v.l.n.r.: Gerd Vogel, Thorsten Heidel, Mirco Reseg, Felicitas Breest und Susanne Bredehöft in Fassbinders "Bremer Freiheit"

v.l.n.r.: Gerd Vogel, Thorsten Heidel, Mirco Reseg, Felicitas Breest und Susanne Bredehöft in Fassbinders "Bremer Freiheit"

© Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Tobias Kruse
Musiktheaterkritik

Serientäter

von Ute Grundmann

Béla Bartók/Rainer Werner Fassbinder: Herzog Blaubarts Burg & Bremer Freiheit

Premiere: 06.05.2017
Oper Halle
Homepage: www.buehnen-halle.de

Regie: Thirza Bruncken
Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech

In Blaubarts Burg tummeln sich seltsame Gestalten. Eine Frau in goldener Robe, eine andere mit geschorenem Kopf und nonnen-strengem Habit. Beide werden später Judith sein. Dazu ein Ritter in silberner Rüstung, ein Mann mit Schürze, eine Frau im blau-weißen 70er-Jahre-Kleid und ein kahlköpfiger Mann ganz in Schwarz. Er wird später Herzog Blaubart sein. Doch erst mal wird dieses Personal für ein anderes Stück gebraucht, für Rainer Werner Fassbinders bürgerliches Trauerspiel „Bremer Freiheit“. Das hat Regisseurin Thirza Bruncken in der Oper Halle mit Béla Bartóks Kurzoper zusammengespannt, zu einem Musiktheaterabend der etwas anderen Art.

Vollmundig wird im Programmzettel ein „theaterformenübergreifendes Experiment“ versprochen, es sei angesichts der thematischen Nähe beider Werke erstaunlich, dass niemand zuvor auf diese Idee gekommen sei: Serientäter, mal weiblich, mal männlich.

Dafür hat Christoph Ernst (Bühne und Kostüme) eine rosafarbene Spielzeugburg gebaut, in deren Innerem bürgerlich-hölzerne Enge herrscht. Wohnzimmer unten, das Schlafzimmer Treppe rauf oben. Da hockt unten die ganze, bunt kostümierte Familie beisammen, streitet und zieht über Geesche (im blau-weißen Kleid mit sündig-roten Pumps) her, die sich – so will es das Stück – mit Giftmorden aus ihren bürgerlich-kapitalistischen Fesseln zu befreien versucht. Jede(r) ist hier mal jede(r), mal Beschimpfte, mal Beschimpfer, Konturen bekommt so keine der Figuren. Später werden Mann-Frau-Dialoge von Frau und Mann mit vielen Auf- und Abgängen umständlich aus dem Fenster gesprochen. Musik dazu gibt es vom Band beziehungsweise vom Mischpult im Saal (Klanggestaltung: Sven Treess), mal Tanzmusik, mal Streicherklänge. Fassbinders doch etwas in die Jahre gekommenes, plakatives Stück über die historische Mehrfach-Mörderin Gesche Margarethe Gottfried (im Text heißt sie Geesche) kommt hier als bunter Karneval über, ach ja, Männer- und Frauen-Klischees daher, gespielt von Schauspielern und Sängern.

Nach der Pause dann Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“, mit dem die Schauspielregisseurin Thirza Bruncken ihr Operndebüt gibt. Dieselbe rosa Burg, nun unten ein Bade- statt des Wohnzimmers und auf der Rückseite eine Frühstücksküche. Auch hier gibt es, wie zuvor schon, eine gereimte Ansage wie bei einer Moritat, dann beginnt auch hier das Treiben. Herzog Blaubart mit knöchernen Händen, oft stehen die Personen nur so da. Dann wird die Judith in der goldenen Robe vom silbernen Ritter bedrängt und begrapscht, während Blaubart auf dem Küchentisch herumkrabbelt. Wechselnde Tanzpaare drängen sich aneinander und werfen den Partner dann weg, immer mal wieder Disco-Tanzbewegungen in Zeitlupe, gegen den Rhythmus von Bartóks Musik. Und das versprochene „Sänger*innen übernehmen Schauspielrollen, Schauspieler*innen singen in der Oper“ beschränkt sich darauf, dass die Schauspieler (Susanne Bredehöft, Thorsten Heidel, Mirco Reseg) Schlagworte aus den Arien sprechen oder schreien. Das pendelt ständig zwischen gewollter und ungewollter Komik, über die Figuren erfährt man wenig. Dass beide Werke zusammenpassen, bleibt, was es ist: Eine Theorie.

Musikalisch gibt es wenig auszusetzen: Gerd Vogel ist ein wunderbarer Blaubart, mit dämonischer Tiefe, aber auch Zeichen und Klängen der Unsicherheit, wenn er mit den sieben Schlüsseln seine Geheimnisse preisgeben muss. Er wurde am Ende zu recht gefeiert. Anke Berndt und Felicitas Breest als doppelte Judith haben wenig Chancen, stimmige, fertige Charaktere zu gestalten; aber sie singen souverän und ergänzen sich gut. Die Staatskapelle Halle unter ihrem GMD Josep Caballé-Domenech schöpft die Möglichkeiten von Bartóks Musik voll aus: Schrille Akzente über dunkel-düsteren Klängen, die expressiv-dramatischen Phasen scharf konturiert, auch das fragend-tastende der Töne wird schön ausgespielt.

Nach zweieinhalb Stunden mischten sich in den freundlichen Beifall einige zaghafte Buhs.