Der Vordenker und seine Bewunderin: Christina Niessen als Cosima Wagner und Matthias Wohlbrecht als Houston Stewart Chamberlain in der Karlsruher Uraufführung von Avner Dormans Oper "Wahnfried".

Der Vordenker und seine Bewunderin: Christina Niessen als Cosima Wagner und Matthias Wohlbrecht als Houston Stewart Chamberlain in der Karlsruher Uraufführung von Avner Dormans Oper "Wahnfried".

© Foto: Falk von Traubenberg
Musiktheaterkritik

Houston, wir haben ein Problem

von Susanne Benda

Avner Dorman: Wahnfried

Premiere: 28.01.2017 (Uraufführung)
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Homepage: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/

Regie: Keith Warner
Musikalische Leitung: Justin Brown

Zu ironischen, ja gar witzigen Kommentaren über Hitler und den Nationalsozialismus ist die Kunst erst ziemlich spät gelangt. Zu schwer wog zumal hierzulande das Bewusstsein einer historischen Erbsünde. Das ändert sich seit ein paar Jahren, und am Samstagabend hat das Badische Staatstheater Karlsruhe mit der ersten Musiktheater-Uraufführung seit elf Jahren bewiesen, dass Humor und Ernsthaftigkeit auch beim künstlerischen Nachdenken über die deutsche Vergangenheit auf fruchtbare Weise zusammenkommen können.

„Wahnfried“ heißt das Stück, dessen Musik der israelische, in New York ausgebildete Komponist Avner Dorman auf ein Libretto von Lutz Hübner und Sarah Nemitz schrieb: als kritischen Reflex auf den „Ring“, der in Karlsruhe – nach dem Stuttgarter Zehelein-Modell mit vier verschiedenen Regisseuren – mittlerweile bis zur „Walküre“ gelangt ist. Dieses Ansinnen spiegelt sich schon in Tilo Steffens’ Bühne, die Richard Wagners Festspielhaus aus Sängerperspektive zeigt: An den Rückseiten alter Kulissen und am geschwungenen Bühnenvorhang vorbei, über die gewölbte Abgrenzung des Orchestergrabens mitsamt dem dort verschriftlichten „Präludierverbot“ für die Musiker hinweg blickt man aus dem Zuschauerraum des Badischen Staatstheaters hinein in den Zuschauerraum des Bayreuther Musentempels

Dort sitzt der Chor der Wagnerianer („Wir denken tief, wir denken deutsch“, „Wir kennen keine Nationen mehr, wir sind nur noch Wagnerianer“). Und auf der Bühne selbst präsentiert die Oper jenes Stück Wagnerscher Familiengeschichte rund um die Wende zum 20. Jahrhundert, das mit seinem Gedankengut auch die aufkommenden nationalsozialistischen und antisemitischen Strömungen speiste. Im Zentrum: Houston Stewart Chamberlain, der englische Rassentheoretiker, der – durchaus opportunistisch – in den Clan einheiratete. Grundiert mit einer wirkungsvoll und witzig zwischen Kurt-Weill-Ton, New-Orleans-Jazz und (mehr oder minder deutlichen) Wagner-Anspielungen, lockerem Tanzschritt und Gesangspathos, Groteske und Nachromantik angesiedelten Musik, zeigt „Wahnfried“ Chamberlains Weg bis hin zu einer surreal überzeichneten Begegnung mit Adolf Hitler, dem Winifred, Witwe des (eigentlich schwulen) Komponistensohns Siegfried, mit großer Geste den Bart zurechtstutzt.

Keith Warner hat all dies mit leichter Hand und mit einem Ideenreichtum inszeniert, der das Karlsruher Theater (neben den Ansprüchen des Stücks an Sänger und Bühne) an die Grenzen des Möglichen treibt. Dabei sind Vergröberungen gewollt: Erwarten dürfen wir hier natürlich keine glaubwürdigen Charaktere oder Entwicklungen, und zumal Chamberlain ist eine durch und durch holzschnittartige Figur. Eher hat die Oper etwas von einer grotesken Zeit-Collage. Oder von einer Wagner-Revue, durch die nach Wagners Ableben auf einem Flügel, das mit Anklängen an Siegfrieds Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ grundiert wird, ein surrealer Wagner-Dämon geistert. Der kämpft mit Bakunin für die sozialistische Revolution wie für die Sprengung der Opernhäuser und macht überhaupt allerlei Firlefanz. Und der unterhält sich (hier wird es dann vielleicht doch ein bisschen zu politisch korrekt) auch mit dem Geist des legendären jüdischen Wagner-Dirigenten Hermann Levi, der in Karlsruhe acht Jahre lang Hofkapellmeister war. In der Oper wirkt Levi, umrankt von parsifalesken Streicherklängen, nur wie ein blasses, singendes Thesenpapier: Trocken diskutiert er vor allem mit sich selbst die innere Zerrissenheit eines jüdischen Wagnerjüngers. Direkt vor der Uraufführung hatten Theater und Stadt aber ihren sehr ernsthaften Teil zur Erinnerungskultur beigetragen, indem sie den Theatervorplatz nach Levi benannten.

Auch am Ende von „Wahnfried“ ist Schluss mit lustig. Houston Chamberlain, der in einer zum cembalobegleiteten Slapstick verkommenen Sitzung des Wagner-Clans zu Beginn des zweiten Aktes noch gemeinsam mit Cosima („Houston, wir haben ein Problem“) aktiv den Ausschluss Isolde Wagners aus der Familie betrieben hat, wähnt sich am Ziel und endlich angekommen in der Reihe deutscher Geistesgrößen. Doch die Szene gehört dem Dämon Wagners: „Wusstest du nicht“, schmettert dieser Chamberlain nieder, „dass alle meine Helden scheitern?“

Da ist sie dann, die Wagnerdämmerung. Am Ende steht nichts mehr in Anführungszeichen. Gemeinsam mit seiner ersten Frau und mit Isolde Wagner, die beide walküremäßig mit dem rollenden Pferd Grane abtransportiert worden waren, sitzt Chamberlain in einer gekachelten Zelle, vor der Keith Warner eine Parade im Gleichschritt inszeniert. Das Publikum, irritiert, aber auch gepackt, bejubelt das janusköpfige Werk, den Generalmusikdirektor Justin Brown, der es hochengagiert dirigierte, und Sänger, die das Stück an ihre Grenzen trieb. Einige von ihnen – so etwa Matthias Wohlbrecht als Chamberlain, Agnieszka Tomaszewska als Eva, Ina Schlingensiepen als Winifred und Eleazar Rodriguez als Hitler – waren richtig gut. Und „Wahnfried“ ist schon deshalb einen Besuch wert, weil es beweist, dass sich Leichtigkeit und Tiefe sogar beim dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht ausschließen müssen.