Nachhaltigkeitsforscher Nico Paech

Nachhaltigkeitsforscher Nico Paech

© Foto: privat
Das Repair Café im Oldenburgischen Staatstheater

Das Repair Café im Oldenburgischen Staatstheater

© Foto: Staatstheater Oldenburg
Leseprobe

Wie grün ist Theater?

Großartiger Zusammenbruch

Kunst und Theater sind unverzichtbar für die Entwicklung einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft, meint Niko Paech von der Universität Oldenburg. Zusammen mit dem Staatstheater will er in der Stadt damit beginnen. Ein Interview.


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Herr Paech, in Ihrer Theorie einer Postwachstumsökonomie spielen Recycling und eine Reparaturkultur eine große Rolle. Jetzt arbeiten Sie mit dem Verschwendungsbetrieb Theater zusammen. Ist das ökonomisch sinnvoll?

Niko Paech: So viele Theater gibt es nicht, und was hier an Textilien und Rohstoffen für die Bühnenbilder und Kostüme verbraucht wird, stellt keinen großen Faktor dar. Trotzdem könnte auch am Theater über Upcycling und Formen von Kreislaufwirtschaft oder über ökologieverträgliche Materialien nachgedacht werden. Ein viel größeres Problem stellen die Flugreisen und das Jetset-Dasein vieler Menschen im Kunstbereich dar, das Theater müsste hier zu Praktiken der Sesshaftigkeit zurückfinden, wenn es sich als Teil einer nachhaltigen Entwicklung verstehen will.

Im Zentrum des Projekts, das Sie zusammen mit dem Staatstheater Oldenburg realisieren, steht ein Repair Café, in dem es um das Reparieren von Kleidung, aber auch um erneuerte Gedanken geht. Wieso ist uns die Kultur des Reparierens abhan­dengekommen?

Niko Paech: Der Marsch in den Wohlstand hat als Preis den Verlust an handwerklichen Fähigkeiten, beispielsweise etwas reparieren zu können. Viele Menschen arbeiten virtuell und konzentrieren sich auf wissensintensive Leistungen, die einen hohen Marktwert haben. Über diese Spezialisierung haben wir das Manuelle und Haptische verlernt. Wir sind daran gewöhnt, Leistungen nur noch abzurufen in Form von Produkten, Dienstleistungen, Erlebnissen oder Kommunikationsfunktionen. Dieses Leben ist notwendiger Teil der industriellen Arbeitsteilung und hat zugleich einen Freiheitsbegriff geprägt, demgemäß es peinlich oder verwerflich ist, wenn wir uns die Hände schmutzig machen oder einen Garten bewirtschaften. Das gilt als unzumutbar und kann unseren sozialen Status in Gefahr bringen. Außerdem hat die industrielle Arbeitsteilung brutal die Kosten minimiert – grundsätzlich zulasten der Reparabilität. Haltbare und reparable Smartphones, Jeans, Autos oder Küchengeräte sind grundsätzlich teurer.

Eine zentrale Säule der Postwachstumsökonomie ist der Konsumverzicht. Was bedeutet in dem Zusammenhang das Repa­rieren gesamtwirtschaftlich gesehen?

Niko Paech: Es geht nicht um Verzicht, sondern um Suffizienz. Gesamtwirtschaftlich ist das Reparieren der beste Anschlag, den man auf die Industriegesellschaft verüben kann, die subversivste Politik, die ich mir vorstellen kann. Man kehrt der Abhängigkeit von industrieller Fremdversorgung den Rücken und sagt: Nicht in meinem Namen! Ich befreie mich damit aus selbstverschuldeter Unmündigkeit gegenüber industrieller Fremdversorgung. Unmündig bin ich, wenn ich jede Fähigkeit verloren habe, selbst zur Befriedigung meiner basalen Grundbedürfnisse beizutragen. Und das ist nicht nur eine Frage der Reparatur, sondern auch der Überwindung des Schamgefühls, mit geflickten Klamotten oder verkratzten Sachen rumzurennen.

Lässt eine radikale Suffizienzstrategie die Wirtschaft nicht genauso zusammenbrechen wie eine Forcierung des Konsums durch eine Nullzinspolitik?

