Albert Lortzings "Weihnachtsabend" und "Andreas Hofer" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz

Albert Lortzings "Weihnachtsabend" und "Andreas Hofer" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz

© Foto: Dirk Rueckschloss/Eduard-von-Winterstein-Theater
Musiktheaterkritik

Alpenglühen im Biedermeier-Wohnzimmer

von Joachim Lange

Albert Lortzing: Der Weihnachtsabend / Andreas Hofer

Premiere: 07.12.2014 (Uraufführung)
Eduard-von-Winterstein-Theater, Annaberg-Buchholz
Homepage: http://www.winterstein-theater.de/

Regie: Ingolf Huhn
Musikalische Leitung: Naoshi Takahashi

Das kleine aber feine Eduard-von-Winterstein Theater in Annaberg-Buchholz und der vorweihnachtliche Premieren-Termin für ein Lortzing-Doppel passen hervorragend zusammen. Insgesamt vier Exemplare solcher biedermeierlichen Sing- bzw. Liederspiele hat der Tausendsassa Albert Lortzing in den Jahren 1832/33 geschaffen. Mit dem „Weihnachtsabend“ hatte er sofort Erfolg. „Andreas Hofer“ dagegen wurde prompt von der Zensur verboten. Was sich als so nachhaltig erwies, dass sich das kleine erzgebirgischen Theater jetzt einer um 182 Jahre verspäteten Lortzing-Uraufführung rühmen kann.

So ein Ereignis ist natürlich Chefsache. Also die des regieführenden Intendanten Ingolf Huhn und seines GMD Naoshi Takahashi. Ausstatter Thilo Staudte hat das Biedermeier-Wohnzimmer der Familie Käferling ins Riesenhafte gezoomt. Hier steht der vor allem an ausgestopften Tieren leidenschaftlich interessierte, „bemittelte Privatmann“ als Vater einer Familie mit vier Kindern mit gemütlicher Strenge vor. Alle sind entstehungszeitgemäß gekleidet, und so liefert dieses Ambiente eine Vorlage für jene ironische Distanz, die den Untertitel des Singspiels „launige Szenen aus dem Familienleben und Vaudeville“ beglaubigen.

Im „Weihnachtsabend“ spielt Huhn ziemlich gekonnt damit. Bis hin zu dem als Kasperletheater genutzten Fenster, bei dem das junge Liebespaar im Stück, Suschen (Madelaine Vogt ist die Große im Hause Käferling) und ihr Verehrer, der Rekrut Gottlieb (Marcus Sandmann) das Stelldichein, das sie in der Kälte haben, wie Puppen vorspielen. Zu ihnen gesellt sich der putzige Vetter Michel (Matthias Stephan Hildebrandt). Er hilft beiden mit einer kleinen Intrige, Kaserneninspektor Sommer, der auch um Suschen wirbt, aus dem Feld zu schlagen. Was natürlich alles auf ein weihnachtliches Happyend zusteuert. Musikalisch staunt man, wie pragmatisch sich Lortzing die Musik aus seinerzeit populären Stücken kombiniert  von Franz Schubert bis Friedrich Heinrich Himmel, vor allem aber mit Nummern aus Mozarts „Don Giovanni“ oder der „Zauberflöte“. Was halt gerade passt. Der gesprochene Rest dazwischen ist eher Volkstheater, hat aber doch so viel treuherzigen Charme, dass es für 70 Minuten ausreicht.

Bei „Andreas Hofer" dann wird es hochpolitisch, wenn auch mit einer Korrektur der tatsächlichen Historie. Der echte Hofer endete ja, anders als bei Lortzing, vor einem Exekutionskommando. Für die jetzige Uraufführung des Singspiels ist das Biedermeier-Ambiente des ersten Stückes mit knapp mannshohen Berggipfeln vollgestellt, die vom Tiroler Volk fleißig geputzt und musikalisch u. a. mit Echoklängen verziert werden. Am interessantesten ist die großformatige Ouvertüre. Ansonsten gibt es jede Menge Tümelei und eine Überdosis Patriotisches. In diesem Singspiel ist immerhin die Hälfte der zehn Musiknummern von Lortzing selbst komponiert. Die anderen stammen von Weber, Spohr, Auber und Haydn.

Es zeichnet sich bald ab, dass es zu einer jähen Wendung von der Beinahe-Katastrophe (der Auslieferung von Andreas Hofer) hin zu einem Happyend kommen wird, das dann tatsächlich in einem großen, gottesfürchtigen und kaisertreuen Friede-Freiheit-Eierkuchen mündet, bei dem es als Sahnehäubchen auch noch ein gemeinsames „Gott erhalte Franz den Kaiser“ gibt. Der Freiheitskämpfer Andreas Hofer und sein Tirol triumphieren am Ende. Die Eroberer und Verräter bleiben auf der Strecke und der Kaiser gibt dazu seinen Segen.

Das Alpenglühen im Biedermeier Wohnzimmer setzt mit einer leichten ironischen Distanz an, die es für diese Überdosis Boden und Heimat und Freiheit-oder-Tod-Rhetorik braucht. Wenn dann freilich Leander de Marel als Hofer in Lederhosen und mit entsprechendem Rauschebart über die Bühnestapft, dann ist das von eher unfreiwilliger Komik, hat einen Hauch von Oberammergau  was aber mehr ein Genre-, denn ein Qualitätsmerkmal ist. Verdienstvoll sind diese Ausgrabungen, die in Annaberg-Buchholz zur Dramaturgie des Hauses gehören, allemal.