Wuppertaler Wunden

Mit der Entlassung von Adolphe Binder als Intendantin des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch haben die Verantwortlichen fatal gehandelt

Ein Kommentar von Ulrike Kolter

Es war von Anfang an eine unwürdige mediale Schlammschlacht, ausgetragen auf dem Rücken derer, die auf einem guten Weg waren, das Werk Pina Bauschs endlich in die Zukunft zu führen: der Tänzerinnen und Tänzer des Tanztheaters Wuppertal und ihrer am 13. Juli fristlos entlassenen Intendantin Adolphe Binder.   Ausgerechnet auf einem Gastspiel in Paris erfuhr das Ensemble von der Entscheidung des Tanztheaterbeirats, der damit dem vorangegangenen Antrag von Geschäftsführer Dirk Hesse entsprach.

Man muss ein paar Dinge sammeln, um die Causa Binder/Hesse zu verstehen: Mit der Tanzmanagerin Adolphe Binder kam die erste Nachfolgerin Pina Bauschs an die Wupper, nach neun Jahren Repertoirepflege entstanden in dieser Saison erstmalig zwei Uraufführungen, die Bauschs Ästhetik zwar sehr nahe standen, von Publikum und Presse aber weitgehend positiv beurteilt wurden. Binder, zuvor Leiterin der Göteborg Danskompani, hatte in Wuppertal jedoch von Beginn an mit einer strukturellen Barriere zu kämpfen: Formal war Geschäftsführer Dirk Hesse ihr Vorgesetzter, ihre künstlerische Intendanz rangierte in Fragen von Besetzung bis Spielplangestaltung entsprechend unterhalb von Hesse, der selbst seit neun Jahren die Compagnie mit Interimsintendanten geleitet hatte. Welches Konfliktpotential ein derartiges Machtgefüge hat, lässt sich momentan auch an den Bühnen Halle sehen, wo Geschäftsführer Stefan Rosinski immer wieder im Kompetenzstreit mit seinen ihm gegenüber weisungsgebundenen Intendanten liegt.

In Wuppertal sollen Vertreter der Stadt und Dirk Hesse seit Monaten die Vertragsauflösung von Binder gefordert haben. Ob persönliche Ressentiments da reinspielten, ob Hesse ihrer Berufung – wie vielfach behauptet – von Anfang an kritisch gegenüberstand, bleibt Spekulation. Jedenfalls wurden laut übereinstimmenden Medienberichten vor der finalen Beiratsverhandlung gezielt schwerwiegende Vorwürfe in die Presse lanciert: Fehlverhalten Binders gegenüber Mitarbeitern, Mobbing, vor allem aber: ein nicht rechtzeitig eingereichter und angeblich nicht tragfähiger Spielplan für die kommende Saison. Und spätestens hier beginnt die Grauzone, die nun juristisch aufzuarbeiten sein wird. Binder selbst bezeichnet die Vorwürfe wenige Tage später in einem offenen Brief als „unhaltbar“; sie habe den Spielplan rechtzeitig entworfen, der vom Geschäftsführer jedoch nicht akzeptiert worden sei. Wer das zu verantworten hat, ist von außen kaum objektiv zu beurteilen.

Dennoch zeichnen diverse Aussagen der Beteiligten ein ziemlich klares Bild der Fronten: Während sich die große Mehrheit des Tanzensembles öffentlich hinter ihre Intendantin gestellt hat – von der plötzlichen Entscheidung des Beirats gleichfalls geschockt wie enttäuscht –, zeigt die Stadt deutlich, wen sie für schuldig hält. „Das Verhalten von Frau Binder hat keine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Leitungskräften und vor allem dem Geschäftsführer mehr zugelassen“, so Dezernent Johannes Slawig im Interview mit arte. Und Kulturdezernent Matthias Nocke begründet im Deutschlandfunk die Trennung von Binder mit einer drohenden „Implosion dieses einmaligen Kulturgutes“. Da habe man die Reißleine ziehen müssen. Schon die erste Stellungnahme des Tanztheaterbeirats von Mitte Juli schreibt Binder lediglich „künstlerische Impulse“ zu, während die Arbeit von Hesse „herausragende Leistungen“ erbracht habe. Man „nimmt zur Kenntnis“, dass er seinen Posten Ende diesen Jahres räumen wird.

Adolphe Binder hat inzwischen gegen ihre Entlassung geklagt, am 4. September ist die erste Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht Wuppertal angesetzt. Es könnte teuer werden für die Stadt Wuppertal! Fataler noch ist der Scherbenhaufen, vor dem das Ensemble jetzt steht.