Der einsame Wanderer: Szene aus dem Liederabend "Doch bin ich nirgend, Ach! zu Haus"

Der einsame Wanderer: Szene aus dem Liederabend "Doch bin ich nirgend, Ach! zu Haus"

© Foto: Julia Stix
… und mehr

Beschwingte Winterreise

von Ulrike Kolter

Musicbanda Franui & Nikolaus Habjan: Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus

Premiere: 16.09.2017
Alte Oper Frankfurt
Homepage: https://www.alteoper.de

Regie: Nikolaus Habjan

Eigentlich müsste man in mittelschwerer Sinnkrise aus diesem Liederabend mit der Musicbanda Franui und Figurenspieler Nikolaus Habjan gehen, denn die Collage aus Liedern von Schubert, Schumann, Brahms und Mahler sowie Texten des Schweizers Robert Walser führt thematisch in eine einzige Welt des Fremdseins, führt die Figur des einsamen Wanderers durch die Jahreszeiten hin zur ewigen Ruh. Sätze wie „Kann ich mich denn finden, wenn’s an mir nichts aufzufinden gibt?“ prallen einem entgegen; hier stapft der Einsame durch den Schnee, da wird das nächste Grab geschaufelt, dort erfriert ein Bettelkind: „Gott sah das Kind, aber es rührte ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.“

Solche Zitate aus dem Werk des heimatlosen, geisteskranken Schweizer Dichters und passionierten Wanderers Robert Walser gehen ins Mark, besonders, weil einen dazu der von Habjan gebaute Puppenkopf mit so unheimlich menschlicher Trauer anblickt. Rot leuchten die Puppenaugen, faltenzerfurcht ist das Sorgengesicht, der Blick starr gen Publikum oder hinter sich zu den Musikern gerichtet. Im Winter dann, am Lebensende, bekommt die Wandererpuppe noch zottelige Augenbrauen und einen schlohweißen Schnurrbart hinzu. Dann liegt sie da, zitternd und halb tot auf dem weißbetuchten Tisch inmitten der Bühne, hinter dem Nikolaus Habjan steht und seine Puppen führt. Mal rezitiert der junge Österreicher frei, mal tritt er in Dialog mit seinem kleinen Wanderer oder liest ganze Passagen vom Blatt Er tut das alles mit solcher Gewandtheit der Intonation, dass man wieder große Lust an Prosa und Lyrik findet!

Trotzdem kommt wenig Schwere auf – und zwar wegen der musikalischen Untermalung des Tiroler Musikensembles, das sich auf Bearbeitungen von Schubert, Mahler und Brahms spezialisiert hat. Die zehn packen das romantische Liedgut in Jazz, Folklore und viel beschwingten Klezmer. Bei der „Fischpredigt“ des Antonius von Padua aus Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“ zum Beispiel flirrt es und hüpfen die Fische in lustiger Manier, so verjazzt wird Mahlers ohnehin genial lautmalerische Komposition völlig neu erlebbar. Leider wird aufkommende Trübnis meist weggewischt im schnellen Übergang zur nächsten Lied- oder Textnummer, kaum bleibt Zeit, mal innezuhalten und die Textbrocken sacken zu lassen. Das ist schade, zumal hierzulande das Werk des Schriftstellers Robert Walser nahezu unbekannt ist, der drei Romane und viel Prosa-Skizzen hinterließ, lange Jahre in einer Schweizer Nerven-Heilanstalt verbrachte und schließlich bei einem seiner langen Sparziergänge am Weihnachtstag einsam im Schnee starb...

Das Projekt „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ fügt sich an der Alten Oper Frankfurt ein in das Festival „Fremd bin ich...“, welches noch bis Ende September Schuberts „Winterreise“ ins Zentrum stellt und dem Lied-Zyklus eine ganze Reihe von spannenden Theaterproduktionen und Liederabenden widmet.

Nikolaus Habjan jedenfalls, der nicht nur Puppenspieler und Regisseur, sondern auch ausnahmebegabter Kunstpfeifer ist und mit Abenden wie „Ich pfeife auf die Oper“ tourt, gehört absolut auf die Bühne. Auf seine Kariere als Regisseur in Österreich und Deutschland darf man weiter neugierig sein, was sein „Oberon“ an der Bayrischen Staatsoper übrigens schon angedeutet hat.