"Lazarus" am Theater Bremen

"Lazarus" am Theater Bremen

© Foto: Theater Bremen
… und mehr

Existentielle Müdigkeit

von Jens Fischer

David Bowie / Enda Walsh: Lazarus

Premiere: 09.06.2018
Theater Bremen
Homepage: https://www.theaterbremen.de

Regie: Tom Ryser

New York, London, Düsseldorf, Wien – überall dort lag der humanoide Alien Thomas Jerome Newton schon auf der Bühne im Totenbett und sang den Titelsong des Musicals „Lazarus“,  veröffentlicht auf David Bowies Abschiedsalbum „Darkstar“. „I’ve got scars that can’t be seen / I’ve got drama, can’t be stolen“, heißt es dort, „Look up, I’m in heaven“. Im Internet kann man sehen, dass die Newton-Darsteller der letzten drei Stationen mit Verweisen auf die schnöselig zarte, Dandy-müde, kaltromantisch entrückte Chansonstimme des Pop-Chamäleons die Behauptung spielen, der Außerirdische sei ein Alter Ego Bowies und „Lazarus“ ein selbst kompiliertes Requiem. In Bremen scheint Regisseur Tom Ryser mehr zu wollen, als Kunst mit Verweisen auf die Biografie des Kunstschaffenden zu erklären.

Er verzichtet auf jedwede Imitation. Die wohl kürzeste Ouvertüre der Musiktheatergeschichte, ein energisches Rockriff, deutet sogleich den Geist der musikalischen Aneignung an. Eine hereinwehende Engelsstimme verweist auf das das Thema des Abends. Vorüberziehende Schattenfiguren führen in die Bildästhetik ein. Die Hauptrolle ist mit Martin Baum besetzt, dem König des prononcierten Sprechens im Bremer Ensemble und eben so gar kein androgynes Fabelwesen. Seine hart abgemischte, kraftvoll sicher geführte Stimme bietet jede Liedzeile mit Nachdruck und verständlich dar – aber setzt dem übergroßen Vorbild eben auch keine charakteristische Neuinterpretation entgegen. 

Wenn er sich auf der steril weiß ausgeschlagenen Bühne (Stefan Rieckhoff) aus den Laken erhebt und ankleidet, hat das die Anmutung eines smarten Geschäftsmannes, der seine Depression mit Arroganz überspielt. Sein Lebensmittel ist immer in Reichweite: eine Flasche Gin. Dass er nach eigenen Angaben seine Tage nur noch mit Fernsehgucken verbringt, ist in Bremen kein Anlass für medienkritischen Videotechnikeinsatz. Newton betont, was auf der Bühne zu sehen ist, sei nur in seinem Kopf. Die letzten von Krankenhausdrogen verwirrten Bilder eines Sterbenden? Jedenfalls öffnet sich die Hinterbühne – voller hinauf und gleich wieder hinab, also nirgendwo hin führenden Treppen. Schwarz bemalt mit weißen Streifen. Vielleicht ein bisschen Sehnsucht aufs Eingehen in gleißend rauschendes Weißlicht – und die Angst vor der stockdunklen Ewigkeit? Um solche Aspekte anzudeuten, hat Enda Walsh einige Dialoge zwischen das Best-Of der Bowie-Songs aus den Jahren 1971 bis 2016 gefügt. Das Problem: Fremd unter Fremden leidet Newton todsterbenskrank am Leben auf Erden, ist als Außerirdischer aber unsterblich. 

