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Musiktheaterkritik

Die Biedermeierfalle

von Frank Pommer

Albert Lortzing: Regina

Premiere: 21.09.2013
Pfalztheater Kaiserslautern

Regie: Hansgünther Heyme
Musikalische Leitung: Uwe Sandner

Mit einer Rarität hat das Pfalztheater in Kaiserslautern die neue Spielzeit eröffnet: Alberts Lortzings im Revolutionsjahr 1848 entstandene Oper „Regina“. Inszeniert wurde diese Koproduktion mit dem Ludwigshafener Theater im Pfalzbau von dessen Intendant Hansgünther Heyme, am Pult stand Kaiserslauterns Generalmusikdirektor Uwe Sandner. Trotz aller Freude über die Wiederentdeckung: Die Substanz des Stückes, aber auch die szenische und musikalische Qualität der Kaiserslauterer Produktion reichen für eine „Regina“-Renaissance nicht aus.

„Ein Volk! Ein Heer! Ein Herzensschlag!/Nun kommt der Freiheit großer Tag!“ So viel revolutionäres und patriotisches Pathos wie in dem Schlusschor von Lortzings „Regina“ kann man in der Oper des 19. Jahrhunderts lange suchen. Wir kennen zwar den steckbrieflich gesuchten Revolutionär Richard Wagner, die Zeitgeschichte, die konkreten Ereignisse des Dresdner Maiaufstandes von 1849 fließen jedoch nur über Umwege in das Werk des damaligen königlich-sächsischen Kapellmeisters ein. Ganz anders bei Lortzing: Er hat aus nächster Nähe miterlebt, wie in Wien die Arbeiter revoltierten, wie die Bürger nach Pressefreiheit riefen, wie der verhasste Repräsentant des Regimes, Klemens Wenzel Fürst Metternich, sich feige vom Acker machte und selbst Kaiser Ferdinand floh. Die Revolution schien geglückt, die Freiheit hatte gesiegt. Doch dieser Zustand währte nur einige Monate. Es kommt zu gewalttätigen Aufständen, das Habsburger Regime schlägt brutal zurück. Aus dem Frankfurter Paulskirchenparlament reist der mit Lortzing befreundete Robert Blum an, um zu vermitteln. Man stellt ihn trotz Immunität vor ein Standgericht und lässt ihn am 9. November erschießen. Die Revolution war gescheitert. Und mit ihr Lortzings Oper „Regina“. Das wusste auch der Komponist, der mitten in der Komposition der Ouvertüre abbrach. Es sollte bis 1998 dauern, ehe das Werk erstmals in Originalgestalt im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier zu erleben war. Regie führte damals Franz Konwitschny.

Nun also Hansgünther Heyme, der neben der Regie auch die Ausstattung übernommen hat. Er arbeitet auf einer Einheitsbühne, deren Rückwand in den Revolutionsfarben Schwarz-Rot-Gold gehalten ist und die ansonsten eher den Charakter einer Werkstattproduktion hat, mit Brecht‘schen Verfremdungs-Effekten. Heyme schafft so eine Distanz zu dem Geschehen, das zwar von streikenden Arbeitern und einer Freiheitshymne eingekreist wird, in dessen Mittelpunkt jedoch die Dreiecksgeschichte zwischen der Titelheldin, der Tochter des Fabrikbesitzers Simon, und ihrem Bräutigam Richard sowie dem sie zur Frau begehrenden Vorarbeiter Stephan steht. Heyme macht daraus eine Schulstunde. Schon zu den Klängen der Ouvertüre nimmt ein Junge seinen Platz an einer Bank ein. Geschichtsunterricht mal anders: Akteure auf der Bühne spielen Revolution, Anarchie, Räuberpistole. Und am Ende wehen die schwarz-rot-goldenen Fahnen – und die Utopie ist Wirklichkeit geworden? So naiv ist Heyme dann doch nicht. Vielmehr zeigt er eine von dem Geschehen völlig traumatisierte Heldin, die wie ein Fremdkörper in diesem Jubelmeer der nationalen Begeisterung wirkt.

Uwe Sandner am Pult des Pfalztheaterorchesters versucht, Lortzing aus der Biedermeierfalle zu befreien. Das gelingt nur bedingt. Zum einen gibt es auch in der „Regina“-Partitur Passagen, die nicht wirklich nach avancierter Musik klingen. Zum anderen ist das Pfalztheaterorchester – im Unterschied zu dem von Ulrich Nolte vorbereiteten Chor – am Premierenabend schlichtweg nicht in Bestform. Es wackelt zwischen Bühne und Graben, Ensembleszenen sind oftmals nicht zusammen. Hinzu kommen Unkonzentriertheiten beispielsweise im Blech.

Das bestätigt sich leider auch stimmlich. Wirklich überzeugen können eigentlich nur Christoph Stegemann als Simon und der eindrucksvolle Daniel Henriks als Stephan. Daniel Ohlmann hat mit einer angekündigten Indisponiertheit arg zu kämpfen und muss vor einigen Spitzentönen kapitulieren. Bei Adelheid Fink in der Titelpartie wechseln Licht und Schatten. Ihr gelingen wunderbar gestaltete Momente, andererseits stört man sich gerade in der Höhe an einigen Schärfen.