LEP_12_2014

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© Foto: Pedro Malinowski
Leseprobe

Zeitgenosse Shakespeare?

von Detlev Baur (Interview)

Am Schauspiel Dortmund eröffnete Shakespeares „Hamlet“ die Spielzeit.
Aber wie viel Shakespeare steckt überhaupt in der Inszenierung? Detlev Baur im Interview mit dem Regisseur Kay Voges und der Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz.

Eine Online-Kritik der DEUTSCHEN BÜHNE zur Dortmunder Hamlet-Inszenierung finden sie hier.


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Shakespeare zum Wehtun

Detlev Baur Shakespeares „Hamlet“ hat die Saison am Schauspiel Dortmund eröffnet. Warum gerade dieses alt­bekannte Stück?

Kay Voges Wir kennen zuerst die Themen, die uns in einer Spielzeit interessieren, und dann schauen wir, welche Stücke dazu passen. Über vielen Stücken dieser Spielzeit steht die Frage: Was bedeutet Menschsein im digitalen Zeitalter? Hamlet als Archetypus des Hackers zu sehen erschien uns als spannende Ausgangsidee. Für Hamlet wie für uns in der digitalen Gesellschaft ist es ungeheuer schwierig, die uns umgebenden Geister zu scheiden. Hamlet läuft durch Helsingör und fragt: „Was ist die Wahrheit?“ Und wir werden mit Informationen so überschüttet, dass der Kern des Seins schwer zu finden ist.

Detlev Baur Aber die Bedrohung durch die Datenflut erfahren wir nicht am eigenen Körper. Hamlet dagegen wird durch einen vergifteten Degen umgebracht.

Kay Voges Wir können die Massen an Informationen, die auf uns einprasseln, nicht mehr verarbeiten und schreiben Programme, die sich selbständig hindurchwühlen – und auf einmal steht man in Heathrow am Flughafen und darf nicht einreisen. Keiner weiß, warum, aber ein Algorithmus hat errechnet, dass das gerade gefährlich sein könnte. Die Snowden-Veröffentlichungen haben für unser Menschenbild und unsere Theaterarbeit Konsequenzen gehabt, die wir im „Hamlet“ gut spiegeln können. Im Machtzentrum dort gibt es ein Geheimnis. Und dann wird ein Leak zugespielt: Der König ist ein Mörder. Wie geht man damit um, und wie gefährlich ist solch ein Leak für einen Staat?

Anne-Kathrin Schulz Dass „Hamlet“ seit über 400 Jahren so erfolgreich ist – und das gilt in diesem Maße ja nicht für alle Shakes­peare-Stücke –, hat vielleicht damit zu tun, dass die Figuren im Stück Krankheiten einer Zeit erleben – und die Theaterzuschauer zugleich die Krankheiten ihrer jeweils eigenen Epoche mitdenken können. Mit dem Königs- und Brudermord sowie der Hochzeit der Königswitwe setzt Shakespeare gleich zu Beginn Tabubrüche. Dann erzählt er die Erkrankung eines Landes. Wir haben diesen Gedanken weiterverfolgt und aus der heutigen Zeit zum Umgang mit Informationen und Wissen als politischer Waffe widergespiegelt.

Detlev Baur Mit dem Text sind Sie durch Umstellungen und mediale Einschübe so frei umgegangen, als hätten Sie einen Roman für die Bühne adaptiert. Ist klassisches Drama mit seiner dramatischen Chronologie für Sie gänzlich uninteressant?

Kay Voges Die linearen, narrativen Geschichten bei Shakespeare sind für die digitalen Welten von Hackern und modernen Geheimdiensten zu klein. Wir haben deshalb versucht, ein Netzwerk auszubreiten und diese Gleichzeitigkeit einer Komplettüberwachung und zugleich der überbordenden Datennutzung auf die Bühne zu bringen. „Was ist der Mensch?“, fragt Hamlet. Wir haben versucht, dieses Gefühl in einem Netz aus Lügen, Wahrheit, wichtigen und unwichtigen Informationen darzustellen. Da ist die Dramaturgie der Chronologie für mich vergleichsweise unwichtig.

Anne-Kathrin Schulz Es ist eine große Qualität Shakespeares, dass es ihm gelingt, die Synapsen so stark zum Schwingen zu bringen. In den Gesprächen vor und während der „Hamlet“-Proben sind wir beispielsweise schnell bei Michel Foucault, Zygmunt Bauman und dem Begriff des Panopticons gelandet. Die Beschäftigung mit „Hamlet“ hat uns also auf weitere Autoren verwiesen.

