Ensembleszene

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© Foto: Kirsten Nijhof
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Im 20er-Jahre-Chic

von Ute Grundmann

Patrick Rohbeck: Capriolen

Premiere: 11.06.2016
Musikalische Komödie, Leipzig
Homepage: http://www.oper-leipzig.de

Regie: Patrick Rohbeck
Musikalische Leitung: Tobias Engeli

Mit Glitzerfrack und Zylinder tanzt Paul elegant und selig in einer Revue, das ist, was er will und kann. Doch dann geht der Frack verloren und drunter kommt die rote Weste des Hotelangestellten zum Vorschein, der er eigentlich ist. In dieser kurzen Szene des Beginns steckt eigentlich schon die ganze Geschichte, die die neue Inszenierung an der Musikalischen Komödie Leipzig erzählen will. Rezeptionist Paul (Fabian Egli) und drei seiner Kollegen wünschen sich nichts sehnlicher, als die Hotelarbeit gegen eine Revue-Karriere einzutauschen – und was kann ihnen da Besseres passieren, als dass der Direktor des Admiralspalastes Herman Haller (Milko Milev) in „ihrem“ Grand Hotel absteigt und ein Vorsingen abhalten will.

So beginnt „Capriolen – Die Lindenauer Palast-Revue“, zu der Regisseur Patrick Rohbeck Idee, Buch und Spielfassung beigesteuert hat. Und die prachtvolle Hotellobby (Bühne Frank Schmutzler) ist natürlich der ideale Ort für Massenszenen, Trubel und das Vorführen von 20er-Jahre-Chic (Kostüme Silke Wey). All das unter seiner Fuchtel hat ein falscher ehemaliger General (Kostadin Arguirov), der sein Personal scheucht und vor den Gästen katzbuckelt. Und die Anreise zum Vorsingen ist natürlich Anlass für Musik: Da treten sechs Herren, „Ein Freund, ein guter Freund“ singend, ein, das Zimmermädchen kriegt alle Mäntel auf die ausgebreiteten Arme und alle Hüte auf den Kopf. Das ist ein schöner Gag, ansonsten läuft die Handlung genreüblich mit Verwicklungen und Verwirrungen, künstlichen Verwicklungen, Liebeshändel und -täuschungen ab – ein bißchen dünn, selten mit Wortwitz, ein paar Striche hätten gutgetan (am Ende sind es über drei Stunden Revue). Doch die Musik und Hits der 20er sind gut in die Handlung eingebaut, sind nicht bloße Dreingabe, sondern passen in die Szenen. Koch Alfred singt „Gibt’s in Wien a Hetz a Hetz a Tanzerei“ von Robert Stolz, bis der Hotelchef „Haltung annehmen!“ befiehlt.

Und als dann wirklich das Vorsingen und -tanzen beginnt, ist das natürlich noch mal Gelegenheit, für noch mehr Schlager der Zeit. Da schießt Herman Haller in die Luft, wenn ihm was nicht gefällt und die (in Wirklichkeit bitterarme) Gitta Marie von Losch (Mirjam Neururer) fällt aus Takt und Tanzreihe, als sie mit den Tiller Girls auftritt. Und die vier hoffungsvollen Hotel-Angestellten kommen erst gar nicht zum Zuge.

Nach der Pause, im dritten Akt, geht es dann Knall auf Fall: Da ist die „Capriolen“-Revue schon fertig und in vollem Gange, nur diesmal unter Leitung von Erik Charell (Michael Raschle), der bis dahin als stummer Zaungast das Treiben beobachtet hatte. Das „Capriolen“-Lied von Rezeptionist Paul ist ein Hit, Richard Tauber tritt mit „Du bist die Welt für mich“ auf – Radoslaw Rydlewski ahmt nicht einfach nach, sondern macht etwas Eigenes daraus. Ebenso Anne-Kathrin Fischer als Claire Waldoff mit „Emil seine unanständige Lust“.

Hier wird nun in Revue geschwelgt, mit prächtigen, aufwendigen Kostümen – vor allem auch in der chinesischen Hochzeit aus dem Finale von „Viktoria und ihr Husar“, in der Hanni und Kurt verheiratet werden. Musikalsich ist das Ganze ein Ohrenschmaus, das Orchester der Musikalischen Komödie unter Tobias Engeli beherscht alle Stimmen, Stimmungen und Zwischentöne der Schlager. Manchmal allerdings wird es zu laut, überdeckt die Sänger und auch die Szene eines Zauberers. Aber die Regie setzt auch einen hübschen Theater-im-Theater-Trick ein: Die Bühne ist Vor- und Hinterbühne zugleich, mal wird das „wirkliche“ Publikum angesungen, mal ein imaginäres hinter dem Vorhang – und das „echte“ Publikum kann den Künstlern bei der Vorbereitung auf die nächste Szene zusehen. Die Comedian Harmonists (Andreas Fischer, Tobias Latte, Björn Grandt, Peter Waelsch, Stefan Dittko und Christoph-Johannes Eichhorn) steuern noch ihren kleinen, grünen Kaktus bei, ehe es mit Verve in das „Schlußfinale“ geht: Da gibt’s von allen noch mal „Ich brauche keine Millionen“ und das „Capriolen“-Lied, in das man ein bisschen Lokalkolorit einschmuggelt. Denn zu den Capriolen der Welt gehört hier auch, dass RB Leipzig nun in der 1. Bundesliga Tore schießen (will).