Im Gespräch: Tanzchef Honne Dohrmann, Tänzerin Alessandra Corti, Intendant Markus Müller, Bettina Weber und Ulrike Kolter von der Deutschen Bühne

Im Gespräch: Tanzchef Honne Dohrmann, Tänzerin Alessandra Corti, Intendant Markus Müller, Bettina Weber und Ulrike Kolter von der Deutschen Bühne

© Foto: Andreas Etter
Leseprobe

Wie tickt der Tanz am Stadttheater?

von Ulrike Kolter und Betina Weber

Mehr zum Schwerpunkt “Wie tickt der Tanz am Stadttheater?” im Februarheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Einleitung: Monokultur versus Mischwald
  • Streitgespräch: John Neumeiers „Duse“
  • Hamburg: Staatsballett und Kampnagel
  • Wuppertal ohne Pina Bausch
  • Oldenburg: Die Rückkehr der Neoklassik
  • Notstandsverwaltung: Tanzgastspiele in Köln
  • Getrennte Wege: Freiburg und Heidelberg

Markus Müller, Intendant des Staatstheaters Mainz, Honne Dohrmann,
Tanzchef am Haus, und Alessandra Corti, Tänzerin im
Ensemble, im Gespräch über die Identität der Mainzer Tanzsparte,
die sich als Keimzelle für Vielfalt und Neukreationen versteht

 

Sie drei sind gemeinsam von Oldenburg nach Mainz gewechselt, jeweils in gleicher Funktion. Dort waren die Strukturen sehr ähnlich: ein festes Ensemble, ein kuratiertes Tanzprogramm mit Haus- und Gastchoreographen und ein Tanzfestival. Welche strukturellen Bedingungen haben sich beim Wechsel nach Mainz dennoch verändert?

Markus Müller: Der Ansatz ist sicher ein verwandter. Wir setzen klar auf die Compagnie, wobei wir jetzt 20 Tänzerinnen und Tänzer haben, in Oldenburg waren es nur elf. Strukturell ist das eine große Veränderung, denn wir haben so die Option, wesentlich mehr parallel erarbeiten zu können. Das bedeutet eine große Herausforderung, aber so können wir Repertoire spielen und zugleich internationale Gastspiele geben. Wir haben ganz bewusst Tänzer mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten engagiert, zum Beispiel eine Tänzerin, die auch eine hervor­ragende Sängerin ist. Uns interessiert die Durchlässigkeit zwischen den Sparten, die Vielfalt ermöglicht, ohne Gemischt­warenladen zu sein. Und die Tänzer haben die Chance, eine ganze Reihe von choreographischen Handschriften kennen­zulernen und trotzdem in einer Compagnie zu sein, sich zu entwickeln.
Honne Dohrmann: Insgesamt ist es eine andere Anmutung. Wenn man etwa parallel verschiedene Produktionen probiert, hat das gravierende Auswirkungen auf die gesamte Disposition. Es ist auch mit 20 Tänzern noch familiär, aber die Form in Mainz ist etwas offener. Das Rezept aber ist das gleiche, nicht zuletzt, weil Guy Weizman als Hauschoreograph mitgekommen ist. Das gibt uns eine Kontinuität, ist unsere choreographische Referenz – sozusagen das Gegengift zum Gemischtwarenladen. Guy und seine Partnerin Roni Haver machen einmal im Jahr eine Produktion für uns, von der aus wir denken. Viele unserer Ensemblemitglieder hatten auch schon mit den beiden zu tun und sind in den Niederlanden ausgebildet worden, also Performer, technisch wie auch theatral sehr stark und vielseitig.

Frau Corti, Sie wollten auch mit nach Mainz wechseln. Gewöhnt man sich über die Jahre an die choreographische Vielfalt, oder ist es nach wie vor eine große Herausforderung, sich auf die verschiedenen Handschriften einzustellen?

Alessandra Corti: Ich habe in Bremen unter Urs Dietrich drei Jahre unter dem Format „eine choreographische Handschrift“ getanzt. Das war genug für mich. Jetzt finde ich es interessanter und gut für mich, dieses Format zu haben. Nach so vielen Jahren physischer Arbeit und Schmerz kann ich hier weitertanzen, weil es immer etwas Neues ist, man sich immer neu selbst findet. Der Choreograph arbeitet nicht nur am Stück, sondern an dir – und du bist derjenige, der wächst. Der Choreograph geht, die Compagnie bleibt. Das ist sehr wertvoll.

