Thomas Oberender

© Foto: Annette Hauschild
Zwischenruf

Wie geht das: Sterben?

von Thomas Oberender
Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, besuchte die deutsche Erstaufführung von Georg Friedrich Haas' Musiktheater "Morgen und Abend" an der Deutschen Oper Berlin. Überlegungen zu einem virtuellen Klangwogenwerk und der Kraft des Immersiven

Wie geht das: Sterben? "Die Menschen gehen, die Dinge bleiben", heißt es in dieser Oper. Das Unbegreifliche, die Passage vom Leben zum Tod und zurück, von den Geistern ins Reich der Lebenden, im gleißend hellen Licht eines riesigen Scheinwerfers zu zeigen, der unmerklich langsam unterhalb des Portals im Verlauf des Stückes von rechts nach links über die gesamte Bühnenbreite wandert und immer die Mitte der Szene ausleuchtet, ja, fast ausbrennt, ist eine richtige und starke Entscheidung, denn gefühlt ist es eher ein Nacht-Stück, ein Traumspiel, das von den Unschärfen und Übergängen lebt, die es auf der Ebene der Erzählung aber auch der Musik erzeugt, weshalb Georg Friedrich Haas ein idealer Komponist für diesen Stoff ist  mikrotonale Schwankungen, das Ineinandergleiten der Akkorde und akunstischen Unschärfeerfahrung, all das erzeugt jenes Gleiten der Realität, von dem Jon Fosse in seinem Roman berichtet, indem er eine sehr ungewöhnliche Konstruktion geschaffen hat: Der erste, sehr kurze Teil des Buches ist der Bericht der Geburt des Helden Johannes durch den alten Vorfahr Olai vorgetragen, und dann im zweiten Teil die von Staunen und Zweifel getragene Erfahrung des aus-der-Welt-Scheidens eben jenes Jungen, der am Anfang auf die Welt kam. Wie Klaus Maria Brandauer diesen alten Mann über die Geburt des Jungen sprechen läßt, über die Empfindungen des Neu- oder gerade-Geborenen, dessen Mutter, seine Tochter, all jene Figuren, die später im Lebensabend-Film des Sterbenden wieder auftauchen  dies ist von so seltener Genauigkeit in die Klangwelt des Komponisten hineingesprochen, so genau auf die Töne achtend sowohl der Sprache wie auch der Streicher, so perfekt getroffen in der Stimmungslage, die ja doch springt von Satz zu Satz bei Fosse, der Pausen schreibt, die Brüche und Wechsel schaffen in der vom Stocken und Neuansetzen der Sprache gesprägten Situation  all das gestaltet Klaus Maria Brandauer oft Satz neben Satz stellend mit einer so entdeckungsoffenen Kindlichkeit und mit dem wiedergefundenen Wundern über die Welt, die Beobachtungen sehr konkreter und doch unfassbarer Realitäten, dass es herzergreifend wirkt, wie da ein lebensweise gewordener Mann allein auf der Bühne diese Erzählung so reich an sprachlichen Valeurs in den Raum bringt.  

Die sehr, vielleicht sogar zu vorsichtige Inszenierung dieser Totenreise, die der Partitur und dem Text selber kein eigenes erfinderisches Mittel hinzufügt, um das Abenteuer der Passage, des Traums und Rausches, wie sie die Musik und das Libretto vorlegen, im Raum und den Bewegungen der Figuren frei zu gestalten, sondern die lieber das Buchstäbliche erfüllt, bleibt sehr sauber und luzide und das ist dann doch ein bemerkenswerter Kontrast zu einem Stück, das die Welt erfährt aus der Position des Staunens, des Unverständnis und der Selbsttäuschung, die den Betrachter eben durch diese Verwirrung des Geistes und eigenen Lebensstatus der Figuren im Saal sehen macht und tief berührt. Denn das Stück ist, obgleich es vom Tod und Unbewissen handelt, alles andere als esotherisch und vage, vielmehr zeigt es detailliert und mit einem emotionalen Brennglas Situationen eines bestens bekannten Alltags, der langsam und verwirrend ins Unheimliche hinüberwächst oder abrutscht, je näher der Held dem Tode entgegen geht: So trifft Johannes auf dieser Passage ins Licht seinen besten Freund, der ihm seit Jahrzehnten die Haare schneidet, oder geschnitten hat, wieder wie im Leben, obwohl er doch bereits gestorben ist. "Ich habe ein bisschen Körper bekommen", sagt sein Freund zu ihm, "damit ich dich holen kann." Johannes trifft auch seine Frau, die ihm wie immer Kaffee gekocht hat, aber plötzlich nicht mehr antwortet, obwohl sie doch gerade noch mit ihm gesprochen hat.

All dies ist nicht nur ein szenischer Vorgang aus Bewegungen und Bemerkungen, sondern die Oper erzählt dies in Form von Klangverschiebungen, die sich immer wieder auch als Schocks und feines Klirren und Zwirbeln, ausgelöst von zwei vorgelagerten Schlagwerkinseln seitlich im Parkett, auf den Beobachter übertragen, weil er geradezu mittendrin sitzt in diesem Klangwogenwerk. "Alles, was du liebst, ist dort", sagt sein Freund, der Bote und Begleiter zu Johannes über das Ziel der Reise, auf die er sich begeben hat, ohne es recht zu merken  dieser Jedermann von heute, der über genau das spricht, wovon Hoffmannsthal damals fast nichts berichten ließ.  

Dieses Stück schafft eine Trance, ein schamanistisches Ritual  es ist eine besonders immersiv wirkende Oper, die weder im Thema noch in der Form ein Gegenüber duldet, sondern alles daran setzt, die Trennung, die Grenze zwischen "hier und dort" aufzulösen und ein Spiel in Gang zu setzen, das uns hinüberzieht in seine Überwindung aller Grenzen. "Die Dinge", heißt es ganz zu Beginn im Libretto von Jon Fosse, "stehen da so schwer von allem, was gewesen ist und zugleich so leicht". Wer diese Sätze von Klaus Maria Brandauer gesprochen hört, der ist schon unmerklich mitgenommen worden  hinüber in diese andere Weltlage, in die Vorgeschmackssphäre der Kunst, die mit aller Behutsamkeit, Satz für Satz die Loslösung von hier und jeder Form von Nachbarschaft vorantreibt und einen lyrischen, seelischen Stimmungsraum schafft für ein Begreifen von Dingen, für die unsere Sprache ein zu grobes Werkzeug ist. Hier hilft die Musik, hier hilft der Mut und die Reife von Komponisten und Interpreten, ganz unsentimental über die größte Sache des Lebens zu sprechen: Seinen Anfang und sein Ende.

„Morgen und Abend“, Musiktheater von Georg Friedrich Haas nach dem Roman von Jon Fosse // DE an der Deutschen Oper Berlin // Regie: Graham Vick // Musikalische Leitung: Michael Boder // Klaus Maria Brandauer als Olai