Niko Paech: Was die Reparaturkulturen derzeit vermögen, ist so homöopathisch, dass dadurch die Wirtschaft nicht gleich zusammenbricht. Aber wenn die Wirtschaft ein Stück weit zusammenbräche, wäre das großartig. Nur so kommt es zu einem Strukturwandel, den selbst neoliberale Ökonomen für unausweichlich halten. Innerhalb des von mir entwickelten ökonomischen Zukunftsentwurfs spielen Reparaturkulturen und Formen der Genügsamkeit eine Rolle. Die Wirtschaft wäre dabei nicht vollends abzuschaffen, sondern in eine neue Balance zwischen reduzierter Industrieproduktion, Praktiken der Selbstversorgung und der Regionalökonomie zu bringen.

Welche Projekte sind noch in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater geplant?

Niko Paech: Wir werden ein Amt für materielle Abrüstung einrichten, das nicht mit dem Oberbürgermeister abgesprochen ist. An der Spitze steht ein Amtsleiter, der mit strenger Miene die Formulare mit dem Stempel „Postwachstum – gemeinsam weniger erreichen“ versieht. Im Zug eines ironisierten Amtsvorgangs wird aufgelistet, wovon sich die Menschen in dieser Stadt trennen würden. Es geht dabei nicht nur um die Entrümpelung des eigenen Lebensstils, sondern der Gesellschaft als Ganzes, damit die Bewegungsspielräume größer werden. Wenn der Vorschlag kommt, die Wirtschaftsförderung abzuschaffen oder eine Umgehungsstraße nicht zu bauen, dann werden wir das zur Sprache bringen. Wir konkurrieren mit der echten Verwaltung und freuen uns schon auf die Konfrontation. Das Staatstheater hat vorübergehend ein dreigeschossiges Gebäude bereitgestellt, in dem sich neben dem Repair Café das Amt befindet. Politik und Verwaltung können sich warm anziehen, denn dann gibt’s frische Konkurrenz.

Erleichtert die Kunst dabei die Zugänglichkeit zu dem eher trockenen Thema der Postwachstumsökonomie?

Niko Paech: Ja, natürlich. Nicht nur der Inhalt, auch die Form der Vermittlung über Symbole, über Ästhetik ist wichtig und kann das Thema der Postwachstumsökonomie befördern. Menschen zu inspirieren, zu verzaubern, zu konfrontieren und Zukunftsentwürfe mit Ironie und schrillen Stilmitteln zu präsentieren ist eine Sache, die wir Wissenschaftler gar nicht beherrschen. Deshalb bin ich jedem Theater dankbar, das sich um uns hilflose Nachhaltigkeitsforscher kümmert. Das Theater kann so zum Schrittmacher gesellschaftlicher Diskussionen werden. Kunst verfügt über Formen, die eine Multiplikatorwirkung haben. Das dringend benötigte Visionäre bekommen wir ohne die Kunst doch gar nicht mehr hin. Die meisten Nachhaltigkeitswissenschaftler denken bestenfalls nur von einer Windkraftanlage bis zur nächstinno-
vativeren.

Ihre Theorie geht von einer Verknappung der Rohstoffe, zum Beispiel einem „Peak Oil“ aus. Wie passt da die Frackingtechnologie oder die Umorientierung des EON-Konzerns ins Bild?

Niko Paech: Wir sprechen längst von einem Plural an Wachstumsgrenzen und haben einen Peak Everything erreicht: Anbauflächen, Coltan, Metalle, sonstige Mineralien, Trinkwasser oder Phosphor drohen ebenso, knapp zu werden. Davon abgesehen wird die Fracking-Technologie naiv überschätzt. Dieses Thema hat sich in fünf bis zehn Jahren erledigt. Doch selbst wenn das Peak-Oil-Phänomen durch das Fracking sowie die Teer- und Ölsand-Förderung zunächst vertagt würde, blieben die vielen anderen Wachstumsgrenzen: instabile Finanzmärkte, die Ökologie, soziale Spannungen und psychische Krisen.

Wie kann eine Kehrtwende in der Wirtschaft aussehen?

