Matthias Lilienthal

Matthias Lilienthal

© Foto: Sima Dehgani
Zwischenruf

Welches Theater Braucht München?

von Anne Fritsch
Was passiert da an den Münchner Kammerspielen? Abgesagte Produktionen, Schauspieler, die kündigen und ein Bashing der Presse, wie es ungewöhnlicher nicht sein könnte. Aber die Kammerspiele reagieren mit einer Podiumsdiskussion.

Ein Kommentar zur Lage.

Was passiert da an den Münchner Kammerspielen? Die mit Spannung erwartete Houellebecq-Produktion („Unterwerfung/Plattform“) musste abgesagt werden, weil der junge französische Regisseur Julien Gosselin seine Arbeit abgebrochen hat. Drei renommierte Schauspielerinnen verlassen das Ensemble: Brigitte Hobmeier, Katja Bürkle und Anna Drexler. Die Süddeutsche Zeitung widmet den Vorgängen unter dem Titel „Jammerspiele“ eine ganze Seite im Feuilleton. Und auf einmal diskutieren alle. Es ist von der „Krise der Kammerspiele“ die Rede. Die Kammerspiele haben reagiert, zur öffentlichen Diskussion unter dem Titel „Welches Theater braucht München?“ eingeladen. Auf dem Podium: Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung), Robert Braunmüller (Abendzeitung), Kammerspiele-Schauspielerin Annette Paulmann und Intendant Matthias Lilienthal. Die Moderation übernimmt Michael Krüger (Bayerische Akademie der Schönen Künste).

Das Interesse ist groß, die Kammer 2 bis auf den letzten Platz gefüllt. Christine Dössel macht den Anfang: Von einer Hetzkampagne der SZ könne keine Rede sein, auch wundere sie sich über das „Bashing“, das sie von ihren Kollegen bekommt. Sie sei nicht konservativ, aber es sei ihre Aufgabe zu hinterfragen, ob das Neue wirklich gut sei. Sie spricht von einer „enttäuschten Liebe“ zu den Kammerspielen, zu Matthias Lilienthal, den sie seit langem kennt und schätzt. Robert Braunmüller aber gesteht ein, dass die Mechanismen der Presse „nicht ganz unproblematisch“ seien: „Wenn einer schreibt, schreiben alle.“ Und schon ist die Krise da? Oder war sie es schon vorher? Oder gibt es sie im Grunde gar nicht? Um diese Fragen kreist dieser Abend. Dass das Scheitern der Houellebecq-Produktion und die Kündigung der drei Kolleginnen für alle Beteiligten sehr schmerzhaft sei, bestätigt Annette Paulmann: „Wir, die wir bleiben, empfinden einen Verlust, aber wir nehmen uns als eine Truppe wahr.“ Auch Lilienthal bedauert diese Vorgänge sehr: „Anders als andere Intendanten habe ich einen Teil des bestehenden Ensembles übernommen. Dass das nicht bei allen funktioniert, ist wohl normal.“

Dössels größter Kritikpunkt ist der „Verlust von Schauspielertheater“. Der Funke bei Lilienthals Vorgängern sei wegen der Leistung des Ensembles übergesprungen, jetzt sehe sie „schlechte Performance versus fehlende Schauspielerleistung“. Sie bemängelt eine fehlende inhaltliche Auseinandersetzung und sieht ein Kommunikations- und Betreuungsproblem zwischen Theaterleitung und den eingeladenen Künstlern. Produktionen aus der freien Szene, die anderswo wunderbar funktionieren, würden in diesem großen Jugendstiltheater „klein“. Lilienthal sieht das anders: Nicht nur die Produktionen von Nicolas Stemann ermöglichten „virtuose Schauspielerleistungen“. Dass er mit den Räumen experimentiere, gesteht er ein, schließlich wolle er „das Internationale und die freie Szene nicht automatisch ins kleine Haus schieben“. Auch, dass viel misslungen sei, gibt er gerne zu, aber darauf reagiere er: In dieser Spielzeit gibt es keine Performance-Gruppen im großen Haus.

Gegen einen Vorwurf von Christine Dössel allerdings wehrt er sich vehement: dass er alle möglichen Namen und Label einkaufe, die gerade in wären. Ersan Mondtag, der im Juni ein Projekt zum NSU-Prozess inszenieren wird, kommt von der Falckenberg-Schule, sei ein „Kind der Kammerspiele“. Lilienthal hat mit ihm bei „Theater der Welt“ zusammengearbeitet, lange bevor er zum Theatertreffen eingeladen und zum Shooting Star wurde. Das seien lange angebahnte Arbeitsprozesse, keine überstürzten Aktionen: „Ich hoffe, dass mehr überzeugende Arbeiten zustande kommen und sich Regisseure über mehrere Arbeiten hier etablieren können.“ Auch Annette Paulman wünscht sich, dass „der Stab über uns nicht so früh gebrochen wird“. Aus ihrer Erfahrung mit diversen neuen Intendanten wie Frank Baumbauer oder Johan Simons wisse sie, dass manche Sachen einen längeren Anlauf brauchen.

Eines wird an diesem Abend mehr als alles andere klar: Das Theater, das allen gefällt, gibt es nicht und wird es nie geben. Zu unterschiedlich sind die Positionen und Vorstellungen. Auf dem Podium wie auch im Zuschauerraum. Die einen fühlen sich unterfordert, die anderen wollen mehr Kontroverse. Die einen kämpfen für das Theater, wie es war. Die anderen für das Theater, wie es werden kann. Irgendwo dazwischen liegt die Gegenwart des Theaters. Und so düster sieht die nicht aus, wenn Menschen wie Lilienthal, Stemann oder Jelinek sie füllen. Lilienthal sieht es so: „Für mich sind die Kammerspiele auf einem harten, struppigen, aber auch guten Weg.“