Ivo Dimchev animiert in „P project“ das Publikum zum Mitmachen, hier in  Ljubljana wie später auch beim Festival „Globalize Cologne“

Ivo Dimchev animiert in „P project“ das Publikum zum Mitmachen, hier in Ljubljana wie später auch beim Festival „Globalize Cologne“

© Foto: Nada Žgank
Leseprobe

Zuschauer als Mitspieler

Mehr zum Schwerpunkt “Zuschauer als Mitspieler” im Januarheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Wie der Zuschauer zum Mitspieler wird
  • Vorbereitungen für eine Arbeit von „Signa“
  • Mitspieltheater in Oldenburg
  • Mitspielen in Freiburg, Stuttgart und Frankfurt
  • Gamingformate im Theater
  • Partizipative Formate bei „Globalize Cologne“
  • Mitmachen im Kinder- und Jugendtheater
  • Die Theatergruppe „machina eX“

Beschreibung und Definition eines Phänomens

Im September schickte das Schauspiel Bonn in „(No) Way Out“ der Gruppe Prinzip Gonzo das Pu­blikum auf eine abenteuerliche Reise durch ein altes Pförtnerhaus einer Außenspielsätte. Ende des Monats übernahm im Theater Freiburg das Publikum alle Rollen im „König Ödipus“, eingeflüstert über Kopfhörer von der Gruppe Ligna. Anfang Oktober startete die Gruppe Hofmann & Lindholm das Leben der imaginären Familie Weiß in einem Mietshaus unweit des Schauspiels Stuttgart. Wenig später bat das Mitspielkollektiv machina eX im Berliner Theater Hebbel am Ufer das Publikum in sein neues Mitmachstück „Toxik“. Fast zeitgleich ließ die Gruppe FUX in der Kaserne Basel Zuschauer für „Fux gewinnt“ Glücksspiel betreiben, wenig später setzte sie das im Frankfurter Mousonturm fort. Ende Oktober stellte die Kölner Freihandelszone an verschiedenen Orten der Stadt den aktivierten Zuschauer in den Mittelpunkt ihres alljährlichen Festivals Globalize Cologne. Anfang November hatte dann Signa in einem angemieteten Gebäude mit einer neuen Ausgabe ihrer düsteren Mitmachwelten für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg Premiere.

Der Beginn dieser Spielzeit war stark durch Mitmachformate für Zuschauer geprägt. Die sind nicht völlig neu, scheinen im Theater aber immer zahlreicher zu werden. Häufig sind sie durch Computerspiele angeregt (bei machina eX) oder schaffen eine geschlossene Spielwelt, die Parallelen sowohl mit Computerspielen als auch analogen Rollenspielen aufweist (Signa). Viele dieser Inszenierungen brauchen einen außerordentlichen Spielraum – meist in speziell eingerichteten Außenspielstätten –, andere nutzen zur Etablierung ihrer Spielwelt vor allem technische Hilfsmittel (Anweisungen durch Telefon oder Kopfhörer, durch Videos vermittelte Anweisungen). Fast immer werden sie von freien Gruppen durchgeführt, die gastweise – und durchaus regelmäßig – an Stadttheatern arbeiten. Sie sind also auch ein Zeichen für die zunehmende Verschränkung von freier Szene und Stadttheater.

Vor allem aber weisen sie auf ein verändertes Interesse der Theatermacher am Publikum hin. Die sogenannte vierte Wand, die das Spiel der professionellen Darsteller vom Publikum trennt, ist im Theater der Gegenwart meist niedergerissen: Laien werden auf die Bühne geholt und in Bürgerbühnen von professionellen Teams angeleitet, Theatertexte zu spielen, oder sie werden als Experten des Alltags mit ihren persönlichen Besonderheiten in dokumentarischen Stücken auf die Bühne gestellt. Beim Mitmachtheater werden sie sogar zu Hauptdarstellern – und bleiben zugleich die einzigen Beobachter; ihre Aufgabe ist es, Rollen zu übernehmen und nicht anderen Zuschauern etwas vorzuspielen. Der genaue Ablauf der Inszenierung ist ihnen jedoch, wie auch dem klassischen Zuschauer, nicht bekannt.

