Schiffbruch auf Kölns Theaterbaustelle

Als die neue Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker jetzt die nächsthöhere Alarmstufe um das Sanierungsdesaster der Kölner Bühnen ausrief – in Zahlen: Kostensteigerung bei den Arbeiten am Bauensemble des Kölner Architekten Wilhelm Riphahn am Offenbachplatz zwischen 40 und 60 Prozent auf bis zu 460 Millionen Euro, Fertigstellung keinesfalls vor 2018 –, da musste ich ans Segeln denken. Alles, was ich vom Segeln weiß und kann, habe ich von meinem Freund Jürgen gelernt. Mit ihm würde ich quer über den Atlantik segeln und sogar bis ans Ende der Welt, wenn er für die Rückkehr geradesteht. Aber wenn ich mir eines Tages mal ein schönes Segelboot bauen lasse (Lottogewinn vorausgesetzt), würde ich ihm das bestimmt nicht anvertrauen. Er ist nun mal Segler und kein Bootsbauer.

Sie finden es daneben, so eine Binsenweisheit hier weitschweifig auszubreiten? Kann ich verstehen. Daneben ist das passende Stichwort. Mit der Kölner Opernintendantin Birgit Meier, dem Schauspielintendanten Stefan Bachmann und dem Geschäftsführenden Direktor Patrick Wasserbauer kann man wunderbar über den großen Teich des Theaterrepertoires segeln. Trotzdem würde doch niemand auf die Schnappsidee kommen, ihnen den Bau eines Opernhauses anzuvertrauen, oder? Tja – genau das aber tat die Stadt Köln: Der Jurist Wasserbauer führte die Aufsicht über eine hochkomplizierte Sanierungs-Baustelle mit 170 beteiligten Firmen, auf der das Chaos offenbar von Monat zu Monat größer wurde: Insolvenz, Kündigung, Austausch des Projektsteuerers, Verschiebung der Fertigstellung in letzter Minute, Streit um die Ausweichspielstätten – wer Wasserbauer jetzt vorwerfen wollte, dass er dieses Wirrwarr nicht bändigen konnte, will allenfalls von eigener Verantwortung ablenken. Wahr ist vielmehr, dass man es nie von ihm hätte erwarten dürfen. Erst nachdem das Kind klaftertief in den Brunnen gefallen ist, geht nun der Kölner Stadtführung der Seifensieder auf, dass es dazu wohl doch eines fachlich kompetenten technischen Betriebsleiters bedarf.

Köln zeigt damit exemplarisch die typische Gemengelage solcher Baukatastrophen: Fachliche Überforderung und fehlendes Verantwortungsbewusstsein in den Spitzen der städtischen Politik und Verwaltung, ein geradezu katastrophales Controlling und Krisenmanagement. Und womöglich spielt auch das europäische Vergaberecht eine Rolle, das öffentliche Auftraggeber zwingt, den kostengünstigsten Anbieter zu nehmen und nicht den mit der vertrauenswürdigsten Expertise. Wie solche „Kostengünstigkeit“ aussieht, kann man jetzt in Köln besichtigen. Ob es bei den veranschlagten Mehrkosten bleibt, weiß derzeit kein Mensch. Ob man wenigstens 2018 wieder ins Stammhaus am Offenbachplatz einziehen kann, steht in den Sternen. Eine belastbare Kosten- und Zeitprognose wird erst Ende 2016 vorliegen. Damit liegt auch das Ausweichspielstätten-Problem wieder auf dem Tisch, denn 2017 muss die Oper ihre derzeitiges Quartier, das Staatenhaus am Rande des Messegeländes, wieder räumen, wenn der Vermieter kein Einsehen zeigt. Aber selbst wenn er es zeigt: Er wird es sich teuer bezahlen lassen.

Für den einzigen Hoffnungsschimmer sorgte die neue Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die, gerade von der Messerattacke eines ausländerfeindlichen Attentäters wieder genesen, das Projekt zur Chefsache gemacht und die bisherigen Mängel offen benannt hat. Sie ist unbelastet von der desaströsen Vorgeschichte, und ihre Perspektiven sind gar nicht schlecht. Denn es kann in Köln nur besser werden.

Detlef Brandenburg