Detlev Baur Einiges haben Sie schon umgestaltet. Wenn Hamlet und Laertes gegen Ende – vor der Filmleinwand – körperlich aufeinandertreffen, scheinen sie einander sehr nah zu sein. Wenig später bringen sie sich, näher am Handlungsfaden des Stücks, in einem Soapfilmchen brutal gegenseitig um. Auch die Verbindung der Figuren Rosencrantz und Guildenstern mit den Schauspielern ist Ihre Erfindung. Ist es Ihnen eigentlich wichtig, dass die Zuschauer den „Hamlet“-Text kennen, oder spielt das keine Rolle?

Anne-Kathrin Schulz Idealerweise sollte man ins Theater gehen können, ohne einen Text vorher zu kennen. Wir wollen Theaterabende machen, die für sich sprechen. Es gibt dann natürlich, so auch bei diesem „Hamlet“, verschiedene Schichten der Wahrnehmung. Wir wollen sowohl die begeistern, die das Werk gut kennen, als auch die, die nur den Titel kennen.

Kay Voges Ich denke, diesen Rollen mit psychologischem Thea­ter beizukommen macht Shakespeare klein. Da gibt es so viel Archaik und zugleich Diskurs, so viel Widersprüchliches in dem Stoff, daher sind schnelle Schlussfolgerungen über die Charaktere viel zu kurz gegriffen. Vielmehr treffen in „Hamlet“ Zustände aufeinander. Man kann das Stück in acht Stunden spielen, wir haben es in anderthalb Stunden gespielt und dabei auf zahlreiche Schnörkel verzichtet. Mit unserer filmischen Erzählweise mit Schnitt und Überblendungen bekommen wir keine Figurenzeichnungen mehr, sondern eine Gesellschaftszeichnung. Wir blicken von oben auf Helsingör herab.

Detlev Baur Ich höre da aber doch durch, dass Sie mit vielen Shakespeare-Inszenierungen Probleme haben.

Kay Voges Oft dauert es mir zu lang, oft ist der Blick bei Shakes­peare-Inszenierungen nach hinten gewandt, und man sieht ein Historienspiel. Andererseits ist „Hamlet“ ein großartiger, reicher Stoff. Das war jetzt der Versuch von 2014 aus Dortmund, und es gibt dieses Jahr und nächstes Jahr andere. Das Theater ist kein Museum, sondern ein Ort des Diskurses über das Leben miteinander in der Gegenwart. Da können wir aus der Vergangenheit schöpfen und lernen, aber es geht um die Gegenwart. Der Versuch war, Shakespeare als Zeitgenossen zu untersuchen.

Detlev Baur Sind die gesellschaftlichen Verhältnisse am Königshof von Helsingör mit der Berliner Republik wirklich vergleichbar?

Anne-Kathrin Schulz Shakespeare stellt die Frage: Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der große Tabubrüche stattfinden? Resignation oder Revolution? Er erzählt von einer „Zeit aus den Fugen“. Wir haben darüber nachgedacht, was die Krankheiten unserer Zeit sind. Da ist zum Beispiel der von Douglas Rushkoff beschriebene „Gegenwartsschock“, mit menschlichen Synapsen in ständiger medialer Überforderung. Oder die Snowden-Enthüllungen: Wo bleibt unsere politische und gesellschaftliche Antwort darauf? Oder bleibt sie einfach aus? Sind wir schon im Foucault’schen Panopticon beziehungsweise Bauman’schen Post-Panopticon? Verhalten wir uns bereits permanent konform – sicherheitshalber, für den Fall, dass jemand zuschauen sollte?

Kay Voges Es geht um die Frage: Wie können wir einen Shakes­peare heute so erzählen, dass er uns noch wehtut? Ein Mann hinter einer Wand mit einem Dolch in der Hand, der zögert, das ist ein schönes Bild, das würde aber auch zu den Brüdern Grimm passen. Wenn daneben aber ein Nachrichtenbericht aus Palästina läuft, über Väter, die Rache schwören für ihre getöteten Kinder, und daneben sieht man einen Bericht aus Israel über einen toten Israeli, dann befinde ich mich als Zuschauer auf einmal in einem Dilemma und verstehe, dass es für Hamlet schmerzhaft ist, sich zu entscheiden, ob er Vergeltung üben soll oder nicht.

Detlev Baur Das wird in der Inszenierung auch recht deutlich. Aber die Lage für den Einzelnen wirkt in dieser Überwachungswelt auch ziemlich ausweglos.

