Michael Vogel in „Songs for Alice“ des Figurentheaterduos "Wilde & Vogel".

Michael Vogel in „Songs for Alice“ des Figurentheaterduos "Wilde & Vogel".

© Foto: Therese Stuber
… und mehr

Musikuntergründiges

von Tim Sandweg

Wilde & Vogel: Songs for Alice

Premiere: 29.09.2011
Lindenfels Westflügel Leipzig
Homepage: http://www.figurentheater-wildevogel.de

Regie: Hendrik Mannes

Alice’ Reisen durch das Wunderland und hinter die Spiegel sind musikdurchdrungen. Lewis Carroll flocht in seine Romane über die Traumreisen eines jungen Mädchens durch seltsam unlogische Erwachsenenspielwelten eine Reihe von Songs ein, teilweise angelehnt an englische Kinderreime, teilweise großartige sprachspielerische Gedichte. Diese dienen in der neuen Produktion des Figurentheaters „Wilde & Vogel“ als Ausgangspunkt für eine fragmentarisch-poetische Lesart des Stoffes in Form eines surrealen Konzertes mit den Instrumenten E-Gitarre und E-Geige (Charlotte Wilde), Kontrabass (Johannes Frisch) und Puppen (Michael Vogel), angefeuert von einer Reihe Drehmotor-Rhythmusmaschinen und zusammengesetzt von Regisseur Hendrik Mannes. War die Musik in den Produktionen des Figurentheater-Duos immer schon ein wesentlicher, aber eher begleitend-athmosphärischer Bestandteil, findet sie hier zu einer neuen, melodiösen Qualität, die die Volksliedhaftigkeit der Reime nutzt, um neue Kreationen zu schaffen, wie im vielstrophigen Lied von den Gourmets Walross und Zimmermann, das den losen Lieder-Szenenreigen rahmt.

In diesem spielt sich das Puppenspiel auf einer von den Instrumenten begrenzten, kleinen Fläche ab, findet in den großartigen Momenten des Abends eine gemeinsame Spielebene mit der Musik, überlasst leider im abschließenden Spiegellandteil aber zu sehr Instrument und Stimme das Feld. Die Figuren sind ebenfalls Fragmente, entspringen den Songs oder bieten sie selbst dar: Die Grinsekatze aus Klappmaulkopf und hellem Mantel schleicht und verrenkt sich katzenhaft-virtuos über und mit dem Körper ihres Animateurs, der Flamingo wiegt sich als Marionette auf seinen Stelzbeinen, bevor er zum Crocketschläger wird, und das weiße Kaninchen, eine Art Gebieter im Bühnengeschehen, unter dessen eindringlichem Blick selbst die Musiker verstummen, bietet exzentrisch das Neologismen-Gedicht vom Jabberwock dar. Ähnlich fragmentarisch taucht die Titelfigur auf, mal mit rosa-silberglitzerndem Cowboyhut, mal in der weitestgehend im Original dargebotenen Sprache, konsequenter Weise nie als Puppe.

Neben der großartigen Verschmelzung von Spieler und Puppe, findet sich auch im Figurenspiel eine neue Qualität, weg von der langsam zelebrierten Bewegung des Vorgängers „Krabat“, hin zu einem ruppigen Spiel, etwa wenn sich die Teegesellschaft dem Diktat der Musiktakte unterwirft oder wenn im Tränenpfuhl die Tierfiguren durchs Wasser sausen. Schließlich landen sie alle, passend zum Karten- oder Schachspiel, auf dem Stapel der geschlagenen Spielfiguren. Ähnlich den Austern: „They’d eaten every one.“