Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov bei den Proben zu „Il barbiere di Seviglia“ im Herbst 2016 an der Komischen Oper Berlin.

© Foto: Monika Rittershaus
Zwischenruf

Eine Einschüchterungs-Kulisse für kritische Theatermacher

von Sergio Morabito
Am 22. Oktober soll an der Staatsoper Stuttgart Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ in einer Inszenierung des Moskauer Film- und Theaterregisseurs Kirill Serebrennikov Premiere haben. Ob es wirklich dazu kommt, werden die nächsten Tage zeigen. Denn der regimekritische künstlerische Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums wurde gestern verhaftet – angeblich soll er öffentliche Mittel veruntreut haben. Sergio Morabito, Chefdramaturg der Oper Stuttgart und profunder Kenner der russischen Theaterszene, kommentiert das Vorgehen der Moskauer Sicherheitskräfte gegen Kirill Serebrennikov.

„Mir persönlich bereitet das Gerede ,Stalin hat das Land aus Ruinen erhoben‘, ,Stalin hat den Krieg gewonnen‘, ,unter Stalin gab’s so was nicht‘ Qualen. Diese Phrasen klingen wie aus den Mündern der Henker und ihrer Nachfolger gesprochen, so wie sie leider auch von seinen Opfern zu hören sind, die sich selbst manchmal gar nicht als solche erkennen. Die traumatischen Folgen, die eine der aller unmenschlichsten Diktaturen im Bewusstsein von Generationen hinterlassen hat, sind nicht geheilt und nicht aufgearbeitet. Die Lektionen der blutigen russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind noch nicht gelernt. Alles wiederholt sich erneut.“

Kirill Serebrennikov schrieb dies im Flyer zu seiner einmaligen Aktion „Stalins Leichenzug“, die „als eigenständige Antwort auf die jüngsten, dem Mörder gewidmeten Denkmalseinweihungen“ am 22. Dezember letzten Jahres im Gogol-Zentrum stattfand, in Zusammenarbeit mit dem Museum zur Geschichte des GULAG, dem alle Einnahmen zugute kamen. Die gestrige Festnahme des Regisseurs ist ein weiterer, zynischer Beleg für die Richtigkeit seiner Diagnose.

Heute Vormittag soll er dem Richter vorgeführt werden. Wir werden erfahren, ob er inhaftiert bleibt oder unter Hausarrest gestellt ist. Das Eskalationsszenarium hat somit einen weiteren Höhepunkt erreicht. In den vergangenen Jahren ist um Serebrennikov herum eine immer aggressivere Einschüchterungs- und Überwachungskulisse aufgebaut worden. Wir wissen nicht, welche Akteure sich namentlich hinter dieser Kulisse verstecken und von dort aus an den Fäden von Geheimdienst, Polizeiapparat und Rechtsprechung ziehen. Der Richtungsmachtkampf ist im Vorfeld der kommenden Präsidentenwahlen voll ausgebrochen. Gut möglich, dass diejenigen, die die Hausdurchsuchung vom 23. Mai anordneten, Putin beweisen wollen, dass sie keinesfalls „Idioten“ sind (als solche hatte der russische Präsident sie bezeichnet). Diejenigen Kräfte, die sich innerhalb einer geschlossenen Gesellschaft einen weiteren Machtzuwachs versprechen dürfen (beispielsweise die orthodoxe Kirche, die sogenannten „Kraftministerien“ FSB und Verteidigungsministerium, korrupte Wirtschaftsbosse) wollen an Serebrennikov ein Exempel statuieren. Ihre Missachtung  demokratischer Gewaltenteilung macht auch und schon gar nicht vor der Kunst halt: Diese dürfe, so lautet die Argumentation, staatliche Gelder nur solange beziehen, als sie auch staatskonforme Kunst produziere.

Wir sollten im Westen nicht den Fehler machen, dieses Problem als eine innerrussische Angelegenheit zu verkennen. Das beliebte Deutungsmuster, hier breche der Richtungsstreit aus dem 19. Jahrhundert zwischen „Westlern“ und „Slavophilen“ wieder auf, folgt der Ideologie der selbsternannten Hüter der Tradition. Zumal Serebrennikov kein „Westler“ ist, sondern ein russischer und wie jeder große Künstler zugleich ein universaler Künstler. Nein, es ist derselbe Konflikt, der auch in Westeuropa und Amerika schwelt. Es ist noch nicht lange her, da warfen auch in Deutschland oder Österreich die Parteien AFD und FPÖ mit den selben Parolen um sich, um von der Kunst die Bestätigung der eigenen Borniertheit einzuklagen. Und eine der ersten Amtshandlung des derzeitigen amerikanischen Präsidenten bestand in der Streichung von Geldern, die der Förderung kritischer Kunst dienen sollten.

Kirill Serebrennikov, praktizierender Buddhist, ist von all dem unbeeindruckt mit größter Gelassenheit und Unbeirrbarkeit seinen Weg gegangen. Er hat eine ganze Generation junger Theatermacher in Russland gefördert und geprägt und in allen Sparten der Darstellenden Kunst wahrhaft Außergewöhnliches geschaffen. Die Ausstrahlung seines Oeuvres ist international. Von allen Streitern für die Freiheit Serebrennikovs wird ein langer Atem gefordert sein.

„Zur Zeit von Stalins Begräbnis, genau am selben Tag, fand noch ein anderes Begräbnis statt: das des Komponisten Sergej Prokofiew, der in der gleichen Stunde wie der Diktator verstarb. An ihm nahmen wenige Menschen Teil. Sehr wenige. Die erdrückende Mehrheit weinender Staatsbürger wollte sich von ihrem Führer verabschieden. Im Gedränge der Beerdigung sollten zahlreiche Menschen zu Tode kommen, und nach wenigen Jahren sollte ihr geliebter Führer Verbrecher genannt werden. Mich interessieren nicht diese unglücklichen Grabopfer, die mit dem Pharao das gleiche Grab teilen mussten, sondern die andern, wenigen, die sich dafür entschieden, dem Begräbnis Prokofjews und nicht dem Stalins beizuwohnen. Leise Stimmen einzelner Menschen, die jenseits des brüllenden Chores entstehen, derjenigen, die zu einem andern Begräbnis gehen. Menschliche Stimmen, die uns so wichtige Gedanken mitzuteilen haben über Anständigkeit, Ehrenhaftigkeit, Kunst, Ehrlichkeit und Liebe.“ (Kirill Serebrennikov)