Kay Voges Wir geben keine Antwort, wir sind auch keine Kirche, sondern ein Forschungslabor. Wir wollen mit „Hamlet“ eine Debatte befeuern, die dringend notwendig ist, weil sie gesellschaftlich von der Bundesregierung, aber auch von vielen Intellektuellen und Journalisten nicht geführt wird. Das Theater ist genau der Raum für diese Debatten.

Detlev Baur Im „Hamlet“ werden ja auch großartige Bilder auf die Leinwand geworfen, mit der vervielfachten, verlorenen Ophelia?…

Anne-Kathrin Schulz Die Ambivalenz des Abends zeigt sich auch bei diesen Bildern von Ophelia, die da in Lichtspuren zerdehnt und vervielfacht gezeigt wird. Das ist wunderschön und zugleich tieftraurig.

Kay Voges Das ist auch die Ambivalenz an der Inszenierung. Zum einen hinterfragt sie die Gegenwart voller Überwachung, und zum anderen stimuliert sie unseren Voyeurismus. Das ist ein Dilemma.

Detlev Baur Und wie gehen Sie als Theatermacher mit unserer Gegenwart um? Woher nehmen Sie die Zeit und Ruhe, sich auf Inszenierungen sorgfältig vorzubereiten? Gerade da Sie sich der digitalen Medienwelt ja nicht entziehen.

Kay Voges Wir sind wirklich mit im System drin. Wie Heiner Müller sagt: Alles ist Material. Das Material liegt in Hülle und Fülle vor uns. Es hat mit meinen persönlichen Zeit- und Ordnungsproblemen zu tun. Das haben wir auch in die Inszenierung hineingebracht.

Anne-Kathrin Schulz Wir arbeiten in einer Gruppe von Menschen, die sich mit den Ambivalenzen der Gegenwart persönlich intensiv auseinandersetzen. Aus diesen Ambivalenzen machen wir Theater.

Detlev Baur Die Frage zieht sich ja schon durch die Spielzeit und wird in der nächsten wohl nicht von einer ganz anderen Frage abgelöst werden?

Anne-Kathrin Schulz Das hat etwas mit den Menschen zu tun, die hier arbeiten. Bei uns sind auch Programmierer oder Videokünstler längst Teil des Teams. Daniel Hengst zum Beispiel, der bei „Hamlet“ eine wesentliche Rolle spielt, ist ein Videokünstler, der sich intensiv mit politischen Aspekten der digitalen Gegenwart befasst.

Detlev Baur Wie ist denn die komplexe Spielfassung zur Inszenierung entstanden?

Anne-Kathrin Schulz Es gab da verschiedene Arbeitsphasen. Wir hatten uns recht schnell auf die Übersetzung geeinigt.

Kay Voges Ich habe eine narrative Strichfassung erstellt. Das haben wir dann geprobt, und ich habe gesagt, ich würde aus diesem Theaterabend rausgehen, wenn ich mir das ansehen müsste. Dann habe ich es noch einmal verdichtet und versucht, Linien weg von der Linearität hin zu Montage und Vernetzung einzuziehen. Worte, die nur als „Schmuck und Beiwerk“ dienen, haben wir weggelassen und nach dem Kern gesucht. Bei Laertes oder Rosencrantz und Guildenstern, Figuren, die zum Großteil schmuckes Beiwerk sind, bleibt dann nicht viel übrig, sodass wir sie anders aufgewertet haben. Dann kamen wir bei Rosencrantz und Guildenstern auf die irrwitzige Idee, sie mit den Schauspielern zu verbinden: Schauspieler leben absurderweise auch in unseren Zeiten der Überwachung davon, angeschaut zu werden. Damit haben wir dann gearbeitet.

Detlev Baur Und wie haben Sie bei den Proben die Arbeit mit den Schauspielern und mit den technischen Details bei
den Videos koordiniert?

Anne-Kathrin Schulz Das geht, weil eine mehrjährige Arbeitsbeziehung zwischen den Akteuren besteht. Natürlich ist das ein anderer Probenprozess, auch für die Schauspieler auf der Bühne.

Kay Voges Wir haben wirklich tolle Schauspieler. Die traditionelle Trennung von Künstlern und technischen Abteilungen im Theater gilt bei uns nicht. Für uns ist der Tontechniker genauso essenziell für die Inszenierung wichtig wie der Beleuchter oder der Videokünstler. Wir arbeiten in einem großen Team mit großem Respekt vor der Arbeit des anderen. Das ist eine Weiterentwicklung des reinen Sprechtheaters. Und das ist der große Segen unseres Teams, das in den letzten fünf Jahren entstanden ist.

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