Musiktheaterkritik

Dunkel leuchtend

von Joachim Lange

Aribert Reimann: L’Invisible

Premiere: 08.10.2017 (Uraufführung)
Deutsche Oper, Berlin
Homepage: https://www.deutscheoperberlin.de

Regie: Vasiliy Barkhatov
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Autor der Vorlage: Maurice Maeterlinck

Erst der erneute Triumph mit seinem „Lear“ bei den Salzburger Festspielen im vergangenen Sommer, nun die Uraufführung „L’Invisible“ an der Deutschen Oper in Berlin! Für Aribert Reimann (81) läuft es gut. Er ist ohnehin einer der meistgespielten zeitgenössischen deutschen Komponisten: ein quicklebendiger Grandseigneur ohne Allüren. Der Jubel an der Bismarckstraße für seine neunte Oper war einhellig. Und der Komponist hochzufrieden. Vielleicht auch, weil Reimann die Erwartungen unterläuft, die man an die Expressivität seiner Musik haben könnte, wenn man die Linie von „Lear“ über „Bernarda Albas Haus“ und „Medea“ einfach verlängert, nach schräg oben, ins exzentrisch Expressive. Doch stattdessen bietet er jetzt viel Geheimnisvolles, ein gar an Debussy erinnerndes Mäandern im Ungefähren. In der Melange von Poesie und Vokalisen allen voran: Rachel Harnisch in den drei Rollen der Ursula, Marie und Ygraine, aber auch alle anderen Solisten machten daraus ein Fest vokaler Virtuosität, jenseits konventionellen Arienglücks. 

Die berührende Wirkung, die Reimann diesmal erreicht, mag auch am opernaffinen Vorlagen-Autor für sein selbst geschriebenes Libretto liegen. Er kombinierte drei Kurzdramen des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck, der ja dank Debussys „Pelléas et Mélisande“ schon einen Stammplatz auf der Opernbühne hat. Er ist einer, der mit seinen Geschichten in ausreichender Höhe über den Banalitäten des Lebens schwebt, aber doch die Verbindung zum Allgemeinmenschlichen nicht kappt. Die 90-minütige Kombination aus drei ineinander übergehenden Teilen hat Reimann auf die originale französische Vorlage kombiniert. Was sich ihm, wie er sagt, geradezu aufgedrängt habe. Dass ein Hauch von suggestiver Debussy-Atmosphäre über dem liegt, was Reimann selbst als Trilogie lyrique bezeichnet, liegt auch an der geglückten szenischen Übersetzung, mit der der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov (34) und sein Bühnenbildner Zinovy Margolin die Bühne der Deutschen Oper füllen: eine triste, geheimnisvoll bewegliche Hausfassade, die Einblicke gewährt, Räume und Menschen freigibt und wieder verschluckt. Oder als Projektionsfläche für gespenstische Schattenspiele dient. 

Im ersten, streicherdominierten Teil „L Intruse“ (Der Eindringling) gibt das Panoramafenster der Fassade den Blick auf eine Familie frei, in der ein Kind geboren wurde, das noch keinen Ton von sich gegeben hat, während die Mutter im Wochenbett um ihr Leben ringt. Nur der blinde Großvater bemerkt den für alle anderen unsichtbaren Eindringling. Als das Kind seinen ersten Schrei von sich gibt, stirbt die Mutter. Und aus der Wiege fällt ein Knabe ins Leben. 

Der Tod ist auch in der zweiten Episode „Intérieur“ der ungebetene Gast. Zwei Männer, der Alte und der Fremde, müssen einer Familie die Nachricht überbringen, dass sie eine ihrer Töchter tot aus dem Fluss geborgen haben. Doch die Familie ist so in der weihnachtlichen Zufriedenheit ganz bei sich, dass sie mit dem Überbringen der Nachricht zögern. Es sind die Schatten an der Wand, die die unausweichliche Dunkelheit ankündigen, die dann alles verschluckt. 

In „Le Mort de Tintagiles“ (Der Tod des Tintagiles) scheint der Autor von „Pelléas et Mélisande“ am deutlichsten durch. Ein Schloss, eine alte Königin, die noch niemand zu Gesicht bekommen hat, verschwundene Knaben. Dass die Königin ihren Enkel hierher beordert, wird auf der Bühne zu einem mysteriösen Krankenhausaufenthalt für einen Jungen, um dessen Wohl und Leben sich seine Schwestern sorgen. Die Dienerinnen der Königin singen mit Counterstimme und verdoppeln ihre aus schwarzen Müllsäcken kreierten Gestalten als  Schatten an der Wand. Das Geistestrio behält gegen alle Widerstände die Oberhand. Stark ist das Bild mit einem halben Dutzend toter Knaben. In der Wanne. Erhängt. Mit dem PkW verunglückt. Im Fenster eines brennenden Hauses. Zu guter Letzt also noch ein exemplarisch gegenwärtiges Zeichen. Am Ende steigt ein neuer Knabe ins frisch bezogene Krankenbett. 

Für die Eskalation des tödlichen Soges findet Reimann genauso instinktsicher Tutti-Crescendi, wie er die Eloquenz seiner Figuren umspielt, sie vorantreibt und trägt. Das ist handwerklich meisterhaft gearbeitet, wie intuitiv erfühlt. Neben Rachel Harnisch überzeugen Annika Schlicht als Marthe und Bellangère, Ronnita Miller als Dienerin ebenso wie Seth Carico, Stephen Bronk und Thomas Blondelle in den diversen Männerrollen. Die Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel nutzen ihre Rolle als Dienerinnen der geheimnisvollen Königin natürlich als Steilvorlage für diverse virtuose Kunststücke.

Das Orchester der deutschen Oper und sein GMD sind mit Eifer bei der Sache – der Komponist jedenfalls war über ihre Arbeit im Graben offensichtlich begeistert. Alle zusammen lieferten eine dunkel leuchtende Opernnovität! Über den Tod, ohne den das Leben nicht zu feiern ist.

Weitere Termine: 18./22./25./31. Oktober