Bowie spielte den Mann aus einer fernen Galaxis bereits in Nicolas Roegs Verfilmung des Science-Fiction-Romans „The Man Who Fell to Earth“ von Walter Trevis. Newtons Job ist es dort, für seinen darbenden Heimatplaneten Wasser zu organisieren. Er lässt sich aber von irdischen Glücksangeboten verführen: Liebe, Reichtum, Macht und Drogen. Schließlich wird er zum Forschungsobjekt. Ein Foltermartyrium. Diese Vorgeschichte wird auf der Bühne in einer aparten  Durcheinanderflüsternummer von drei „Teenage Girls“ nacherzählt, die auch als Miniaturballett mit ironischen Showchoreographien und Chorgesang die 18 Song-Darbietungen unterstützen. In Walshs Fortschreibung der Geschichte will Newton nun vor allem eines: nach Hause. In den Himmel. Den Tod? Jedenfalls klettert er final eine weiße Leiter empor, während die letzten, melancholisch gedehnten „Heroes“-Töne zu hören sind. 

Die existenzielle Müdigkeit dieses Hits beherrscht die Inszenierung: Was tun, wenn der zugestandene Tag Ruhm vorbei und noch so viel Zeit wegzuarbeiten ist? Newton klammert sich dank seiner Vorstellungskraft an Erinnerungen seiner Heldenmomente und fantasiert sich ein Hoffnung verheißendes „Mädchen“ herbei, das ihm eine Rakete für den Heimflug bauen will. Wie Gedankenblitze sind die Handlungsfragmente inszeniert, wobei das fabellos assoziative Textmaterial derart dünne wirkt, dass es keine Chance zur Entwicklung der Figuren bietet. Ausformulieren müssen sie sich in der Musik. Der Bebilderungsminimalismus überlässt den wuchtigen Beiträgen aus dem Orchestergraben die atmosphärische und den Songs die inhaltliche Arbeit. Alles läuft gekonnt nebeneinander her anstatt sich in schillernder Ambivalenz gegenseitig zu befruchten. Der Programmzettel besteht vor allem aus der Setlist.

Immerhin: Jeder Song ist neu arrangiert (Musikalische Leitung: Yoel Gamzou). Als Glam-, Disco- und Hard-Rocker hat Bowie in Postgender-Posen ja nicht nur Popmoden mitgemacht, sondern sie mitbestimmt, Punk genau so antizipiert wie Postpunk und New Romantic. Wobei aber nicht die Kompositionen, sondern ihre klanglichen Inszenierungen das Außergewöhnliche von Bowies Kunst sind. Wenn die nun wie in Bremen neu definiert werden, bleiben nur noch gute Songs. Sehr reizvoll dabei, wie „The Man Who Sold the World“ skelettiert auf die Bass-Linie daherkommt und die rhythmische Vertracktheit von „Dirty Boys“ betont wird. „Life on Mars“ klingt kammermusikalisch gediegen. Kunterbunt steril ins Musicalgefilde gleitet allerdings „Absolute Beginners“ ab. Die extra dafür zusammengestellte Septett agiert mit unbeirrbarer Präzision, großem Einfühlungsvermögen und lässiger Könnerschaft: perfekt! Herausragend dabei, wie Thorsten Düker für jeden Song neue Spielarten und all die Rocksoloklischees seiner Gitarre entlockt. 

Weniger herausragend der Gesang. Opernsängerin Nerita Pokvytyé versucht sich als „Mädchen“ in Musical-Diktion und entsprechender Strahlemimik. Das sieht nett aus, klingt schön rund, kann aber vom Verführungszauber und der Verblendungsmagie ihrer Figur wenig vermitteln. Eher blässlich denn von diabolisch dunklem Glanz ist Alexander Angelettas Vortrag des Teufel-Lieder Valentines. Justus Ritter macht aus „All the Young Dudes“ eine zappelige Karaoke-Nummer. Vollends überzeugend nur Claudia Renner, weil sie ihre Songs organisch aus dem Spiel entwickelt, auch mit dunkel timbrierten und angerauten Passagen das Ausdrucksvermögen lebendig steigert. Gerade wenn sie ihre Rolle von der Krankenschwester Elly zur Möchtegerngeliebten Newtons verwandelt, die im Kostüm dessen Ex-Geliebter Marie-Lou „Changes“ singt. Toll!