Fragen zum Mitspieltheater

Gesteuert wird das Spiel oft von Performern oder Schauspielern, die den Rahmen der Mitspielwelt prägen und die Spielregeln vorgeben. Wie frei ist der spielende Zuschauer aber in seinem Agieren? Und ab welchem Punkt wird er bei unabhängigem Mitspielen zum Spielverderber? Bedeutet das Mitspielen des Zuschauers (in oft sehr klar vorgegebenen Rollen) wirklich eine Emanzipation des passiven, auf seinen Zuschauersessel beschränkten Publikums? Oder hat der auf das Bühnengeschehen konzentrierte Beobachter im traditionellen Theater nicht viel größere geistige Freiheiten als derjenige, der ohne Erfahrung und Überblick über das Ganze einer Rolle gerecht zu werden versucht? Führt der Trend schließlich dazu, dass am Ende also alle im Theater mitspielen? Und will dann keiner mehr den anderen zusehen? Das sind Fragen, die im Zentrum unseres Schwerpunkts Zuschauer als Mitspieler stehen.

Einordnung in die Theaterwelt

Vielleicht ist das totale Theater in geschlossenen Mitspielwelten gar nicht so gut dafür geeignet, gesellschaftliches Miteinander kritisch zu überprüfen, sondern bietet vielmehr in einem überschaubaren Rahmen eine Art Sicherheit und vermittelt dabei die Illusion einer Wahlfreiheit; es bereitet eine gefahrlose Art, Nervenkitzel zu erleben, wie er im Zuhörtheater nur um dem Preis strapazierten Sitzfleischs zu bekommen ist. Mitmachtheater ist die theatrale Antwort auf soziale Medien, in denen schnelle Aktion oft die Reflexion überlagert; in denen aber auch durch kluges Interagieren Erkenntnisse über globale Zusammenhänge schnell und griffig erfahrbar gemacht werden können.

Es ist nicht zu erwarten, dass Mitmachtheater konventionelle Theaterstücke oder andere Formen des Bühnenspiels völlig verdrängen wird. Der Impuls, den Zuschauer stärker ins Spiel einzubeziehen, das Licht im Zuschauerraum gleichsam nicht zu löschen, ihn zur Mitsprache statt zum sanften Einnicken anzuregen, ist jedoch auch bei Inszenierungen traditioneller Texte festzustellen. In „Terror“ von Ferdinand von Schirach (siehe DdB 12/2015) verbindet sich ein well-made Gerichtsdrama mit Publikumsbeteiligung, weil alle Zuschauer als Schöffen zu einem Urteil in einem Mordprozess (mit komplexen philosophischen und politischen Aspekten) aufgerufen sind. Auch Sebastian Nüblings Inszenierung von Aischylos’ „Schutzflehenden“ und Jelineks „Schutzbefohlenen“ in Verbindung mit anderen aktuellen Texten versucht, das Publikum in abschließende Diskussionen einzubeziehen (siehe Seite 66). Damit versucht das Theater, die Integration von Migranten in das bildungsbürgerlich geprägte deutsche Theater in die Theaterrealität umzusetzen, wie es Bibiana Beglau beim Deutschen Theaterpreis öffentlich wirksam gefordert hat.

Wirklich interessant ist Mitmachtheater für mich, wenn es mit den Grenzen zwischen Spiel und Beobachtung spielt und dem Zuschauer auch die Freiheit lässt, selbst das Geschehen weiterzudenken oder seine Emotionen wahrzunehmen und zu hinterfragen. Mitdenktheater muss immer das Ziel sein – egal, ob ich in der tristen Firmenwelt von Signas „Söhne & Söhne“ mitwirke oder ob ich in „Terror“ einem Gerichtsfall beiwohne. Wenn mit der Inszenierung nicht mehr gelingt als die aufwendige Etablierung einer Spielwelt, dann ist Mitmachtheater nichts anderes als das Wiederverschließen der vierten Wand: Dann befinden sich die Zuschauer zwar mit den Theatermachern in einem Raum, die Erfahrung oder Erkenntnis durch das Spiel weist aber nicht über das Theaterspiel hinaus. Dann wäre Mitmachtheater eine Spielerei.

Über den Autor

Detlev Baur ist Schauspiel-Redakteur der Deutschen Bühne