Die Oper Halle

Die Oper Halle

© Foto: Falk Wenzel
Zwischenruf

Die Kultur in Halle hat ein Problem

von Joachim Lange
Das Zerwürfnis zwischen künstlerischen Intendanten und ihrem Geschäftsführer Stefan Rosinski ist nun offenbar. Was folgt daraus?

Die Kultur in Halle hat ein Problem. Aber nicht mit dem Neustart in der Oper unter dem neuen Intendanten Florian Lutz. Trotz aller Diskussion um einzelne Inszenierungen. Auch nicht mit der von den Abgeordneten der Stadt gestoppten Bewerbung Halles als Kulturhauptstadt Europas 2025, mit der man gegen Dresden und die eigene Landeshauptstadt Magdeburg antreten wollte. Mit dem Slogan „Halle die vernetzte Stadt“. Eher schon mit dem Chef der Theater-, Opern- und Orchester GmbH (TOOH) Stefan Rosinksi der als oberster Manager und Ideengeber diese Bewerbung im Nebenjob bewerkstelligen sollte. Der hatte sich auf dieses Allerwelts-Infrastrukturmerkmal kapriziert. Um dann ein geplantes „Maritim“-Festival platzen zu lassen, mit dem man alle Kulturaktivitäten der Stadt im ehemaligen Interhotel (und zeitweiligen Aufnahmelager für Flüchtlinge) beispielhaft hätte vernetzen und bespielen können. Die Viertel Million Euro, die die Bundeskulturstiftung dazu geben wollte, sind natürlich auch weg.

Sicher, die Kultur in Halle hat ein strukturelles Finanzierungsproblem. Um damit klarzukommen, wurden die Bühnen unter dem Dach einer Theater-, Opern- und Orchester GmbH (TOOH) zusammengefasst. Offensichtlich finden aber die Intendanten der Oper Florian Lutz und des Schauspiels Matthias Brenner, sowie der GMD der Staatskapelle Josep Caballé-Domenech auf der einen Seite und der als Geschäftsführer der GmbH bestellte Stefan Rosinski keinen gemeinsamen Nenner. Beobachter vor Ort spürten das schon länger – jetzt liegt das Zerwürfnis offen dem Tisch. Seit dem Bekanntwerden eines Schreibens der Intendanten an den Aufsichtsrat im mdr-kultur und der Mitteldeutschen Zeitung ist klar, worum es dabei geht. Von übergriffigen Einmischungen der Geschäftsführung und alleingängerischen Personalentscheidungen ist die Rede.

Vom Abbau seiner Reputation und einer vergifteten Situation spricht Brenner. Der Intendant der Oper von „besorgniserregenden Entwicklungen hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Herrn Rosinski … die die künstlerischen, organisatorischen und geschäftlichen Planungen der TOOH…  substanziell behindern und gefährden.“ Dem so Kritisierten hingegen gehe es gut, sagte er der MZ, „solange der Aufsichtsrat meint, dass ich meine Arbeit gut und richtig tue“. Von seinem Verhältnis zu den Intendanten und dem GMD kein Wort. Die Reaktion des Oberbürgermeisters (der Chef des Aufsichtsrates ist)? Schweigen.

Hätte man wissen können, dass die Chemie nicht stimmen würde und Explosionsgefahr droht? Man hätte. Aber man wollte in Halle offenbar zunächst mal fair und loyal sein. Obwohl kein für die Kultur Verantwortlicher in Berlin oder Rostock, wo Rosinski in allen seinen Funktionen immer für leicht googelbare Schlagzeilen gesorgt hat, wohl noch einmal auf die Idee käme, ihn wieder ins Boot zu holen, um die Kultur voran zu bringen. (Wenn doch: bitte melden!) In Halle war nach der rabiaten Drei-Millionen-Kürzung der Landeszuschüsse und nach dem Wechsel des clever manövrierenden GmbH Geschäftsführers Rolf Stiska in den Ruhestand Not am Mann. Aus welchen Gründen auch immer entschied man sich für Rosinski, der auf diesem Posten und in der per se nicht populären Rolle des sprichwörtlich Neuen Besens, vor allem gut kehren sollte.

Und dann passierte es. Schritt für Schritt. Nach innen und nach Außen. Zum Betriebsklima und der Führungskultur müssten eigentlich all die etwas sagen, die es betrifft. Doch  das ist  ein unrealistisch wohlfeiler Wunsch, in einem Klima von Spardruck und Personalabbau-Vorgaben. Der GMD ist bereits nicht verlängert worden.

Natürlich wird der Elan der neuen Opernleitung nicht nur von vielen begrüßt, sondern von machen auch kritisiert. Wie bei jedem radikalen ästhetischen Wechsel gibt es neben neuen auch skeptische oder gar wegbleibende Besucher und Schwankungen bei den Einnahmen. Aber wenn die dann in internen Papieren der Geschäftsführung in alarmistischer Weise zugespitzt und ebenso wie die Nichtverlängerung des GMD plötzlich öffentlich werden und eine  Artikel- und Leserbriefserie lostreten, die den Neuanfang diskreditiert und der Geschäftsführer dabei und bei einer großen, äußerst konstruktiven Publikumsdiskussion demonstrativ auf Tauchstation bleibt und sich nicht vor die Oper stellt: Was soll man davon halten? Oder wenn bei der Spielzeitpressekonferenz wenige Tage danach eine ohne Wissen der Opernleitung vom Geschäftsführer eingefädelte Opern-Kooperation ausgerechnet des Puppentheaters mit der Oper in Lyon präsentiert wird?

Die Veröffentlichungen der internen Kritik der beiden entscheidenden Intendanten und des GMD am Geschäftsführer machen jedenfalls deutlich, dass das Misstrauen zwischen den beiden entscheidenden Intendanten und dem GMD auf der einen Seite und dem Geschäftsführer auf der anderen Seite sehr weit geht. Offensichtlich teilen sie den Alles-in-Ordnung und Wir-schaffen-das Eindruck, den Rosinski in seinem Interview in der MZ zu erwecken versucht hat, nicht. 

Die Lage ist objektiv (strukturell und damit finanziell) schon schwierig genug; was die Situation in der TOOH betrifft, werden der OB und der Aufsichtsrat wohl nicht damit durchkommen, die jetzt bekannt gewordenen Verwerfungen einfach zu ignorieren. 

Sie wären klug beraten, wenn sie sich beherzt auf die Seite der Kunst und der Künstler und damit der Stadt Halle stellen würden. Die will zwar nicht mehr Kulturhauptstadt Europas werden, aber für eine Kulturhauptstadt in der Mitte Europas hat sie nach wie vor die besten Chancen. Der Titel wäre allemal besser, als der einer Kulturhauptstadt der Intrigen.