Szene aus Benjamin Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw" in Köln.

Szene aus Benjamin Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw" in Köln.

© Foto: Klaus Lefebvre
Musiktheaterkritik

Genius loci – die Kölner Trinitatiskirche

von Andreas Falentin

Benjamin Britten: The Turn of the Screw

Premiere: 11.02.2011
Oper Köln
Homepage: http://www.operkoeln.com

Regie: Benjamin Schad
Musikalische Leitung: Raimund Laufen

Hinter dir Schritte. Weit entfernt hallig verzerrte Kinderstimmen. Ein schlanker Regen schwarzer Federn. Ein aggressiver Lauf auf der Oboe. Über allem: Blaues Licht. Ein Theaterwunder: Das Geschehen um die – mutmaßlich – von Geistern besessenen Kinder auf einem einsamen Landsitz schmiegt sich geradezu in die neogotische Trinitatiskirche, in der die Kölner Oper auf ihrer Reise durch die Stadt angekommen ist. Das Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“ dominierende Spannungsverhältnis zwischen der Sehnsucht nach Zuflucht und der progressiven Angst vor dem Eingesperrtsein, an dem die – von Claudia Rohrbach hinreißend verkörperte – namenlose Gouvernante zerbricht, stellt sich hier von selbst her. Die Inszenierung von Benjamin Schad kann sich mit prägnanten Andeutungen von Gesten und Orten bescheiden.

Tobias Flemming hat einen geraden Längssteg durch die Mitte des Kirchenschiffs gebaut. Rechts und links daran aufgereiht sitzen die Zuschauer. Die sechs großartigen Sänger – vom präsenten Knabensopran Carlo Wilfart bis zur Grand Dame Helen Donath – bespielen die komplette Kirche. So ist jeder Zuschauer mal nah dran am Geschehen, mal weit weg. Dann hört man bewusst zu. Die Solisten des Gürzenichorchesters sind im hinteren Seitenschiff untergebracht. Zusammen mit dem jungen Dirigenten Richard Laufen führen sie die auf einer Zwölftonreihe basierende, für zwölf Instrumente, die abwechselnd die „musikalische Führung“ übernehmen, geschriebene Musik zu überwältigender Faszination. Dazu durchläuft das Sängerensemble in Zweier- und Dreierkonstellationen oft geometrisch anmutende Bewegungsmuster und kreist Brittens Lebensthema, die zwangsläufig befleckte Unschuld, unerbittlich ein.

Die Fülle der sinnlichen Eindrücke bestimmt den Zuschauer, eine Geschichte aus Brittens fragilem Andeutungsdschungel subjektiv herauszuwickeln. Das wäre im Opernhaus, auch in einem sanierten, kaum zu erreichen gewesen.