgesetz „Du darfst alles!“ austobende Masse Mensch in neandertalige Zottelaffen verwandelt. Der der Todsünde „Nicht zahlen zu können“ schuldige Jim Mahoney war in einer Art Kreuzigungshaltung hingerichtet worden. Gürbacas Absicht: Zu den hämmernden Schlusszeilen „Können einem toten Mann nicht helfen! Können uns und Euch und niemand helfen!“ sollten dann Priester im Publikum Hostien austeilen, während auf der Bühne ein gekreuzigter Affe als Altarbild aufgehängt würde. Dagegen legte Juliane Votteler als Intendantin letztendlich ihr Veto ein.

Nun standen Chor-Masse und Solisten in ihren gewollt alltäglichen Bühnenkostümen geballt im Proszenium, links und recht vom Orchestergraben und vor der nackten Bühnenwand und donnerten uns Brecht-Weills nach 80 Jahren gespenstisch aktuelle Aussichtslosigkeit entgegen – Blackout – einhelliger Beifall für einen in seiner puristischen Unausweichlichkeit erschreckenden Schluss. Beifall dann auch für einen guten, in weiten Teilen überzeugenden Theaterabend. Das Team Gürbaca-Heyne hatte nämlich die gesamte Handlung in eine Art horizontal gekipptes Hamster-Rad verlegt. Die langsam rotierende Drehbühne signalisierte etwas von „Mühe des Daseins“, „geringem Fortschritt“, „Wiederkehr des Gleichen“ und „Kreisen um Geld und Ausschweifung“. Die Wand des Rad-Runds war aus einer Art braunen Resopal und verstärkte die Banalität einer „Flucht-in-den-Rausch-Welt“. Im Zentrum dieser Hamsterrad-Welt konnte sich die Achse heben. Hinter einem Rüschenvorhang war mal ein nacktes Adam-und-Eva-Paar mit dem Apfel der Versuchung erkennbar. Brisant und treffend aktuell zeigte das sich verweigernde Regie-Team dann in diesem Zentrum auch ein tanzendes Mädchen mit Apfel, eine Minderjährige, die später über die Knie der Affen-Mannsbilder tänzeln musste und mit einer Puppe belohnt wurde. Derart schlagend attackierenden Bildern standen auch mehrfach blasse Personen- und Gruppen-Regie gegenüber, der zu wenig ausgeführte Affenkostüm-Einfall, dann wieder der hübsche Kniff, Brechts berühmter Verfremdungseffekt durch einen bebrillten Jungen, der die einzelnen Szenen per Mikrofon ansagte, zu theatralisieren.

Den stärksten Eindruck aber hinterließ die musikalische Form, die GMD Dirk Kaftan gewählt hatte: Weills vielfältige schillernde und quer durch die Musikgeschichte zitierende Musik war oft in Einzelinstrumente aufgeteilt, mehrfach der klagenden Trompete anvertraut – und daraus wuchsen dann mit dynamischer Attacke die frech-doppelbödigen Songs empor, gipfelnd in „Wie man sich bettet, so liegt man…“. Den Tuttis des Philharmonischen Orchesters hätte man da gelegentlich mehr kantige Kälte gewünscht. Inmitten eines rollendeckenden Ensembles singschauspielerte Musical-Star Anna Maria Kaufmann als Gast eine schlanke, sexy-kalte Jenny. Glatzköpfig bullig verkörperte Gerhard Siegel den nach dem Außergewöhnlichen gierenden Jim als scheiternden Kleinbürger – das aber mit großem Tenor. Zu Recht einhelliger Beifall für ein schockierendes Werk: Wir sind keinen Schritt weiter! Und: Was haben uns die braunen Kulturschänder ab 1930 da für eine Schiene des Musiktheaters vernichtet! Schließlich: Wo sind die Autoren, die dem heutigen Theater Werke wie „Mahagonny“ geben?