Franck Edmond Yao und Hauke Heumann in der Kammer des Theaters Aachen

Franck Edmond Yao und Hauke Heumann in der Kammer des Theaters Aachen

© Foto: Wil van Iersel
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High-Energy-Diskurs

von Andreas Falentin

Monika Gintersdorfer: Partir a l'aventure

Premiere: 09.05.2014 (Uraufführung)
Theater Aachen
Homepage: http://www.theateraachen.de

Regie: Monika Gintersdorfer

Seit fast zehn Jahren macht Monika Gintersdorfer transkulturelles Theater, gleichsam bilateral fokussiert auf Deutschland und die Elfenbeinküste. Stets mit deutschen und ivorischen Schauspielern und Tänzern. Stets auf der Suche nach aufgerissenen kulturellen und politischen Gräben, deren Beschreibung und Überwindung im Spiel.

Natürlich geht es auch in der Kammer des Theaters Aachen um Migration, um die Fluchtwelle aus Afrika, um deren Ursachen, vielleicht auch deren Berechtigung. Auf jede Art von Betroffenheitspose wird allerdings völlig verzichtet zugunsten von differenzierter Erzählung, expressiver Körperlichkeit und schrägem Witz.

Franck Edmond Yao spricht und tanzt. Hauke Heumann übersetzt Yaos Französisch und tanzt mit. Anders. Muskulöser, weniger wiegend. Europäischer? Da geht es schon los. Unerbittlich charmant wird der Zuschauer mit eigenen Vorurteilen konfrontiert. Da erzählt einer, der nach Paris gekommen ist – „natürlich nicht mit dem Boot, mit dem Flugzeug!“ –, warum er weg ist von zuhause. Dass ihm ein Marabout sein Visum erhext hat für den Aufbruch ins große Abenteuer („Partir l’Aventure“). Merke: Abenteuer, nicht Flucht. Wie er dann ankommt in Paris und Landsleute trifft, und keinen Kontakt zu ihnen bekommt. Dass er in der Heimat immer zu jedem Kontakt bekommen hat und jeder zu ihm. Zum Beispiel.

Der Verlauf der Performance orientiert sich an Begriffsketten wie Immigration-Integration-Authentizität-Originalität oder eben, einfacher, Boot-Zaun-Flugzeug. Im Zentrum steht die Suche nach nationaler und individueller Identität aus ivorischer Sicht. Deren Verlust wird historisch-philosophisch begründet, in mehreren geistigen Ansätzen, ausgehend von der Kolonialzeit, verlinkt mit Statements zur europäischen Afrikapolitik und Prognosen zur wirtschaftlichen Zukunft Europas und Afrikas. Dazu spielt Eric Parfait Francis Taregue Schlagzeug und Mundharmonika und kommt manchmal auf die Bühne und talks about something completely different oder auch nicht.

Dass dieses diskursive Theater nicht ermüdet oder gar verärgert, liegt an dem Höchstmaß an positiver Energie, mit der der 75-minütige Abend bestritten wird. Monika Gintersdorfer und ihr Team wollen nicht aufrütteln, sondern bewusst machen, vielleicht mit Empathie Empathie und eventuell Aktivität schaffen. Die intensive, entspannte Körperarbeit, die energetischen, oft auch poetischen, dann wieder sehr sportlichen Tanzsequenzen, die fetzigen Einsprengsel mehrstimmigen Gesangs lohnen allein das Zuschauen. Dazu das kongeniale Bühnenbild von Christin Vahl. Wieder einmal füllt sie den leeren Raum mit klaren geometrischen Formen. Zu Beginn steht ein Kubus auf der Bühne. Der explodiert nach wenigen Minuten in bunte Styropor-Vierecke unterschiedlichster Größe, die, immer wieder neu angeordnet, den vielen komplexen, zweisprachigen Gedanken ein einfaches, sinnliches Spielfundament geben. Ein saustarker Abend!