Niko Paech: Benötigt würde ein gesellschaftliches Übungsprogramm für postwachstumstaugliche Lebensstile. Jeder Mensch kann ermitteln, wie weit seine CO2-Bilanz von den 2,7 Tonnen pro Jahr entfernt ist, die nach Maßgabe des Zwei-Grad-Klimaschutzes noch drin wären. Der zweite Schritt wäre die Einübung von Tätigkeiten, die dem Erhalt der Güter statt deren Verschleiß dienen. Aber nicht jeder muss alles können. Ich zum Beispiel bin ein Fahrradschrauber, dafür kriegen Sie mich nicht in den Garten. Schritt Nummer drei besteht deshalb darin, die eigenen Selbstversorgungsfähigkeiten anderen anzubieten, um im Gegenzug von deren Talenten zu profitieren, ohne Geld, ohne Markt, ohne Industrie. Wir können in den Repair Cafés nicht ersetzen, was aus der Industrie kommt, aber wir können den IndustrieOutput durch achtsame und gemeinsame Nutzung, Instandhaltung, Pflege und Reparatur auf subversive Weise halbieren oder sogar dritteln. Damit können wir zwei Drittel der Industrie unnötig machen. Den Anfang machen dezentrale soziale Inseln in den Regionen und in den Städten. Hier lässt sich proaktiv einüben, was überlebensfähig ist. So werden wir resilient, also krisenstabil. Es werden Blueprints geprägt und Erfahrungen eingeübt, die im Krisenfall von der ganzen Gesellschaft aufgegriffen werden können. Wenn dabei auch noch Schauspieler auftauchen, die uns aufmischen, ist das keine Askese, sondern ein Happening.

Kultur fällt unter die sogenannten freiwilligen Leistungen. Welche Rolle spielt die kulturelle Versorgung in der Postwachstumsökonomie?

Niko Paech: Ich kann den Gedanken nicht akzeptieren, dass die bildende oder die darstellende Kunst Verschwendung ist. Die Frage ist eher, ob Kunst kommerziell sein muss. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Kunst einen Teil der industriellen Produktion ersetzt. Weniger Autos, Flugreisen und Flachbildschirme, dafür mehr Theateraufführungen und Konzerte. Um ohne viel Geld und hohen Konsumstandard auszukommen, bedarf es außerdem einer neuen Sinnstiftung. Wie und in welchem Umfang Kulturinstitutionen subventioniert werden sollen, wäre schon zu verhandeln. Aber: Weniger Straßenbau und EU-Gelder für industrielle Landwirtschaft, dafür eine solide Förderung von bildender und darstellender Kunst – das sollte die Laune jedes Nachhaltigkeitsbefürworters steigern.

Haben wir noch die Wahl, oder ist es schon fünf nach zwölf?

Niko Paech: Der Abschied vom Wachstumsregime erfolgt „by design or by desaster“, wie der kanadische Wissenschaftler Peter Victor einmal gesagt hat. Für einen kurzen Moment haben wir vielleicht noch Gestaltungsmöglichkeiten. Die nächsten Eskalationen werden jedoch keine Katastrophe, sondern nur eher Warnschüsse sein. Wenn ein Barrel Rohöl 200 Dollar kostet, geht die Welt noch lange nicht unter, aber unser Wohlstand erodiert. Falls die Gesellschaft rechtzeitig genügend Erfahrungen gesammelt hat, etwa wie Menschen damit klarkommen, nur noch 20 Stunden zu arbeiten, genügsamer zu konsumieren, sesshafter zu leben und in den freigestellten 20 Stunden selbst zu produzieren, Dinge gemeinsam zu nutzen und zu reparieren, finden wir uns nach dem Kollaps der Wachstumsdiktatur vielleicht in einer gerechteren und stressfreieren Welt wieder.

Der Kapitalismus hat sich bisher nahezu jede kritische Bewegung einverleibt. Was stimmt Sie hoffnungsvoll, dass die Postwachstumsökonomie sich durchsetzen wird?

Niko Paech: Der Begriff Kapitalismus ist für mich in diesem Zusammenhang keine glücklich gewählte Kategorie. Dass der Kapitalismus es geschafft hat, sich wie Münchhausen am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, mag sein. Es sind der Industrialismus und die Konsumgesellschaft, die jetzt erstmals an ihre Grenzen kommen. Bisher haben wir die meisten Probleme wegglobalisiert, sei es die Beschaffung der Ressourcen, sei es der Verbleib der Abfälle, und selbst die billigen Löhne in Asien sind von Vorteil für uns. Jetzt kommen wir an historisch einmalige Expansionsgrenzen. Wenn man punktuell den blauen Himmel über der Ruhr als Beweis für umweltpolitische Fortschritte hernimmt, kann ich nur lachen. Was damals im Ruhrgebiet den Himmel verdunkelt hat, haben wir nach Lateinamerika oder Asien verlagert. Wir haben bisher also kein einziges Problem gelöst.

Über den Autor

Niko Paech wurde 1960 im niedersächsischen Schüttorf geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Osnabrück; 2005 habilitierte er sich an der Universität Oldenburg und lehrt dort seit 2004. 2008 übernahm er den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt. 2010 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Oldenburg ernannt.

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