Protestaktion der Studierenden in Rostock Mitte Februar 2016

Protestaktion der Studierenden in Rostock Mitte Februar 2016

© Foto: Reiner Nicklas
Zwischenruf

Kulturabbau in Rostock

Die Studierenden der Hochschule für Musik und Theater Rostock wehren sich in einem Offenen Brief gegen die Kürzungen und den geplanten Neubau auf Kosten des Spartenabbaus am Volkstheater. Wir publizieren das Schreiben der Studierenden im Wortlaut als Zwischenruf.

Offener Brief der Studierenden der Hochschule für Musik und Theater Rostock

 

"Schildbürger-Streich à la Rostock: Volkstheater wird erst abgewickelt, danach soll es ein neues Haus bekommen.

Ich schreibe im Auftrag der Studierenden der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Wir werden seit anderthalb Jahren Zeuge der Vernichtung unseres kulturellen Erbes, insbesondere des Theaters. Das Ganze sieht, aus der Vogelperspektive, fast grotesk aus – es bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Das Rostocker Stadtparlament, die sogenannte Bürgerschaft, hat im Februar 2015 ihre demokratischen Mitentscheidungsrechte an den Oberbürgermeister Roland Methling abgegeben. Dieser muss seither seine die Kultur betreffenden Entscheidungen nur noch zur Kenntnisnahme vorlegen. Im Mai wurde dann der Bau einer neuen Theaterspielstätte ab 2018 entschieden. Grundlage der Finanzierung sind die Zielvereinbarungen mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Der Neubau soll demzufolge je zur Hälfte vom Land und von der Stadt finanziert werden, außerdem soll das Theater jedes Jahr 1,2 Millionen Euro zu dessen „Refinanzierung“ beisteuern. Dafür müsste das Volkstheater allerdings 30 bis 70 Stellen streichen.
 
Auf Drängen der Rostocker Bevölkerung beschloss die Bürgerschaft im Dezember letzten Jahres, dass dieser Stellenabbau vermieden und die der Neubau ohne das Theater finanziert werden sollte. Dagegen legte der OB an Weihnachten sein Veto ein. Im Januar 2016 ‚zog die Bürgerschaft den Beschluss wieder an sich‘, sprich: Veto, Gegen-Veto. Da Methling nun keine Handhabe mehr gegen den Parlamentsbeschluss hatte, hielt er als einziger ,Gesellschafter-Vertreter‘ des Volkstheaters kurzerhand eine Gesellschafter-Versammlung mit sich selbst ab und beschloss die Umstrukturierung des Vier-Sparten-Hauses in ein reines Opernhaus. Mit dem Schauspiel verlieren wir die einzige Kunstsparte in Rostock, die aktiv und kritisch zum Tagesgeschehen Stellung nimmt. Ein Umstand, der uns auch im Bezug auf die vielen Nazi-Aufmärsche hier sehr bedenklich scheint.

In der Presse propagierte er anschließend, das Votum der Gesellschafter-Versammlung stimme ihn optimistisch, den Theaterneubau nun doch zu retten. Dabei übergeht er nonchalant die in den Zielvereinbarungen festgehaltenen zwei Monate Bürgerbeteiligung vor Beschlussfassung eines neuen Theaterkonzepts.

Das ist der aktuelle Stand der Dinge. Bei der ganzen Debatte scheint unseren gewählten Volksvertreterinnen und -vertretern nicht bewusst zu sein, dass es völlig unsinnig ist, ein Theater zu verstümmeln, um ihm dann ein neues Haus zu bauen. Also: ‚Qui bono?‘ Uns würde sehr interessieren, was einen Oberbürgermeister, der seit Jahren nicht ins Theater geht, motiviert, das Theater erst herunterzuwirtschaften (das Volkstheater ist das einzige Theater in M-V, das letztes Jahr schwarze Zahlen schrieb), um anschließend ein neues zu bauen.  

Was bleibt, ist die Frage, in welches Theater zukünftig unsere Schulklassen gehen sollen. Bald wird man in Rostock zwar noch Schauspiel studieren können, aber erleben wird man keines mehr.

Luke Neite"

Außerdem hat die engagierte Truppe ein sehenswertes Erklärvideo auf Youtube gepostet, das die Situation ums Rostocker Volkstheater darstellt. Hier entlang.