Theater als Fernseh-Event: "Terror"

Am 17. Oktober lief das erfolgreichste Stück der Gegenwart, Ferdinand von Schirachs „Terror“, das erst vor einem Jahr im Theater Premiere hatte, im Fernsehen – nicht nur in der ARD, sondern eurovisionsvereint auch in der Schweiz und in Österreich.

Die hochkarätig besetzte Verfilmung zeigte die Stärken des Stücks: eine tagespolitisch wie existenziell spannende Geschichte, bei der die Psychologie der Figuren kaum eine Rolle spielt. Das Sprechspiel vermochte 90 Minuten lang zu fesseln, ohne dass die Kamera (etwa für Rückblenden) den Gerichtssaal je verließ – dabei kommen Theaterinszenierungen derzeit nur noch selten ohne Filmprojektionen aus.

Der problematische Teil begann mit der Abstimmung des Fernsehpublikums via Internet oder Telefon. Im Theater bringt dieser Clou fürs Publikum eine erhöhte Aufmerksamkeit, der Spielcharakter bleibt aber immer erhalten. Im Medium Fernsehen, dass neben Rollenspiel aber auch für Information steht, vermengte sich das Kunstspiel mit den politischen Hintergründen auf problematische Weise. Der frühere Innenminister Gerhart Baum hatte im Vorfeld die Eventisierung der Rechtssprechung kritisiert, was ihn nicht daran hinderte, an der aufarbeitenden Sendung „Hart aber fair“ teilzunehmen – und gleich selbst Fiktion und reale Rechtsdebatten zu vermischen. Um Klarheit bei der Trennung von Kunstwerk und juristischer Faktenlage bemühte sich die Theologin Petra Bahr ziemlich allein gegen die drei Mitdiskutanten und den Moderator.

Das Ergebnis brachte mit über 80 Prozent einen deutlichen Freispruch für den Angeklagten. Das ist angesichts dessen, dass auch in den Theatern mit rund 60 Prozent die Freisprüche überwiegen, wenig überraschend. Umso befremdlicher war, wie Moderator Frank Plasberg diese Zahl als wichtigstes Ergebnis des bemerkenswerten Fernsehabends betonte.

Fürs Fernsehen sollte die seltsame Mischung aus Justizdrama und Infotainment Anlass sein, über das Verhältnis von Fiktion und vermeintlicher Information intensiver nachzudenken. Das Volk als Richter ist gefährlich; Rechtsdebatten in der Öffentlichkeit sind aber zugleich dringend notwendig für die Demokratie.

Detlev Baur