Szene aus "Don Quijote"

Szene aus "Don Quijote"

© Foto: Luigi Consalvo
… und mehr

Die Kunst der Animation

von Manfred Jahnke

Ensemble Materialtheater: Don Quijote

Premiere: 09.11.2017 (Uraufführung)
Ensemble Materialtheater, Stuttgart

Regie: Alberto Garcia Sánchez/Ulrike Monecke

30 Jahre existiert schon das Ensemble Materialtheater in Stuttgart. Wenn das kein Anlass zum Feiern ist. Zu Beginn des Jubiläumsfestivals „Heimweh nach der Zukunft“, auf dem viele ihrer Produktionen der letzten Jahre zu sehen sind, gab es in Koproduktion mit dem FITZ! Stuttgart eine Premiere: „Zwei unzeitgemäße Damen“ (Programmkarte) „singen, erzählen und spielen“ „Don Quijote“ von Cervantes. Selbstverständlich nicht alle 1400 Seiten des „besten Romans der Weltliteratur“, wie 100 Schriftsteller 2002 wählten. Aber erzählt wird die Essenz, die Geschichte eines Mannes, der sich derart in die Lektüre von Ritterromanen vertieft, dass er Dichtung und Wahrheit nicht mehr unterscheiden kann. In einer Zeit, da die Welt der Ritter schon längst entschwunden ist, bricht er auf, um im Namen seiner Dulcinea das goldene Zeitalter wieder zu gewinnen. In seinem Wahn hält er trotz der Warnungen seines Dieners Sancho Panza Windmühlen für Riesen, Schafsherden für Heere. Selbst die Prügel, die er jedes Mal nach einer „Heldentat“ einstecken muss, schrecken nicht ab, sondern sind Zeichen seines Ringens mit einem großen Zauberer. Erst ganz am Ende, schon auf dem Totenbett, begreift Quijote seinen Wahn.

Die beiden „unzeitgemäßen Damen“ sind Annette Scheibler und Sigrun Kilger vom „Ensemble Materialtheater Stuttgart und Théatre Octobre Brüssel“. Ein eingespieltes Paar mit hohem komischem Potential. Sie treten zunächst als Schauspielerinnen auf, die sich selbst kommentieren und über den Roman informieren, sich aber schnell in zwei Schwestern verwandeln, wobei die eine schwäbelt und die andere Schwyzerdütsch spricht, während sie die eigentliche Quijote-Geschichte in Hochdeutsch spielen. So entsteht ein komplexes Gebilde auf drei Ebenen im ständigen Wechsel. Brüche werden groß ausgespielt und für kleine artistische Einlagen benutzt. Da versuchen zum Beispiel die Beiden Füße auf einen Tisch abzulegen, der nicht da ist. Wenn sie als Schwestern, Zigaretten im Mund, die Bühne für das Figurenspiel einrichten, kommentieren auch sie immer wieder die Bühnensituation.

Don Quijote, lang und dünn, mit grünem Gesicht, und Sancho Panza, dick, mit einer längstgestreiften schmutzigen Hose, sind Stabpuppen, wobei nicht nur der Kopf, sondern ebenso ausdrucksstark die Hände geführt werden. Die Figuren, die Ute Kilger gebaut hat, wirken leicht deformiert – ähnlich den Plastiken von Giacometti –, aber gewinnen gerade dadurch in der Animation von Annette Scheibler und Sigrun Kilger an unheimlicher Lebendigkeit. Das Pferd Rosinante wird von einem aufgestellten Buch dargestellt, aus dem zuvor Cervantes gelesen hat. Das ist überhaupt eine der großen Stärken dieser Produktion, an der Ulrike Monecke und Alberto García Sánchez mit gearbeitet haben, dass hier die Dinge, die auf der Bühne sind, multifunktional genutzt werden: Da kann ein Pappkarton erst einmal nur ein Behälter sein, wird dann zum Postament, auf dem Don Quijote und Sancho Panza sich repräsentieren, um sich schließlich in einen Sarg für den Ritter, der kein Ritter ist, zu verwandeln. Wie denn überhaupt mit dem Raum phantasievoll umgegangen wird, obschon es nur wenige Versatzstücke gibt: ein Tisch, der am Ende ins Laufen kommt, zwei Stühle, ein Harmonium, das eine (imaginäre) Kellertreppe versteckt – was konsequent angespielt wird – und ein Gitarrenständer mit Instrument. Denn gesungen wird auch zu den Kompositionen von Andreas Grossmann.

Was Annette Scheibler und Sigrun Kilger vorführen, ist ein hochartistisches Spiel, das nicht nur ständig zwischen den Ebenen wechselt, sondern auch zwischen verschiedenen Genres. Beide sind zugleich exzellente Komikerinnen und zugleich können sie so ganz nebenbei Figuren wie Dinge animieren. Ein großartiger Abend, der nur ein Manko hat, er ist zu lang. Gegen Ende hin sind die Mittel aufgebraucht, weil sie sich wiederholen. Das lässt sich ändern.