© Foto: Daniel Seiffert
Zwischenruf

Kulturpolitik auf Russisch

von Detlef Brandenburg
Die Deutsche Bühne

Eben erreicht uns eine Pressemeldung der Agentur AugustinPR, dass der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau nicht zur Verleihung des von der EU-Kommission vergebenen XV. Europe Prize Theatrical Realities“ an ihn reisen kann. Rau, seit Saisonbeginn Leiter des Nationaltheaters Gent, tritt immer wieder durch politische Stellungnahmen und Aktionen hervor. Gerade erregte das von ihm mit-initiierte European Balcony Project Aufmerksamkeit, an dem sich mehr als 150 Kulturinstitutionen und Bürgergruppen mit der Ausrufung einer „Europäischen Republik“ beteiligten. Bereits seit seinem Projekt „Die Moskauer Prozesse“ (2013/14), in dem er sich kritisch mit der Kunstfreiheit in Russland auseinandergesetzt hatte, verfügt er über keine Einreisegenehmigung nach Russland mehr. Auch jetzt hatte er – nach mehrfachen Bemühungen der Veranstalter – seine Reise nach Russland mangels Visum bereits abgesagt, als schließlich am Freitag nachmittag ein Visum an der Antwerper Botschaft in Aussicht gestellt wurde. Da aber war Rau nach eigener Aussage nicht mehr in Belgien und der Zeitpunkt für eine rechtzeitige Anreise verstrichen.

Man muss diesen Vorgang im Gesamtkontext einer Kulturpolitik sehen, die offenbar immer rigoroser auf die Verhinderung regierungskritischer Stellungsnahmen zielt, und die zu diesem Zweck unmittelbar auf Justiz wie auch Verwaltung durchgreift Wir veröffentlichen im Folgenden eine Stellungnahme Milo Raus, die genau auf diesen Aspekt der Einreiseverhinderung zielt.

 

„Liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Jury,
wie Sie wohl bereits wissen, kann ich heute Abend nicht in St. Petersburg sein. Das tut mir sehr Leid, da ich mich über die Auszeichnung, die mir und meinem Team verliehen wird, extrem freue. Dass es sich als zu schwierig erwiesen hat, ein Visum für Russland zu bekommen, überrascht mich jedoch nicht.

Seit unserem Projekt „Die Moskauer Prozesse“ vor fünf Jahren, in dem wir uns kritisch mit der Kunstfreiheit in Russland auseinandergesetzt haben, konnte ich nicht mehr in dieses Land einreisen – sei es zur „Manifesta“ oder ans „Golden Mask Festival“ und an weitere Veranstaltungen. Immer gab es Probleme, diesmal etwa war das Einladungsschreiben "inkorrekt", dann war eine andere Botschaft zuständig undsoweiter. Erst gestern Freitag erhielt ich plötzlich die überraschende Nachricht, ich könne in zwei Stunden auf die russische Botschaft in Antwerpen kommen. Zu einem Zeitpunkt, als ich nicht mal mehr in Belgien war – und in St. Petersburg die Vorstellung meines Films „Das Kongo Tribunal“ längst begonnen hatte.

Aber wie absurd das auch sein mag: Dass ich heute nicht bei Ihnen bin, ist völlig irrelevant. Es ist nicht mehr als eine dumme Formalität. So dumm, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob dahinter wirklich eine klare politische Absicht steht - so wie man das bei den russischen Behörden ja nie so genau weiss. Doch diese Erwägungen sind völlig irrelevant angesichts der Tatsache, dass der Regisseur Kirill Serebrennikow, der den gleichen Preis vor einem Jahr erhalten hat, momentan aufgrund grotesker Anklagen vor Gericht sitzt. Wie Sie wissen, konnte er den Preis 2017 nicht entgegen nehmen, weil er bereits damals in Hausarrest sass. Und da ist er immer noch, und wer weiss, wie lange noch.

Nun befinden wir uns also in der folgenden Situation: Der Europäische Theaterpreis kommt nach Russland, und wir verlieren über Kirill Serebrennikov, der im gleichen Russland von 10 Jahren Gefängnis bedroht ist, offiziell kein Wort. Wie können wir aber die Kraft und die Freiheit des Theaters, wie können wir uns selbst und den europäischen Austausch feiern, gleichzeitig aber darüber schweigen, dass einer der letztjährigen Preisträger einem Schauprozess ausgeliefert ist? Was bedeutet das für den Europäischen Theaterpreis und für uns, die Theatermacher insgesamt, wenn wir nicht einmal zu dieser einfachsten Form von Solidarität bereit sind?

In der Begründung für die Preisverleihung an mich und meine Mitarbeiter heisst es, dass wir für unser „leidenschaftliches Interesse an gesellschaftspolitischen Themen“ ausgezeichnet würden. Das ist schön formuliert, konkret heisst das aber: Serebrennikows Fall ist auch mein, auch unser Fall, so wie es der Fall von Pussy Riot oder der von orthodoxen Vandalen zerstörten Ausstellungen „Verbotene Kunst“ und „Achtung! Religion“ im Sacharow-Zentrum waren, die ich in den „Moskauer Prozessen“ zum Thema gemacht habe. Ich bedaure sehr, dass ich in diesem Moment nicht bei Ihnen sein kann. Es kommt mir falsch und ungenügend vor, ein Statement zu schicken. Aber leider bleibt mir keine andere Möglichkeit, und vielleicht ist auch das nur ein Teil dieser ganzen absurden Situation: dass sogar Protest nur noch per Email möglich ist.
Es ist Zeit, dass wir alle unsere Unterstützung für Kirill Serebrennikow zum Ausdruck bringen – im Namen dieses Preises und des Theaters! Ich hoffe, dass dieser dumme Prozess, dem Kirill ausgesetzt ist, bald vorbei und er wieder frei ist! Und natürlich hoffe ich, dass wir uns bald alle persönlich treffen können!

Ich danke Ihnen"

Milo Rau