Mit Martin Schläpfer und Pascal Touzeau wurde hier in Mainz lange das Konzept jeweils einer prägenden choreographischen Handschrift verfolgt. Hatten Sie Bedenken, wie Ihr vielfältiges Angebot hier vom Publikum angenommen wird?

Markus Müller: Das war sicher ein Wagnis – zumal wir zusätzlich bereits in der ersten Spielzeit das tanzmainz festival auf den Spielplan gesetzt haben. Die überwiegende Zahl an Vorstellungen davon war frei verkäuflich, und ehrlich gesagt dachten wir anfangs schon, wir müssten aushalten, dass die Mainzer wohl erst nach und nach spüren würden, was es bedeutet, ausschließlich zeitgenössisches Tanztheater zu erleben. Im Gegensatz zu Darmstadt und Wiesbaden, die ja jetzt ein Staatsballett sind. Uns hat dann verblüfft, wie das tanzmainz festival eingeschlagen hat – es hat eine regelrechte Euphorie ausgelöst. Und das Festival korrespondiert mit unseren eigenen Produktionen. Dennoch müssen wir Mainz als Standort für verschiedene Tanzformen noch entwickeln.
Honne Dohrmann: Natürlich hat Martin Schläpfer hier noch immer Fans. Das ist ja auch verständlich – zugleich aber gibt es eine erstaunliche Offenheit für unsere Arbeit. Das Publikum ist dabei erfreulicherweise sehr gemischt, ein innovatives Programm bedeutet übrigens längst nicht mehr zwangsläufig nur junge Besucher.

Wie würden Sie jetzt, nach etwas mehr als einem Jahr, die Reaktionen des Mainzer Publikums zusammenfassen?

Markus Müller: Wir setzen in allen Sparten sehr auf unser Ensemble, deshalb müssen natürlich erst neue Bindungen entstehen, das muss wachsen. Entgegen unseren Erwartungen hatten wir in der ersten Spielzeit aber schon eine Steigerung der Besucherzahlen. Und gerade im Moment spüren wir einen richtigen Aufbruch, im Tanz erleben wir nach den Vorstellungen viel Begeisterung. Die Vorstellungen der kleineren Spielstätten sind voll, im Großen Haus haben wir noch einen Weg zu gehen, aber auch hier liegt der Anteil der Karten im freien Verkauf auffallend hoch.

Wie wichtig ist es für die Identität einer Tanz­sparte, ein festes Ensemble in der Stadt zu haben – zumal bei wechselnden Choreographen?

Markus Müller: Existenziell.
Alessandra Corti: Alle, die zu uns in die Compagnie kommen, sind natürlich sehr unterschiedlich, aber alle haben eine Idee. Wir ernähren uns voneinander. Zwischen uns bildet sich nie eine Hierarchie, es ist jedes Mal anders. Immer wenn die Proben beginnen, müssen wir dem Choreographen in die Augen sehen und überlegen: Was tun wir heute zusammen? Das bringt neue Energie in die Gruppe. Das klappt nicht, wenn man immer mit dem gleichen Choreographen arbeitet.
Honne Dohrmann: Die Identität der Gruppe entsteht über die Tänzer und die Auswahl der Choreographen. Ein Teil unserer Identität ist aber vor allem, dass hier ein sehr kreativer Ort ist. Hier entstehen nur Neukreationen! Die Tänzer sind bei allen Stücken an der Entwicklung beteiligt. Ich weiß nicht, ob es das irgendwo anders auch so gibt. Das gängige Modell – bei mehrteiligen Abenden einen Teil einzukaufen und einen Teil neu zu choreographieren – gibt es bei uns nicht. Das ist attraktiv für Tänzer und Choreographen, wir bekommen hier spannende Bewerbungen. Das macht das Ensemble stark, und es entsteht eine „Win-win-Situation“: Mit starkem Ensemble lockt man gute Choreographen, das wiederum ist interessant fürs Publikum. Es hat beim Start sehr geholfen, dass wir mit neun der elf Tänzer aus Oldenburg hergekommen sind, außerdem sind die Produktionsleiterin und die Trainingsleiterin weiter mit dabei, das schafft Kontinuität. Mir ist wichtig, hier ein Scharnier zu bilden zwischen freier Szene und Staatstheater. Diese Grenzen werden durchlässiger. Und wir haben die Chance, mit einem Intendanten zu arbeiten, der das unterstützt. Zudem fördern wir junge, mutige Choreographen, das gibt ihnen die Möglichkeit, in einem Staatstheater neue Dinge auszuprobieren, und uns die Chance, dem Publikum außergewöhnliche Handschriften zu zeigen.

