Das Puppentheater Magdeburg

Das Puppentheater Magdeburg

© Foto: Jesko Döring
Die Teilnehmer der Diskussion.

Die Teilnehmer der Diskussion.

© Foto: Jesko Döring
Zwischenruf

Diskussion zur kulturellen Vielfalt in Magdeburg

von Jan Fischer
Im Rahmen der ,Initiative Offene Gesellschaft' fand im Madgeburger Puppentheater eine Podiumsdiskussion zum Thema ,Wieviel kulturelle Vielfalt braucht das Land?' statt. Eingeladen war auch der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider.

Es hatte vielleicht etwas damit zu tun, wie der Moderator der Debatte – Rüdiger Koch, Magdeburger Bürgermeister a.D. und Kulturpolitiker – den Islamwissenschaftler und AfD-Landtagsabgeordneten in Sachsen-Anhalt Hans-Thomas Tillschneider vorstellte: nämlich als ersten der Teilnehmer und mit dem vorgelesenen Zitat, „Agitprop und Regenbogen-Willkommens-Tralala“ sei nicht seine Vorstellung von Theater und solle, wenn es nach ihm ginge, nicht mehr öffentlich gefördert werden. Dieses Zitat jedenfalls und die anschließenden Kontextualisierungen und Relativierungen Tillschneiders bestimmten die Diskussion, die am Donnerstag im Rahmen der Initiative Offene Gesellschaft unter dem Motto „Wieviel kulturelle Vielfalt braucht das Land?“ im Puppentheater Magdeburg geführt wurde.

Die von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Initiative Offene Gesellschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zur Bundestagswahl jeden Tag mindestens eine Veranstaltung „für eine offene Gesellschaft. Für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit“ zu fördern. Es sollen Diskussionen entstehen, utopische Räume, Diskurse. Das Puppentheater Magdeburg ist mit sechs unterschiedlichen Veranstaltungen dabei – Inszenierungen hauptsächlich, und eben mit der Podiumsdiskussion als Auftakt. Der Intendant des Theaters, Michael Kempchen, erinnert vor Veranstaltungsbeginn noch einmal daran, dass das Theater ein „öffentlicher Diskursraum“ sei und „respektvoller Umgang miteinander“ geboten.

Und von dem gibt es reichlich – gerade in einer Zeit, in der die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali einem rechten Organ wie der Jungen Freiheit ein Interview gibt und damit eine Debatte entfacht, ob man ein solches Gespräch überhaupt führen dürfe. Auch wenn den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion (Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin; Tobias Wellemeyer, Intendant des Hans-Otto Theaters Potsdam; und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates) anzumerken ist, dass die Diskussion doch eine anstrengende ist.

Inhaltlich ist alles sehr erwartbar: Tillschneider zieht sich darauf zurück, dass „das Theater zur Nationalbildung beitragen solle“, dies am besten mit einem von ihm nie näher definierten „Kanon“ aus Werken, die irgendwas Deutsches haben sollen, am besten aber „auf internationale Fragen deutsche Antworten finden“. Wellemeyer – unter dessen Intendanz die Inszenierung „Illegale Helfer“ auf große Kritik der AfD gestoßen war und überregionale Debatten ausgelöst hatte – betont, das Theater sei ein Ort der Begegnung mit dem Publikum. Khuon sieht es als als Aufgabe des Theaters, die Ängste, die die Menschen hegten – etwa vor Globalisierung, vor Einwanderung oder davor, zurückgelassen zu werden – zu thematisieren: „Am besten ist es, Ängsten zu begegnen.“ Zimmermann schließlich geht am aktivsten gegen Tillschneider an: Vielfalt, sagt er, sei eine gute Sache – unabhängig davon, was genau damit gemeint sei. Es sei an der Gesellschaft – und damit auch am Theater –, neue gemeinsame Grenzen zu definieren, an einer Kultur der gemeinsamen Werte zu arbeiten.

Zimmermann ist es auch, der vor dem warnt, was an diesem Abend dann doch passiert. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Debatte über diese Werte von rechts vereinnahmt wird.“ Passagenweise aber ist die Podiumsdiskussion im Puppentheater Magdeburg ein Beispiel genau einer solchen Dynamik: Tillschneider, der AfD-Abgeordnete, sagt etwas, und die drei anderen arbeiten sich daran ab, widersprechen, erklären, aber oft in der Defensive. Selbstverständlich ist diese Dynamik eine gute Sache: Sie zwingt, Argumente hervorzubringen, eine andere Sichtweise einzunehmen, scharf und präzise zu diskutieren. Und trägt so dazu bei, einer Herausforderung zu begegnen, die es nicht nur auf dem Podium gibt. Aber die Diskussion wurde auch schnell sehr allgemein: Von der Frage der kulturellen Vielfalt – erst in der ganzen Gesellschaft, dann im Theater – driftet sie zu den ganz großen Debatten. Erst Aufklärung gegen Romantik – wobei Wellemeyer zur Ehrenrettung der Romantik gegen Tillschneiders „Volksgeist“ beispringt –, letztendlich dann zum Grundgesetz, sodass Zimmermann irgendwann sagt: „Im Grundgesetz steht, ‚Die Kunst ist frei‘, nicht: ‚Die Kunst ist frei, wenn die AfD sie gut findet‘“. Wie so oft in den Medien zu beobachten, wird die Dynamik und Richtung der Diskussion von einem Mitglied der AfD bestimmt. Trotzdem sind solche Debatten nötig. Einfach sind sie sicher nicht.