Zwischenruf

Theater als soziales Laboratorium

von Ulrich Khuon
Einer Mehrheit der Deutschen macht es Angst, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Wie kann und muss sich das Theater in dieser Krise verhalten? Es kann sich als Schausplatz gesellschaftlicher Selbstverständigung erweisen. Die Theater engagieren sich direkt und ganz konkret, schreibt Ulrich Khoun, der Intendat des Deutschen Theaters und Vorsitzende der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein.

Weil wir es können

„Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes“ (Elias Canetti)

Angesichts einer Herausforderung, die unsere Gesellschaft radikal verändern und Generationen beschäftigen wird, einer Herausforderung größer als die der Deutschen Einheit, so der Bundespräsident am 3.10., scheint die Stimmung in Deutschland zu kippen. Einer Mehrheit von 51 Prozent der Deutschen macht es Angst, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen - 13 Punkte mehr als noch im September. Wie kann und muss sich das Theater in dieser Krise verhalten, gerade jetzt, wo das Zutrauen in das „Wir schaffen das!“ der Kanzlerin sinkt?

Die Theater erklären sich nicht nur solidarisch und zeigen Gesicht gegen Fremdenfeindlichkeit; nein, sie engagieren sich direkt und zwar schon sehr frühzeitig und ganz konkret. Sie haben den Raum der Kunst verlassen, bzw. erweitert und leisten unmittelbar humanitäre Hilfe. Nachtkritik.de führt eine beeindruckende, permanent ergänzte Liste von Hilfsangeboten der Theater für Geflüchtete, sie reicht von Notunterkünften, Deutschunterricht, Sammlungen und Spenden, Hilfe bei Behördengängen, Begegnungen bis zu Aktionen und Interventionen. Menschen in Not zu helfen ist ein Gebot der Menschlichkeit. Das Theater bleibt weder unberührt noch untätig. Es begibt sich in seinem sozialen Engagement auch auf fremdes Terrain, setzt sich aus, lernt, kommt in unmittelbaren Kontakt, schult sich in Empathie – berührt Unbekanntes. Und diese Erfahrungen, diese Kompetenzen, dieses neue Wissen werden auch die Kunst nicht unberührt lassen: Das Theater kann sich jetzt als Schauplatz gesellschaftlicher Selbstverständigung als, wie Dirk Baecker es nennt, „Labor der praktischen Vernunft“ erweisen, denn als soziale wie dramatische Kunst ist es dazu prädestiniert Spannungen, Ambivalenzen zu thematisieren und auszuhalten. Es muss keine einfachen Botschaften verkünden. Es kann eine komplexe Welt in ihrer Komplexität mit all ihren unauflöslichen Widersprüchen und Dilemmata verhandeln. Und es kann dies anschaulich tun, berührend, kathartisch, um Mitgefühl werbend. Das Theater hat mit seinem vielfältigen Engagement gezeigt, dass es als Teil der Gesellschaft Verantwortung übernimmt. Es kann die radikalen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse ästhetisch reflektieren und dazu beitragen, Ängste zu nehmen. Es kann öffentlich darüber nachdenken, zu welcher gemeinsamen Welt wir gehören und dass wir nicht nur mit den Menschen zu tun haben, die zu uns kommen, sondern auch mit den Ursachen ihres Kommens.

Das Theater in einer Einwanderungsgesellschaft wird sich, wenn es die Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten will, auch immer wieder selbst aufs Spiel setzen. Es wird sich nicht nur für die Kultur, die Geschichten und Themen der neuen Mitbürger öffnen sondern auch für die Menschen selbst und sie aktiv beteiligen am Kunstschaffen. Denn sie sind wir!

Für die Intendantengruppe Ulrich Khuon | Intendant Deutsches Theater