Keine Zukunft als Vierspartenhaus: Das Volkstheater Rostock

© Foto: Judith Zinke
Zwischenruf

Rostock schafft sich ab

von Michael Laages

Noch mit dem letzten Vorhang hat der Chef im Rathaus all jene düpiert, die im Rat der Stadt doch eigentlich mit entscheiden sollten – per Dekret aus der Amtsstube und ohne weitere Debatte hat Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling über Rostocks Theater-Zukunft entschieden: Das Volkstheater Rostock wird spätestens 2018 nur mehr ein Opernhaus sein. Wobei die, die jetzt nicht mehr mitreden durften, ohnehin bereits mehrheitlich einverstanden gewesen waren mit diesem Anfang vom Ende speziell für das Rostocker Schauspiel, der zugleich ein Ende vom Anfang ist: vom Neu-Anfang, den Intendant Sewan Latchinian vor allem mit dem Sprechtheater zu erkämpfen versucht hat. Jetzt wird er gemeinsam mit Geschäftsführer Stefan Rosinski „angewiesen“, den Um- und Abbau zu organisieren, das heißt: die eigene Teil-Abwicklung ins Werk zu setzen. Erniedrigender geht’s nicht.

Was aber bleibt zu sagen über den Meister der Bürger dieser großen und traditionsreichen Stadt? Unsensibel für kulturelle Fragen, unempfänglich für bessere Ideen als die eigenen, unbegabt für den Umgang mit produzierenden Künstlerinnen und Künstlern – ihm ist es offenkundig mittlerweile schnurz und schnuppe, was diejenigen von ihm denken, die theoretisch wie praktisch wissen, wie Theater geht. Gerade in finanziell schwierigen Zeiten (und wann waren die nicht schwierig in der Nachwendezeit!) hätte es intensivster und sensibelster Zusammenarbeit bedurft zwischen der alten Hansestadt und der Landesregierung in Schwerin. Aber dem Abwickler von Rostock sitzt dort mit dem verantwortlichen Minister Matthias Brodkorb eben auch kein Partner gegenüber, der dessen Selbstherrlichkeit hätte bremsen wollen oder können. Im Gegenteil: Der geplante Neubau eines Theaterhauses für Rostock anstelle des maroden alten Volkstheater-Komplexes wurde zum probaten Druckmittel beim Durchsetzen des landesherrlichen Theatermodells, das in Rostock nur noch ein Rumpftheater vorsieht. Zielvereinbarung mit dem Land heißt so was in der nüchternen Prosa des Beamtendeutschs. Der Bürgermeister hat ihr entsprochen und hofft nun auf den Neubau von Landes Gnaden (und Finanzen).

Stärker noch als das landeshauptstädtische Staatstheater ist das Volkstheater von der lokalen wie der regionalen Politik über Jahrzehnte hin mürbe gespart worden. Nicht erst jetzt, auch schon in vorherigen Intendanzen haben die Beschäftigten aller Sparten an diesem Theater vom städtischen Arbeitgeber immer wieder sehr nachdrücklich mitgeteilt bekommen, wie wenig geschätzt die Arbeit wird und wie wenig wert die Anstrengung ist, die jeder und jede jeden Tag, jeden Abend dafür erbringt, damit der Lappen hoch geht. Als Latchinian kam, hat dann noch einmal jemand die Ärmel aufgekrempelt, um den alten Laden in Schwung und auf frischeren Kurs zu bringen. Nicht immer hat dieser kantige Theaterchef klug taktiert, unausweichlich hat er sich den Rathaus-Chef zum Gegner gemacht; nun, entmachtet, ist er zur Abwicklung verdammt. Und selbst wenn einiges Tages die Oper Rostocks im neuen Haus spielt: Wie kann denn an diesem gebeutelten Betrieb noch irgendjemand mit Lust und Freude an die Arbeit gehen?

So geht jeder und jede einzeln und so geht die Seele eines Theaters in die Brüche.