Sind Sie der Ansicht, nur einen Hauschoreographen zu haben ist nicht mehr zeitgemäß?

Honne Dohrmann: Nein, so weit würde ich nicht gehen, wir beschreiten nur einen anderen Weg. Für ein Mehrspartenhaus drängt sich unser Konzept geradezu auf. Aber ich sehe auch die hohe Qualität, die es haben kann, wenn eine verschworene Truppe mit ihrem Hauschoreographen über die Jahre immer mehr in eine Richtung bohrt, dort in die Tiefe geht. Auch das hat seine Berechtigung. Mich interessiert aber ein durchlässigeres Konzept, bei dem viele Synergien entstehen können.
Markus Müller: Ich sehe das ähnlich. Aber wenn man sich die Entwicklung an den Häusern ansieht, hat sich strukturell viel verändert. Es gab früher den Ausstattungsleiter oder den Oberspielleiter, Funktionen also, wo Menschen künstlerisch ausschließlich mit einem Haus verwoben waren. Diese Posi­tionen sind an den Theatern überwiegend verschwunden. Kontinuität ist wichtig, wir haben mit gutem Grund fünf Hausregisseure. Aber die sind alle auch woanders tätig und haben hier bei uns ihre künstlerische Basis. Ich halte das für den interessantesten Weg, kombiniert mit einem Intendanten, der nicht inszeniert, und einem Tanzdirektor, der nicht choreographiert. Unsere Aufgabe ist, die Rahmenbedingungen zu schaffen und zu steuern. Das ist, glaube ich, die Zukunft.

Rein pragmatisch betrachtet: Ist die Arbeit mit mehreren Gastchoreographen nicht schwerer zu disponieren und be­deutend kostspieliger, als nur einen Haus­choreographen zu haben?

Markus Müller: Es ist nicht kostspieliger. Und wenn man das Ensemble ernst nimmt und mit allen Sängern, Tänzern und Schauspielern gerne arbeitet, ist es nicht nur toll für jeden Einzelnen, der viel kennenlernt, sondern auch für das Haus, das die Leute universell und spannend einsetzen kann. Zu disponieren, das muss man ehrlich zugeben, ist die Hölle.
Honne Dohrmann: Da wir viel Neues machen, ist es immanent, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben. Wir müssen uns langsam vortasten, manchmal auch zwei Schritte vor und einen zurück. Es gibt kein Patentrezept, wir müssen immer im Gespräch bleiben. Wie schaffen wir es, auf Gastspielreisen zu gehen, ohne dass unsere Abonnementsvorstellungen gefährdet sind? Auch für die Tänzer ist die Belastung natürlich hoch, immer von einem Stück zum anderen zu springen. Der Deal ist bei uns: Hier hast du Sicherheit und die Vielfalt verschiedener aufregender Choreographen, aber du kannst sie dir nicht selbst aussuchen.
Alessandra Corti: Es ist toll, wenn sich die Stadt mit uns, der Compagnie, identifiziert und uns wiedererkennt. Dann lernen sie auch leichter, mit neuen Sprachen anderer Choreographen umzugehen. Denn was bleibt, sind wir, die Tänzer. Du spielst für dein Publikum, das ist schön.
Markus Müller: Wir wollen es uns nicht leicht machen, wir wollen unseren Weg gehen. Mit Felix Berner haben wir jetzt einen Tanzpädagogen, diese Position gab es in Oldenburg noch nicht.
Honne Dohrmann: Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Unser Konzept wird getragen von vier Säulen – Gastchoreographen, eigene Tourneen, Gastspiele internationaler spannender Compagnien sowie partizipatorische Angebote. Unser größter Schatz aber ist unser Ensemble. Das versuche ich auch bei der Auswahl neuer Leute zu vermitteln: „Verstehst du, was das hier heißt, wer wir sind, wer du bist? Wir möchten, dass du mindestens vier Jahre bleibst!“ Das gelingt nicht immer, aber fast immer.