Theo Clinkards neue Choreographie "somewhat still when seen from above" für die das Tanztheater Pina Bausch, die im September 2015 Premiere feierte

© Foto: Ursula Kaufmann
Zwischenruf

Aufatmen beim Tanztheater Wuppertal

von Marieluise Jeitschko

Endlich gibt es einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, das seit dem plötzlichen Tod der Prinzipalin am 30. Juni 2009 künstlerisch stagniert (siehe auch DdB 2/16). Adolphe Binder, derzeit Direktorin der Danskompani an der schwedischen Staatsoper Göteborg, wird Intendantin von Deutschlands berühmtestem Tanzensemble. Der Vertrag der 46-Jährigen läuft ab Mai 2017 zunächst für fünf Jahre. Die deutsche Kulturmanagerin und Tanzkuratorin gilt in der Tanzwelt als bestens vernetzt, ideenreich und durchsetzungsfähig. Sie führte die schwedische Truppe innerhalb von fünf Jahren zu internationalem Ansehen. Binder war vorher u. a. für die Gestaltung der EXPO 2000 in Hannover mitverantwortlich. Sie hatte bis zur Ablösung durch das Staatsballett die künstlerische Leitung des BerlinBallett  Komische Oper inne. 2005 gründete sie die Beratungsagentur Binder + Partner Berlin (BPB), die künftig (wünschenswert wäre es) womöglich auch die PR-Handschrift in Wuppertal prägen könnte.

Mit Adolphe Binder nimmt in Wuppertal eine Expertin das Heft in die Hand, die unbeeinflusst von der Aura der Tanztheaterikone Bausch antritt. Nicht völlig unabhängig schalten und walten kann sie gleichwohl von den Vorgaben des GmbH-Partners Stadt Wuppertal. Binder betonte bei ihrer Vorstellung in Wuppertal vor wenigen Tagen respektvoll, dass sie "nicht Pina Bausch" sei. Auch wenn sie gerade für ihr eigenes Festival in Göteborg "Northern (de)Lights" eine Tanzinstallation vorbereitet, wird sie nicht choreographieren, sondern sich auf kurative und administrative Aufgaben konzentrieren. Binder will schon jetzt die 35-köpfige Truppe beobachtend begleiten. Das Ensemble soll weiter verjüngt, das Repertoire durch das Engagement namhafter Gastchoreographen erweitert werden. "Mich interessieren Künstler mit einer ganz eigenen Persönlichkeit und Ausdruckssprache," umreißt sie ihren Ansatz.

Dieses Credo klingt nach einem perfekten Match für das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Es wurde durch eben diese Qualitäten zum unverwechselbaren Leuchtturm in der deutschen und internationalen Tanzgeschichte. Dennoch kommen heikle Balanceakte auf die gebürtige Rumänien-Deutsche zu. Der Spagat, Neues mit dem Erbe Pina Bauschs  immerhin an die 40 noch repertoirefähigen Stücke aus 36 Schaffensjahren, weltweit nach wie vor gefragt  harmonisch zu verbinden, ist eine Herausforderung, wie sie kaum eine andere Truppe in der Welt derzeit zu bewältigen hat. Da wird viel Fingerspitzengefühl nötig sein. Denn gerade Bausch-Tänzer der ersten und zweiten Generation sind hochsensibel, wenn es um ihren eigenen Beitrag zu den Stücken geht. Sie neben der Arbeit an neuen Choreographien in die Wiedereinstudierungen von Bausch-Stücken  mit welchem Ensemble auch immer  solange wie irgend möglich einzubinden, muss für Binder Priorität haben. Denn nur so können Pina Bauschs Kunst und ihre Vision eines zeitgenössischen Tanztheaters überleben.

Immerhin: Der Gastspielplan steht bis Ende 2017. Die Planung der Saison 2016/17 aber ist noch offen. Interimsleiter Professor Lutz Förster, dessen Vertrag im Juni endet, sagte uns, er sei nicht zuständig. Aus dem Haus kam die lakonische Antwort: "Das werden wir bei unserer Spielzeit-Pressekonferenz im Frühsommer bekanntgeben. Mit der Bitte um Verständnis und herzlichen Grüßen...."